Weitere musikalische Highlights des Jahres 2014

Auch die zweite Hälfte des Jahres 2014 hatte etliche sehr gute musikalische Veröffentlichungen vorzuweisen (hier findet Ihr die Tipps aus der ersten Jahreshälfte). Einige davon, über die man vielleicht nicht so ohne Weiteres stolpert, möchte ich hier kurz vorstellen.

Anathema: Distant Satellites

Anathema sind ja nun keine ganz Unbekannte mehr, allerdings stelle ich immer wieder überrascht fest, wie viele Musikfans von denen noch nie was gehört haben. Nachdem die Briten vor zwei Jahren das fantastische Album Weather Systems rausgebracht und im letzten Jahr mit der Live-DVD Universal (mit Orchester) einen großartigen Nachschlag dazu lieferten, lag die Messlatte natürlich schon sehr hoch. Und die Band kann ihr unglaubliches Niveau halten und schafft es, sich durch gerade im zweiten Albumteil vermehrt verwendete Elektronik weiterzuentwickeln. Die Melancholie wird nach wie vor groß geschrieben, und auch Sängerin Lee Douglas bekommt wieder ausreichend Gelegenheit, neben Leadsänger Vincent Canvanagh zu brillieren. Dazu haut dessen Bruder Danny an der Gitarre dann noch wieder etliche tolle Melodiebögen raus – Wohlfühlmusik mit extrem viel Tiefgang. Das kann man sowohl locker nebenbei als auch zum Drin-Versinken über Kopfhörer genießen. Höhepunkt für mich: Der Song Anathema in der Albummitte, der alle Qualitäten der Band auf eindrucksvolle Weise widerspiegelt. Und hier kann man bei YouTube sogar in das komplett Album reinhören.

The August: Lizard King

The August kommen aus Aschaffenburg und präsentieren auf ihrem Debütalbum eine ansprechende Mischung aus Postrock, Artrock, Elektronik und Indie. Mal schaffen die Jungs Atmosphären wie Sigur Ros, mal knallen die Gitarren rein wie bei heftigeren Mogwai-Songs, dabei verlieren sie allerdings nie den Song und die dazugehörigen Hooklines aus den Augen. Das Ganze gestaltet sich sehr abwechslungsreich, mal führt die Elektronik, mal die „klassische“ Bandbesetzung. Der Gesang ist angenehm in die Musik integriert und erinnert mich zuweilen ein wenig an Pineapple Thief – allerdings nicht im Sinne eine Plagiats, sondern nur als grobe Orientierung. Auf der Facebook-Präsenz der Band kann man in alle Songs des Albums reinhören und dann auch diverse Formate zu ausgesprochen fairen Preisen ordern. Ein sehr vielversprechendes Debüt, das auf Weiteres gespannt macht!

Ghost Brigade: IV – One With The Storm

Auf ihrem vierten Album entdecken die Finnen den Longtrack für sich. Gut, so richtig das 3-Minunten-Schema haben die Düstermetaller noch nie bedient, aber dass die Jungs nun gleich zweimal die sieben und einmal sogar die zehn Minuten (beim großartigen Electra Complex) überschreiten, ist dann doch schon ungewöhnlich. Aber genau das tut ihren Songs auch gut und gibt ihnen teilweise sogar einen Touch von Prog. Da Sänger Manne Ikonen sowohl clean-melodischen als auch heftigst gegrowlten Gesang beherrscht, bieten sich der Band (ähnlich, wie das bei Opeth früher der Fall war) mannigfaltige Variationsmöglichkeiten, die auch entsprechend instrumental vielfältig ausgelotet werden. Richtig temporeiches Geknüppel findet sich zwar nicht, aber die überwiegend im Midtempo-Bereich angesiedelten härteren Passagen knallen auch so ordentlich rein und bieten einen interessanten Kontrast zur ruhig-melancholischen Seite der Band. So ergibt sich insgesamt ein sehr abwechslungsreiches Album, das eine gelungene Weiterentwicklung des Ghost-Brigade-Sounds darstellt, ohne die bandtypische Klangästhetik vermissen zu lassen.

Lamb: Backspace Unwind

Lambs zweites Album nach ihrem Comeback (nach acht Jahren ohne reguläres Album kann man das ruhig so sagen, finde ich) überzeugt auf der ganzen Linie. Der Trip-Hop des britischen Duos ist von einer ungemeinen Eleganz, sehr transparent produziert und überwiegend recht ruhig gehalten, wobei jedes Stück mit einer ganz eigenen Atmosphäre besticht, aber auch immer auf die recht spezielle Stimme von Louise Rhodes zugeschnitten ist. Der Opener In Binary offeriert zunächst mal den Sound, den man von Lamb kennt, und weist eine sehr schöne Hookline auf. Dann kommt als drittes Stück schon bald eines meiner Highlights des Albums: As Satellites Go By. Überwiegend mit Klavier und Streichern sehr ruhig gehalten, wird die Stimmung dann im Mittelteil durch recht abgefahrene Drums kontrastiert – herrlich! Seven Sails bietet dann Sounds, wie man sie bei den spartanischeren Stücken des letzten Portishead-Albums gehört hat und ist eingebettet zwischen Nobody Else und Doves & Ravens, zwei fast schon an Jazzballaden erinnernde Songs (allerdings ohne dabei langweilig zu sein). Insgesamt ganz großes Kino – Lamb sind auch nach vielen Jahre immer noch interessant und setzen im Trip-Hop-Genre Akzente.

Lunatic Soul: Walking On A Flashlight Beam

Das Soloprojekt von Riverside-Sänger Mariusz Duda (Riverside) geht in die vierte Runde. Anders als bei vielen anderen Alleingängen von Musikern erfolgreicher Bands geht Duda mit Lunatic Soul einen ganz anderen Weg als mit seiner Stammband, die ja eher im gitarrenbetonten härteren Art-/Progrock unterwegs ist. Bis auf die Drums hat Duda das Album im selbst eingespielt und dabei ein atmosphärisch dichtes Werk geschaffen. Gesanglich gibt er sich überwiegend ruhig gehaltenen und elektronisch dominierten Songs sehr flexibel, so klingt er bei Gutter stellenweise fast wie Morten Harket von a-ha. Kernstück des Albums ist für mich das epische Pygmalion’s Letter, bei dem Duda seine Vorstellungen von entspannter, aber trotzdem spannender Musik in zwölf Minuten ausbreitet. Dabei versprüht die Musik neben aller Melancholie, ohne die es bei Duda wohl nicht geht, eine gewisse Leichtigkeit, die das Werk sehr zugänglich macht. Einfach schön!

Sleeping Pulse: Under The Same Sky

Anscheinend ist Nick Moss bei seiner Hauptband Antimatter nicht so ganz ausgelastet, und so hat er ein weiteres Projekt ins Leben gerufen, das er nun zusammen mit dem portugiesischen Gitarristen (o. k., Bass und Tasten spielt er auf dem Album auch) Luis Fazendeiro betreibt. Durch die unverwechselbare Stimme von Moss und die den Songs innewohnende Melancholie sind natürlich Parallelen zu Antimatter zu ziehen, wenngleich Fazendeiro hier komplett für das Songwriting und Moss „nur“ für die Texte verantwortlich ist. Allerdings gehen Sleeping Pulse schon eine Spur rockiger zur Sache, die Gitarren sind häufiger mal verzerrt, und viele Songs haben neben den eher ruhigen Passagen dann auch etwas krachigere Momente – natürlich alles zum stimmigen Gesamtkonzept passend und nicht etwa metallen. Insgesamt ergeben sich so zehn tolle Songs, die so richtig schön in die Veröffentlichungsjahreszeit Herbst hineinpassen. Zum Song War wurde sogar ein Video gedreht, dass man sich bei YouTube anschauen kann. Für Antimatter-Fans ist das Album ein Pflichtkauf, Freunde von ruhig-melancholischer Rockmusik mit Tiefgang und tollen Melodien sollten in jedem Fall ebenfalls mehr als nur ein Ohr riskieren! Ach ja: Und es lohnt sich, die 2-CD-Version zu erwerben, denn auf der Bonusscheibe befinden sich noch fünf sehr schöne Akustikversionen von Songs des Hauptalbums!

Solstafir: Ótta

Das Vorgängeralbum Svartir Sandar war mein Lieblingsalbum des Jahres 2011, also bin ich natürlich mit entsprechend hohen Erwartungen an das neue Werk der Isländer herangegangen. Und diese wurden auch nicht enttäuscht: Solstafir kultivieren ihren Mix aus Sigur Ros meets Monster Magnet auf gleichbleibend hohem Niveau. Das Album ist wieder komplett auf Isländisch gesungen, aber die Musik ist so hochatmosphärisch, dass die Intention auch ohne jedes Textverständnis rüberkommt: So klingt Island mit seiner kargen, rauen Landschaft! Die metallischen Ausbrüche hat die Band noch ein bisschen mehr zurückgefahren, allerdings gibt es immer noch genügend Passagen, in denen die Jungs ordentlich losrocken. Allerdings passt die Kategorisierung zum Metal damit immer weniger, mittlerweile ist das lupenreiner Postrock mit einer ordentlichen Portion Stonerrock. Die Melodien sind wieder schwelgerisch, den Songs wird genug Zeit zur Entfaltung gegeben (exemplarisch sei hier Lágnaetti genannt, das mit herrlichen Klavierfiguren besticht und zu dem es ein schönes Video – natürlich wieder mit vielen Landschaftsaufnahmen Islands – gibt). In das ganze Album kann man hier bei YouTube reinhören, und wenn die Jungs mal in der Nähe spielen – nichts wie hin da, die sind live noch mal eine Spur großartiger als vom Tonträger!

3rd Ear Experience: Incredible Good Fortune

Was für ein Trip! In 75 Minuten mischen die US-Amerikaner Psychedelic und Spacerock munter durcheinander, was dann insgesamt fünf ausgesprochen hypnotische Songs ergibt. Das „normale“ Bandinstrumentarium wird dabei auch um exotische Instrumente wie Saxofon, Flöte, Mundorgel, Djembe und allerlei Percussion erweitert, sodass die Gitarreneskapaden auch ordentlich grooven. Vieles geht dabei instrumental ab, ab und zu wird auch gesungen, manchmal in fast schon schamanischer Manier (gut, der letzte Song heißt ja auch Shamen’s Dream), was das Rauschhafte des Albums noch erhöht. Dabei wird immer viel Wert auf Atmosphäre und auch Melodien gelegt, sodass die Songs immer wieder Ruhepunkte haben zwischen den Gitarreneruptionen. Einen Ausschnitt (dafür allerdings mit schönen Bildern) des erste Tracks Tools kann man sich auf YouTube anhören, bestellen kann man sich das Album am besten, wenn man keine Mondpreise dafür zahlen möchte, bei spezialisierten Versendern wie zum Beispiel JustForKicks. Schön abspacen …

Yob: Clearing The Path To Ascend

Ein Brocken von einem Album. Vier Tracks auf 66 Minuten, das ist schon mal eine Hausnummer und zeigt, dass Yob aus den USA sich Zeit lassen bei der Entfaltung ihrer Songs. Musikalisch wird abwechslungsreicher Doom geboten, mal in Richtung Black Sabbath tendierend, mal eher auf Neurosis und Isis verweisend, was auch immer ein bisschen davon abhängt, ob der Gesang nun clean oder gegrowlt daherkommt. Monotonie ist allerdings nicht wirklich angesagt, da die Stücke sehr abwechslungsreich komponiert und arrangiert wurden. Mein persönliches Highlight ist der Schlusstrack Marrow, der alle Stärken der Band gut bündelt. Für Freunde schweren, langsamen und düsteren Metals ein Hochgenuss, aber auch für Rockhörer, die keine Berührungsängste mit zuweilen harschen Vocals haben, durchaus gut geeignet.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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