Die Fußball-EM und der Regenbogen

Für viel Aufregung sorgt gerade die Entscheidung der Uefa, einen Antrag des Münchner Stadtrates abzulehnen, der zum Inhalt hatte, das Münchner Stadion beim EM-Vorrundenspiel Deutschland gegen Ungarn in Regenbogenfarben zu illuminieren (s. hier). Hintergrund dieser Aktion: Das rechtsextreme Regime von Victor Orbán hat kürzlich in Ungarn ein stark kritisiertes homosexuellenfeindliches Gesetz erlassen, und hiergegen sollte dann eben mit den Farben der LGBTQ-Bewegung ein entsprechendes Zeichen gesetzt werden. Dass die Uefa dabei nicht mitspielt, wundert mich, ehrlich gesagt, nicht. Und auch die Aufregung vieler, die inhaltlich zwar sehr gerechtfertigt ist, hat für mich einen schalen Beigeschmack.

Dass Fußballverbände generell ziemlich geldgierige, oft korrupte und politisch sehr flexible (um es mal wohlwollend auszudrücken) Institutionen sind, ist ja nun nichts Neues. Die FIFA und ihre Korruptionsskandale könnten Bücher füllen, spätestens nach der gekauften WM-Ausrichtung 2006 weiß man auch, dass der DFB nicht zu Unrecht seit Jahren von Fans in Sprechgesängen als „Fußballmafia“ bezeichnet wird, und nun reiht sich eben auch noch die Uefa da mit ein.

Dass man bei europäischen Fußballverband ein Herz für Despoten hat, war zudem schon vor der Europameisterschaft klar, wie Ronny Blaschke in einem Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik schildert. Neben dem Ungarn Orbán haben auch Russlands Vladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan aus der Türkei und der aserbaidschanische Autokrat Ilham Aliyev jeweils einen Spielort für EM-Begegnungen bekommen. Da bekommt diese merkwürdige Idee, das Turnier nicht mehr wie bisher in einem Land stattfinden zu lassen, neben der sportlichen Unwucht (Heimspiele für einige ausgesuchte Teams und nicht nur für einen einzigen Gastgeber) auch gleich noch einen etwas muffigen politischen Beigeschmack, wie ich finde.

Und da auch viele der Sponsoren des Turniers aus nicht eben demokratisch vorbildlichen Ländern kommen (z. B. aus China und Katar) und der aserbaidschanische staatliche Ölkonzern SOCAR auch zumindest für die dann coronabedingt geplante EM 2020 mit an Bord war (s. hier), ist es auch klar, dass die UEFA es sich mit diesen Geldgebern nicht verscherzen möchte, sodass alles, was auch nur entfernt mit Menschenrechtspolitik zu tun hat, von den Spielen ferngehalten werden soll.

Dabei hat Fußball grundsätzlich eine politische Komponente, die allein schon aufgrund seiner sozialen Bedeutung für Abermillionen Menschen besteht. Die Aussage, Politik und Fußball hätten nichts miteinander zu tun, ist also kompletter Mumpitz – und wird in der Regel vor allem von eher rechts stehenden Fans bemüht, um sich selbst keiner Kritik ausgesetzt sehen zu müssen.

Wie politisch Fußball ist, war vor allem jetzt auch gerade zu sehen, und zwar ausgerechnet vonseiten der ungarischen Fans, als etliche Neonazis unter den Zuschauern waren und auch entsprechend unangenehm mit rassistischen Äußerungen und Hitler-Gruß aufgefallen sind (s. hier). Was die Uefa allerdings nicht so richtig zu stören scheint – im Gegensatz zur Beleuchtung einer Spielstätte, mit der Weltoffenheit und Toleranz zum Ausdruck gebracht werden soll.

Und auch dass nun andere deutsche Stadien stattdessen zum Zeitpunkt des Spiels Deutschland gegen Ungarn in den Regenbogenfarben illuminiert werden sollen, ändert nichts an der Tatsache, dass die Uefa offensichtlich ein ziemlich übler Haufen ist, bei dem Menschenrechte nicht so richtig hoch im Kurs stehen und wo man ein Herz für menschenverachtende Despoten hat. Mal abgesehen davon, dass natürlich das Stadion, in dem das Spiel stattfindet, deutlich mehr im Fokus steht als Stadien in irgendwelchen anderes Städten – was für die Symbolwirkung so einer Beleuchtungsaktion dann doch schon relevant ist, wie ich finde.

Wer aus der Politik dann der Uefa gleich beispringt, ist auch bezeichnend:

Der Typ links ist übrigens nicht, so wie sein Spießgeselle auf der rechten Seite, bei der AfD, sondern bei der FDP. Woran man dann, so als kleiner Nebeneffekt dieser Sache, auch noch gleich bemerkt, dass zwischen diese beiden Rechtsaußenparteien wahrlich kein Blatt Papier mehr passt …

Die „Schwuchtelbinde“, die der deutsche Torhüter Manuel Neuer im Spiel gegen Portugal als Kapitänsbinde getragen hat, war natürlich auch in den Regenbogenfarben. Was die Uefa dann gleich mal dazu veranlasste, deswegen Ermittlungen gegen Neuer zu aufzunehmen. Auch wenn diese mittlerweile wieder eingestellt wurden (s. hier), so zeigt das doch, welche Geisteshaltung da im Fußballverband vorherrscht.

Und diese Haltung wird nun sehr zu Recht von vielen kritisiert. Das dürfte der Uefa allerdings, mit Verlaub, so ziemlich am Allerwertesten vorbeigehen, denn der Großteil derjenigen, die sich nun echauffieren, wird nach wie vor vor der Glotze hängen und sich die Spiele anschauen. Und wird damit dann in der Währung zahlen, die für die Uefa relevant ist: Aufmerksamkeit. Denn nur weil man sich sicher sein kann, dass Abermillionen Menschen die Spiele im Fernsehen verfolgen, kann man die enormen Werbeeinnahmen mit so einem Turnier generieren.

Insofern muss man aus Sicht der Uefa da leider feststellen: alles richtig gemacht. Die Despoten und die ihnen wohlgesinnten Sponsoren nicht verprellt, dafür zwar das Image beim „Fußballpöbel“ (so mal aus Sicht der „hohen Herren“) ein wenig mehr ramponiert, aber das ist ja eh schon nicht das beste – also, was soll’s?. Und Konsequenzen wird das auch wieder nicht haben, denn die Fußballjunkies werden es sich nicht nehmen lassen, trotzdem schön das Glotzvieh für die Sponsoren zu geben. Das ist genauso clever wie abgewichst, aber mit so was ist man heutzutage leider meistens erfolgreich.

Auf die Spitze getrieben wird dies dann im kommenden Jahr bei der Fußball-WM im Lande der Mittelaltermonarchen von Katar. Auch da gab es einige Misstöne, dass beim Bau der Stadien 6500 Arbeiter ums Leben gekommen sind (s. hier), doch möchte ich wetten, dass, sobald der Ball dann rollt, diese Umstände genauso wie die Tatsache, dass man einer PR-Veranstaltung eines richtig üblen, undemokratischen Systems beiwohnt, schnell in den Hintergrund treten werden.

War ja letztlich bei der WM 2014 in Brasilien auch nicht anders, denn auch dort gab es reichlich Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen im Vorfeld des Turniers (s. hier), die jeden anständigen Menschen eigentlich dazu hätten veranlassen sollen, dieses Spektakel links liegen zu lassen. War ja dann aber irgendwie nicht so ganz der Fall …

Und so reiht sich das eklige Verhalten der Uefa bei dieser EM ein in die Reihe der Fußballgroßveranstaltungen, bei denen ethische Vorstellungen einfach mal auf Pause gestellt werden.

Insofern sollte bitte jeder, der diese Turniere weiter verfolgt und damit am Leben hält (und den Verbänden die Taschen füllt), vielleicht besser mal den eigenen Anteil daran reflektieren, anstatt sich ergebnislos aufzuregen, wenn zum wiederholten Maße für so ein Spektakel Menschenrechte hintenanstehen müssen.

print

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Ein Gedanke zu „Die Fußball-EM und der Regenbogen“

Schreibe einen Kommentar