Einen Tag CDU-Wähler

Manchmal wäre ich doch gern CDU- oder FDP-Wähler, das habe ich mir eben einfach mal so überlegt.

Ich würde einfach eines Morgens aufstehen und die Welt plötzlich mal aus einer ganz neuen Perspektive sehen.

Der Klimawandel wäre plötzlich gar nicht mehr schlimm, wir könnten da sowieso nichts ohne den Rest der Welt machen mit unseren lächerlichen zwei Prozent Anteil am CO2-Ausstoß. Da können wir ja einfach weitermachen und auf die anderen warten, wir brauchen ja keine Innovationen und keine neuen Technologien und überhaupt: Nach jedem Unwetter muss doch auch neu gebaut werden, das kurbelt die Wirtschaft an und sorgt für stetiges Wachstum. Also je mehr Unwetter, umso mehr Wachstum. Dann bräuchte man auch keine Kriege mehr, die Zerstörung kommt jetzt von selbst.

Ich bräuchte auch nicht mehr auf Fleisch aus Massentierhaltung zu verzichten, denn es ist ja schließlich mein geliebter Markt, der den Preis macht. Die ollen Tiere haben da halt Pech gehabt, würden die was von Marktwirtschaft verstehen, sie würden mir sicher recht geben. Und das bisschen Regenwald, was interessiert mich das denn? Da muss sich der Bolsonaro drum kümmern und nicht wir.

Billig zu produzieren ist sowieso das A und O, was brauchen die Leute alle so viel Geld? Können doch froh sein, wenn sie einen Job haben, bei dem sie genug verdienen, um am Konsum teilhaben zu können, schließlich müssen ja die Aktionäre und die Finanzbranche ordentlich Gewinne machen, damit das System weiterläuft. Sonst wandern die alle sofort ins Ausland ab. Dass jeder Fünfte deswegen im Niedriglohnsektor arbeitet, ist da nun mal das Mittel zum richtigen Weg.

Und dank Massentierhaltung, Pestizideinsatz und Billigstimporten aus China oder Ländern, mit denen wir Freihandelsabkommen abgeschlossen haben, wo die Arbeitsbedingungen noch schlechter als hier sind, kann man sich doch noch fast alles leisten.

Und überhaupt, geht es den Leuten woanders viel schlechter, was jammern die Linken also dauernd herum?

Steigende Altersarmut ist doch auch nur deren Erfindung, und wer sein Leben mit Kindererziehung verschwendet hat, anstatt das gelernten Erziehern zu überlassen, oder gar faul unterm Baum gelegen hat, statt Vollzeit zu arbeiten, hat selbst Schuld. Wir sind doch noch nicht das Sozialamt für Wohlstandsverweigerer.

Ich selbst verdiene ja genug, meine Rente wird schon reichen, da hätte ich Vertrauen in die Politik und würde mich erst darum kümmern, wenn der Rentenbescheid gekommen ist.

Ich hätte auch endlich ganz neue Feindbilder, statt CDU- und FDP oder gar AfD-Wählern wären es jetzt z. B. die Hartz-IV-Empfänger, die dann auf einmal alle selbst schuld an ihrem Schicksal wären. In Deutschland hätten dann doch alle die gleichen Chancen, warum nutzen die Faulpelze sie denn nicht?

Was sollte dann das  Gerede, dass in Deutschland die Herkunft über die Zukunft bestimmt, das wäre auch so ein linker Unsinn, genau wie die angebliche Armutsquote von 16 %. Sollen sie alle doch weniger saufen und sich einen anständigen Job suchen. Ehrlich! In Deutschland wäre sowieso keiner arm, schließlich muss fast niemand auf der Straße leben, allen ginge es gut. Und selbst wenn, 84 % der Deutschen wären ja nicht arm, was interessierten mich dann die 13 Millionen Loser?

Dann wären die noch die ganzen linken Bombenleger und diese langhaarigen Ökos, die einen wollen mit Sozialismus unseren Wohlstand ruinieren, die anderen Deutschland deindustrialisieren, das geht ja nun gar nicht, genau wie deren Gerede von sozialer Gerechtigkeit. Oh Gott! Diese realitätsfernen Sozialromantiker. Wer viel leistet, soll auch am meisten haben.

Dass die größten Vermögen aus Erbschaften stammen und Reiche, ohne einen Handschlag zu tun, mit andere Leute Arbeit immer reicher werden und auch noch kaum Steuern dafür bezahlen, fände ich dann toll. Ich würde dann so gern mit denen tauschen und würde als Alternative zu unserem tollen Kapitalismus nur den zerstörerischen Kommunismus sehen. Das wäre einfach!

Ich wäre auch begeistert von der Privatisierung unserer Daseinsvorsorge, denn der Staat müsste sich um nichts mehr kümmern. Krankenhäuser, Pflegeheime, Strom, Wasser und auch der ÖPNV, endlich alles in Konzernhand, das drückt Gehäter, Kosten und Qualität, aber der Staat selbst könnte sich um wirklich wichtige Aufgaben wie Wirtschaftssubventionen für Großkonzerne kümmern, und selbstredend die Reichen steuerlich weiter entasten. Ich bin zwar selbst nicht reich, aber wenn ich es dann wäre, ich würde auch keine Steuern zahlen wollen. Alles meins!

Und was interessierten mich denn die Alten in den Heimen und überlastete Pflegekräfte? Wäre alles nicht mein Problem, genau wie schlecht bezahlte Mitarbeiter, die marode Infrastruktur.

Ich würde doch nicht Bus fahren, sondern hätte mir gleich nach dem Aufstehen einen neuen SUV bestellt. Wichtig wäre nur, dass die Straßen erhalten blieben, damit ich dann mit Vollgas über die Autobahn rasen könnte. Am besten überlässt man das dann alles dem Andy Scheuer und seinen privaten Connections. Der macht das schon.

Und dann dieses Gejammer wegen hoher Mieten. Ja, spinne ich denn? Wer Besitz hat, sollte daran dann ordentlich verdienen, ruhig auch maßlos, könnte ja mein Haus sein. Und wenn die Mieten zu hoch werden, sollen die Leute doch aufs Land ziehen, selbst bauen oder sich beruflich ein bisschen mehr anstrengen, damit mehr Geld in die Kasse kommt.

Was wäre dann die Alternative? Alles von den grünen Spinnern verboten bekommen? Unbezahlbaren Sprit tanken? Oder gar die SED-Nachfolgepartei mit ihren linksradikalen Ideen vor die Nase gesetzt bekommen? Dann geht Deutschland doch unter. Ganz bestimmt!

Ach, das wäre schön, ich würde mir keine Sorgen mehr um den Zustand der Welt machen, ohne Bauchweh wegen all der Ungerechtigkeiten in unserem Land und der Welt aufwachen, alles wäre so einfach und alles wäre prima.

Bis ich am nächsten Morgen in den Spiegel schauen würde.

Nein, da habe ich doch lieber Bauchschmerzen, bin zornig und ärgere mich weiter, als dass ich meine Moral, meine Empathie, mein Mitgefühl und meinen tief verwurzelten Gerechtigkeitssinn für ein wenig Selbstverleugnung verkaufe.

Und selbst dieser eine Tag wäre dann ein Tag zu viel gewesen.

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Markus

Jahrgang 1967, Informatiker, pflegt und entwickelt 3-D-CAD-Software in einem kleinen Unternehmen. Träumt von einer progressiven, sozial gerechten und ökologischen Gesellschaft und verzweifelt manchmal an der Frage, warum die meisten Menschen das nicht auch wollen.

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