Angst vor Überfremdung war gestern

Viele Menschen fürchten sich vor einer ungewissen Zukunft, während andere darauf brennen, die Zukunft schon heute zu erfahren. Diese Ängste suchen sich ihren Weg, und vom Zwangsverhalten über Neurosen bis zur plumpen Fremdenfeindlichkeit gibt es eine unzählige Vielfalt in der Ausprägung. Was vielen Menschen mit Fremdenfeindlichkeit dabei vielleicht noch nicht klar ist, sind die Veränderungen mit wesentlich größerem Potenzial: Die Entwicklung von Gentechnik, Implantaten und künstlicher Intelligenz schreitet so schnell voran, dass der Stammbaum des Menschen zum Homo sapiens in naher Zukunft zum ersten Mal nicht von der natürlichen Evolution bestimmt werden wird, sondern vom Menschen selbst.

Es ist nur eine Frage von Jahren, nicht wie bisher Jahrtausenden, bis der Homo sapiens zum „alten Eisen“ gehören wird, und der Schritt wird schnell und schmerzhaft vonstattengehen. Schon heute gibt es Implantate, die Augen oder Ohren ersetzen können, und in einigen Jahren (oder auch Jahrzehnten, was noch immer ein Wimpernschlag im Gegensatz zur natürlichen Evolution ist) werden diese den natürlichen Sinnesorganen so weit überlegen sein, dass sie so natürlich implantiert werden wie künstliche Hüftgelenke oder Zahnimplantate. Schon heute sind Hörgeräte in der Lage, Umgebungsgeräusche auszufiltern und Stimmen gezielt zu verstärken. Künstliche Linsen werden ins Auge eingesetzt, um den Träger:innen die Brille zu ersparen und den Blick wieder optimal zu schärfen. Selbst Exoskelette auf der Baustelle oder für querschnittsgelähmte Personen sind inzwischen Realität, und wenn man schaut, wie weit die Robotik mittlerweile ist, dann kann man ahnen, was das in Zukunft für die Mobilität bedeuten wird. Auch eine Erweiterung der Gedächtnisleistung ist nur eine Frage der Zeit: Es stellt sich nicht die Frage, ob es passieren wird, sondern nur wann. Und wie mit jeder Technik wird sie am Anfang nur den besser situierten Gesellschaften zur Verfügung stehen, bis die Produktion und Implantation günstig genug sind, um sie allen Menschen zugänglich zu machen. In nicht einmal 20 Jahren wurde das Smartphone von einer Technikspielerei für Besserverdienende zum globalen Wegwerfartikel.

Aus meiner Sicht noch viel einschneidender wird die Entwicklung des Menschen durch die Gentechnik sein, weil die Möglichkeiten schon jetzt erschreckend sind und diese Veränderungen dann sogar vererbt werden könnten. Schon jetzt verändern wir Lebensmittel für unsere Bedürfnisse, und Tiere werden für das Labor gentechnisch optimiert. Bereits 2018 hat der chinesischer Biophysiker He Jiankui das Erbgut von Zwillingen mit der sogenannten CRISPR/9-Methode verändert und sie damit resistent gegen HIV gemacht (siehe z. B. Der Standard). Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir z. B. eine entsprechende Genmanipulation gegen Alzheimer oder Parkinson ethisch akzeptieren werden und damit die Tür zur Optimierung unseres Gehirns aufstoßen. Und dann wird es schnell gehen: Innerhalb einer Generation werden Menschen ohne optimierte Gehirne und Organe weit unterlegen sein (denn viele Eltern wollen ihre Kinder in Zukunft nicht „abgehängt“ wissen), und was das für Menschen mit Zukunftsängsten bedeuten wird, lässt sich erahnen. Was das aber für die Entwicklung der Menschheit in Zukunft bedeuten könnte und wird, lässt zumindest mittelfristig viel Spielraum und Stoff für Hollywood-Blockbuster (von der Spaltung der Menschen in optimierte und nicht optimierte Gesellschaften bis zur kompletten Anpassung des so neu geschaffenen Homo emendatis oder wie auch immer sich die Menschheit dann nennen mag).

Die einzige „Seinsform“ und damit das Schreckgespenst der Zukunft für die „Ewiggestrigen“ wird dann (wie auch heute zum Teil schon) die künstliche Intelligenz (kurz KI) sein. Und das mit Recht! In Relation zum Wachstum von Körperzellen können Computerprogramme und Algorithmen sich unvorstellbar schnell verbessern und in Sekunden millionenfach verändern, optimieren und reproduzieren. Sobald der Prozess der Selbstoptimierung der KI einmal erfolgreich angestoßen ist, bleibt es nur eine Frage der Speicherkapazität und Energiezufuhr, wie weit diese Entwicklung die Evolutionsgeschichte und die Selbstoptimierung des Menschen in einem Bruchteil der Zeit in den Schatten stellt. Und wie blind die Menschen einer solchen Technik in Erwartung von noch mehr Reichtum und Luxus Tür und Tor öffnen werden, lässt sich erahnen, wenn man sich z. B. den Hochfrequenzhandel an den Börsen dieser Welt anschaut.

Bleibt zu hoffen, dass eine dieser Entwicklungen der Menschheit den Grad an Umsichtigkeit und langfristiger Denkweise bringt, dass wir nicht mehr von grenzenloser Gier, Egoismus und Machtfantasien alles Leben auf diesem (und weiteren?) Planeten unterwerfen, ausbeuten und ausrotten. Seit Anbeginn der Geschichtsschreibung ist die Geschichte der Menschheit eine einzige Blutspur auf Kosten der vermeintlich Schwächeren. Wir haben vor 100.000 Jahren Hunderte Tierarten ausgelöscht, sobald wir deren Territorien und Inseln betreten hatten (vom Gigantopithecus über das Mammut bis zu den Moas in Neuseeland). Und Gleiches taten wir mit den Urvölkern Amerikas, Afrikas und Australiens und wahrscheinlich auch mit dem Neandertaler. Und auch heute noch ist die Ausbeutung des globalen Südens der Grund für den Reichtum des globalen Nordens: Rohstoffe, Lebensmittel und Produktionskraft werden in weiten Teilen der Welt nicht selten mit Gewalt und himmelschreiendem Unrecht „abgeerntet“.

Deshalb sehe ich trotz ethischer Bedenken und mit dem Wissen, selbst irgendwann der veralteten Spezies Homo sapiens anzugehören, einer Weiterentwicklung positiv entgegen. Vom Jäger und Sammler zum heutigen Menschen (Homo oeconomicus) ist das Konzept der Ausbeutung der rote Faden zum „Erfolg“ unserer Spezies. Und wenn wir endlich intelligent genug sind, die Erde (und bald auch das Universum) als Ganzes zu begreifen und auf Kooperation anstatt auf Ausbeutung zu setzen, dann beginnt ein neues und gerechtes Zeitalter jenseits der Evolution des Stärkeren.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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