„Breaking News“ – virtuelle Leichenfledderei

Meine Spam-Mails kann ich leider nicht einfach so ungesehen entsorgen, weil immer auch mal wieder eine relevante E-Mail in meinem Spam-Ordner landet, und wenn das beispielsweise eine von einem Kunden ist, dann ist das mehr als nur ein bisschen ärgerlich. Bei diesem Durchsehen fiel mir dann auf, dass mehrmals am Tag Mails kamen, die mit „Breaking News“ betitelt sind. Und schon im Betreff geht es immer vor allem um Tote, Tote und noch mal Tote.

Und oft sind es dann vor allem Prominente, die gestorben sind: Sportler, Schauspieler, Musiker, Politiker, ab und an dann noch mal „aufgelockert“ durch Unfälle mit Todesopfern. Das Ganze sieht dann so in meinem Mail-Programm aus:

Wow – so viele tote Stars! Denn fast jeder der Verstorbenen wird dort mit dem Signet „Star“ versehen.

Rein interessehalber hab ich dann tatsächlich einmal das gemacht, was ich normalerweise bei Spam-Mails natürlich nicht mache: mal auf den Link geklickt, unter dem sich etwas zum Tod einer „TV-Legende“ finden sollte. Und da gab es dann auch tatsächlich eine Meldung auf einer Website namens News Flash 24. Darin hieß es dann nach einigem Vorgeplänkel, dass nun alle um diese Legende trauern würden (ohne zunächst deren Namen zu nennen):

Der Rundfunksprecher Brian Henderson aus Sydney ist im Alter von 89 Jahren gestorben.

Bitte wer? Nie gehört! Ach so, ein Nachrichtensprecher aus Australien. Na, da könnte ich mir doch glatt vorstellen, dass ich nicht der Einzige hier in Deutschland bin, dem der gute Mann vollkommen unbekannt ist.

Wesentlich interessanter fand ich dann, dass man den Artikel nur abgedunkelt lesen kann, wenn man nicht in einem Banner den Cookies zustimmt – wobei es keine Möglichkeit gibt, das auch abzulehnen. Hab ich dann natürlich nicht gemacht, sondern bin wieder runter von der Seite.

Doch zurück zu Herrn Henderson: So tragisch sein Ableben nun auch für ihn und seine Angehörigen ist, so wenig relevant dürfte das für die meisten Menschen sein, denen dies nun als „Breaking News“ am anderen Ende der Welt verkündet wird. Und klar: Irgendjemand stirbt immer gerade irgendwo, und da werden dann auch stets ein paar (ehemalige) Sportler, Fernsehmoderatoren, Schauspieler, Musiker und Politiker bei sein. Von denen die wenigsten das Attribut „Star“ verdient haben dürften, es aber trotzdem aus Gründen des Aufmerksamkeitserregens verpasst bekommen.

Ich frage mich dann schon, wie man drauf sein muss, um mit so etwas Klicks generieren zu wollen. Mir kommt das zumindest so vor wie virtuelle Leichenfledderei. „Oh, hurra, da ist wieder jemand gestorben, den wir irgendwie als Star bezeichnen können, um daraus dann eine Schlagzeile zu machen und ordentlich Klicks zu bekommen!“

Schon etwas widerlich, oder?

Und auch die andere Seite dieser „Kommunikation“ finde ich reichlich grotesk, denn solche E-Mails mit derartigen „Breaking News“ werden ja nicht aus lauter Langeweile verschickt, sondern weil ein konkrete Geschäftsabsicht dahintersteckt. Und würde diese sich nicht erfüllen, indem niemand diesen Blödsinn anklickt, dann würden diese „Breaking News“ mit Sicherheit auch schnell eingestellt werden.

Also müssen ja offensichtlich etliche Menschen diesen per E-Mail offerierten Links folgen – und nicht nur einmal, wie das bei mir der Fall ist, sondern wohl häufiger, immer und immer wieder, vielleicht in der Hoffnung, dann doch wenigstens mal einen der verstorbenen „Stars“ tatsächlich auch zu kennen.

Mir ist ja das Bohei, was um viele Tote gemacht wird, schon seit Längerem suspekt. Da stirbt beispielsweise ein Musiker, und auf einmal sind alle Fan von dem, es werden obskure Archivaufnahmen hervorgekramt und veröffentlicht, die Alben (meistens Best-of-Zusammenstellungen) steigen noch mal in die Charts ein und die Kommerzmaschinerie läuft auf Hochtouren. Ich interessiere mich ja lieber für den künstlerischen Output von Menschen, solange sie noch am Leben sind …

Und dieses Phänomen wird nun, wie ich finde, mit den „Breaking News“ auf die Spitze getrieben. Hauptsache, da ist jemand gestorben, das reicht schon, um Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst wenn man dabei dann immer wieder feststellt, dass man den Verstorbenen überhaupt nicht kennt.

Ist ja nicht so, dass man seine Zeit auch damit verbringen könnte, sich im Internet mit wirklich relevanten Inhalten zu beschäftigen …

Insofern sind diese „Breaking News“ schon ziemlich bezeichnend für unseren Zeitgeist, der vor allem auf Oberflächliches, Aufmerksamkeit Heischendes und auch Negatives fokussiert in der vielfach vor allem auf Clickbait versessenen Berichterstattung – schließlich sind ja Meldungen über Verstorbene in der Regel nichts, was man nun besonders positiv wahrnimmt. Und damit ist das auch ein Ausdruck einer m. E. reichlich pervertierten Mediennutzung.

Wir haben alle Möglichkeiten, uns dank des Internets so gut wie noch nie zu informieren. Leider arbeiten „Breaking News“ und Co. sehr daran, dass sich die Leute eher mit Überflüssigem befassen, nur um dann idealerweise auch noch auf irgendwelche Werbebanner und -anzeigen zu klicken. Denn das dürfte das Geschäftsmodell sein, und vermutlich sind gerade Leute, die wieder und wieder auf solche „Breaking News“ klicken, auch eher anfällig für die Verheißungen von dubioser Werbung. Und dieses Geschäftsmodell scheint ja auch noch recht erfolgreich zu sein.

Schade eigentlich, wenn es so offensichtlich wird, wie sehr die wunderbaren Möglichkeiten des Internets derart ins Gegenteil verkehrt werden …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 Gedanken zu „„Breaking News“ – virtuelle Leichenfledderei“

  1. Das ist ja der Spaß an solchen Meldung: Da steht „Boris Becker. Trauerfall“ und dann „Tennis-Legende starb an…“. Da steht nicht: „Boris Becker ist tot“. Ich war auch verwundert, habe die Suchmaschine meines Vertrauens mit „Boris Becker tot“ gefüttert und die sagte aus, dass sein exTrainer, wohl auch eine „Tennis-Legende“ (wie da wohl auch alle „Stars“ sind), verstorben sei.

    Kurz: Boris Becker hat einen Trauerfall, weil ein exTrainer von ihm verstorben ist. Aber da hätten sicherlich weniger Leute drauf geklickt. In sofern machen die ihren Job so gut wie BUNTE, GALA oder BILD DER FRAU: Einen Anschein erwecken mit absoluten Nebensächlichkeiten.

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