Das Beste für sich rausholen

Wissenschaft ist zumeist eine transparente Sache: Es gibt Ergebnisse, die überprüft und verifiziert werden können. Eine subjektive Wahrnehmung kann man nicht wirklich überprüfen, geschweige denn verifizieren! Vermeintliche Tatsachen wie „die Wahrheit“ oder „das Beste“ liegen im Auge der Betrachter:innen, und deshalb lässt sich damit auch viel besser der eigene Standpunkt „verteidigen“ oder „rechtfertigen“ (man fertigt sich eine Berechtigung oder ein Recht). Trotzdem scheint es ein „Bestes“ zu geben, das man durch Ausbeutung Schwächerer für sich „rausschlagen“ kann. Oder unterliegen wir vielleicht sogar einem Irrtum, für wen wir gerade das Beste rausholen?

Aber worum geht es hier eigentlich gerade? Im Prinzip wollte ich einen Beitrag über „die Natur als Untertan“ schreiben, der eigentlich eher „die Welt als Untertan“ hätte heißen müssen. Ich ging durch die Fußgängerzone, vor mir rannte ein kleiner Chihuahua mit einem Jäckchen an, und ich dachte so bei mir: „Und Du warst mal ein Wolf.“ Oder eben die Schoßhündchen, die nach der „Qualzucht“ z. B. nicht richtig atmen können (Brachycephalie), oder sonstige Erbkrankheiten durch inzestuöse Züchtung. Und dann habe wir noch die Tiere, die nur wegen kosmetischer Artikel oder eines schönen Fellkragens leiden müssen. Was haben diese Themen gemein? Das alles geschieht ausschließlich, weil es was mit Mode oder Selbstdarstellung zu tun hat, wir „das Beste“ aus uns machen wollen … oberflächlich, wie wir sind. So widerwärtig egoistisch ist nur ein Tier auf diesem Planeten: wir.

Dabei habe ich die gängigste Knechtung an Tieren noch nicht einmal erwähnt: die Massentierhaltung. Wie diese aussieht, hat wahrscheinlich jeder schon einmal gesehen, und trotzdem schafft der Homo egoistimus in Hinblick auf sein Billigfleisch, diese Bilder zu ignorieren oder zu verdrängen. Inklusive des „Nebeneffektes“, dass wir multiresistente Keime mitzüchten und Antibiotikaresistenzen entwickeln, aber das spielt ja erst morgen eine Rolle: Bock, mir Billigfleisch bei der Fast-Food-Kette oder beim Discounter reinzugieren, ist aber jetzt! Andererseits: Welches Fleisch sollen die Menschen sonst essen, wenn wir doch bereits eine Großzahl an Landtieren ausgerottet haben (z. B. das Mammut), um uns den Wanst vollzuschlagen?! Der Mensch macht über 1/3 der Säugetiere aus, denn wir haben uns in den letzten 100 Jahren verdreifacht. Nutztiere, also von uns angepasste und gezüchtete Tiere, gibt es 15-mal häufiger als Wildtiere. Die armseligsten unter ihnen sind z. B. die überzüchteten Puten, die kaum oder gar nicht mehr laufen können, weil ihre Brust für Billigfleisch so überzüchtet ist.

Wie sehr wir über unsere Verhältnisse die Natur ausbeuten, um für uns „das Beste“ rauszuholen, macht uns jedes Jahr der „Earth Overshoot Day“ (demnach benötigen Deutschland 2,9 Erden und die USA sogar fünf Erden, um ihren materiellen Hunger zu stillen). Allerdings sagt dieser Tag nicht viel über die ökonomisch animierte Umweltzerstörung aus, die z. B. durch den Ölsandabbau in Kanada oder den Kohleabbau in China (siehe die Galerie dort) entsteht. Oder die mit Plastik verschmutzen Ozeane und Stände überall auf der Erde. Das Absurdeste daran ist, dass wir oft genug an dem Elend mitwirken, von dem wir für uns das vermeintlich Beste rausholen wollen! Eines meiner Highlights: die Kreuzfahrt in die Arktis, um noch schnell die letzten Eisbären zu sehen. Oder sich einen SUV kaufen, damit man im Straßenverehr sicherer ist. Wie krank ist das denn, bitte schön?

Dass wir so tatsächlich vor gar nichts haltmachen, zeigt vor allem die Ausbeutung der Menschheit selbst! Das fängt bei der modernen Sklaverei an (Kinderarbeit für Billigschokolade, Tabak und Billigklamotten aus Bangladesch) und endet in unserem politischen System, das sich „repräsentative Demokratie“ nennt und im Prinzip (mittlerweile?) nichts anderes ist als eine legitimierte Form der Herrschaft der Mächtigen (Forschungsjournal hat 2013 ein interessantes Heftchen zu Demokratie und Zivilgesellschaft herausgebracht, welches online zur Verfügung steht). Wir wählen Parteien, die wiederum nur Vertreter:innen in die Bundespolitik holen, die ebenfalls komplett dem Neoliberalismus durch Lobbyismus verhaftet sind. Die sich selbst in Krisensituationen wie einer Pandemie schamlos an der Bevölkerung bereichern, die sie eigentlich vertreten und schützen sollen. Grüne, die Autowerbung machen (Joschka Fischer bei BMW oder Kretschmann für Porsche und Mercedes), Agrarministerinnen, die für Umweltzerstörer wie Nestlé werben, oder Volksverhetzer wie Strache, die gleich die ganze Demokratie auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Oder eben der mögliche zukünftige Kanzler Scholz (SPD), der Banken Milliardengeschenke macht, bei G 20 auf Eskalation setzt und den Einsatz von Brechmitteln auch auf Kosten von Menschenleben als legitimes Mittel betrachtet.

Das alles spiegelt sich leider auch in meinen täglichen Erfahrungen in einer Großstadt wie Hamburg wider: anstandslos konsumieren und verschwenden, rücksichtslos im Straßenverkehr oder im ÖPNV agieren, Selbstdarstellung außerhalb jeder Vorstellung von Zusammenleben und Rücksichtnahme, Betrügereien im Einzelhandel oder bei privaten Geschäften oder einfach das tägliche Stehlen und Abziehen vermeintlich schwächerer Personen. Wir leben in der Gesellschaft, die wir selbst mit unserem Verhalten schaffen oder schaffen lassen. Zivilcourage wird als Spießertum oder Gutmenschentum verspottet, Konsumverzicht als Ökospinnerei diffamiert, und wer bei seinen Kindern Zuckerbomben und Smartphone-Nutzung reglementiert, darf sich auch gern mal Rabeneltern nennen lassen, die ihren Kindern keinen „Spaß“ gönnen. Ja, der Spaß, auf Kosten anderer oder der eigenen Gesundheit zügellos „das Beste“ für sich rauszuholen (was am Ende auch wieder die Allgemeinheit zahlt dank einer noch existierenden Krankenversicherung).

Das Beste für die Mehrheit (und zwar nachhaltig gedacht!) ist das Beste für mich und alle, die da nach mir kommen werden. Und damit meine ich nicht nur die Menschen, sondern in gleichem Maße alles Leben auf dieser Erde, das wir so rücksichtslos für die Verschwendung im Hier und Jetzt ausbeuten und damit nichts anderes sind als Nestbeschmutzer. Wenn das Beste für mich in meiner zerstörten Umwelt, vergifteten Lebensmitteln für mich, Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Diabetes für mich, Rücksichtslosigkeit gegenüber meinen Mitmenschen und entsprechender Rücksichtlslosigkeit zurück mir gegenüber, Kurzsichtigkeit und der schleichenden Verblödung und Anteilslosigkeit durch Dauerkonsum von Videos besteht, dann habe ich wohl nicht das Beste für mich gewählt, sondern das Beste für die, die mich für ihre kurzfristigen Gewinne ausbeuten und denen meine Leben und meine Zukunft absolut gleichgültig sind! Dann bin ich wirklich blöde genug, mir einreden zu lassen, dass das Beste für die Gierigen und Anstandslosen dieser Welt das Beste für mich sei, auch wenn es mir dadurch schlechter geht. Schön blöde, oder?

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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