42-Stunden-Woche gegen Fachkräftemangel?

Von Arbeitgeberverbänden ist man ja grundsätzlich wenig pfiffige Aussagen gewöhnt, aber nun hat gerade Industriepräsident Siegfried Russwurm den Vogel abgeschossen, indem er doch tatsächlich öffentlich forderte, dass dem Fachkräftemangel durch Einführung einer 42-Stunden-Woche entgegengewirkt werden sollte (s. hier). Geht’s noch?

Klar, es gibt Branchen, beispielsweise die Pflege, in denen es viel zu wenig Fachkräfte gibt. Ob das nun aber daran liegt, dass die dort Beschäftigten nicht genug arbeiten, wage ich mal zu bezweifeln. Vielmehr könnte das wohl eher was mit schlechter Bezahlung und zunehmend mieseren Arbeitsbedingungen zu tun haben.

Und das sind ja nun Sachen, die zum einen nicht einfach so vom Himmel gefallen sind und zum anderen auch behoben werden können: einfach mal den Menschen anständigen Lohn zahlen und die Arbeitsbedingungen verbessern, dann finden sich auch wieder Fachkräfte.

Gerade in den Pflegeberufen gibt es ja viele Fachkräfte, die schon in relativ jungen Jahren mit Burn-out oder kurz davor stehend der Branche den Rücken gekehrt haben. Ob dieser Trend nun dadurch umgekehrt werden kann, dass man die verbliebenen Angestellten noch länger pro Woche arbeiten lässt? Ich hab da so meine Zweifel …

Zudem gibt es haufenweise gut qualifizierte Menschen über 50, die Arbeit suchen, aber nicht finden – eben weil sie für viele Personaler zu alt sind. Die wollen halt lieber 30-Jährige, am liebsten mit 15 Jahren Berufserfahrung, denen sie dann befristete Verträge und weniger Gehalt aufs Auge drücken können.

Und das Loch in der Rentenkasse, mit dem dann ja auch immer wieder für solche Vorschläge argumentiert wird, könnte wohl am besten dadurch gestopft werden, indem mehr sozialversicherungspflichtige (und auch manierlich bezahlte) Beschäftigungsverhältnisse geschaffen würden – statt vieler Mini- und Niedrieglohnjobs.

Was ja noch hinzukommt: Die immer wieder geforderte räumliche Flexibilität von Arbeitskräften ist ja nun auch kein Selbstgänger. Mal eben so umzuziehen für einen neuen Job scheitert ja oft an Dingen, die nicht direkt was mit der neuen Arbeitsstelle zu tun haben: zum einen bei Menschen mit Kindern daran, dass diese nicht einfach so aus ihrem (schulischen) Umfeld rausgerissen werden sollen, zum anderen bei Menschen in Partnerschaften daran, dass dann der Partner oder die Partnerin ja nicht mal eben so den eigenen Job kündigen und auch was anderes in der neuen Umgebung finden kann. Ach ja, und dann ist da ja auch noch die zunehmend katastrophale Wohnraumsituation, durch die ein Umzug oft mit schlagartig deutlich höherer Miete verbunden ist.

So was scheint allerdings die ökonomische Vorstellungskraft eines Industriepräsidenten zu übersteigen – da würde ich doch schon mal bei ihm zumindest auch akuten Fachkräftemangel attestieren. Vielleicht könnten ja Jobs wie seiner eingespart werden, damit er und seine Kollegen etwas Sinnvolles arbeiten, was auch tatsächlich zur gesellschaftlichen Wertschöpfung beiträgt.

Und da liegt m. E. ohnehin noch eine Menge produktives Potenzial in unserer Gesellschaft brach: bei denjenigen, die ihren Lebensunterhalt mit sogenannten Bullshit-Jobs fristen. Das fängt an bei Leuten, die von einem Callcenter aus irgendwelchen anderen Leuten am Telefon Zeug verkaufen wollen, was diese gar nicht brauchen oder haben wollen, geht über die meisten Posten im mittleren Management und im Marketing und endet dann bei überbezahlten Verbandspräsidenten, Beratern sowie Investmentbänkern und Spekulanten, die nichts anderes machen, als mit Geld noch mehr Geld zu generieren (das von anderen Menschen erarbeitet werden muss).

Würden diese Leute, natürlich nach einer entsprechenden Umschulung, dann tatsächlich sinnvolle Arbeit leisten, dürfte dem Fachkräftemangel schon ganz gut beizukommen sein. Zumal diese Tätigkeiten ja auch alle von denen, die richtige Arbeit verrichten, tatsächlich etwas produzieren, sinnvolle Dienstleistungen bieten und somit nicht nur gesellschaftlichen Sinn stiften, sondern auch für die eigentlichen Umsätze verantwortlich sind, mitfinanziert werden müssen.

Die Digitalisierung kostet zudem auch immer mehr Arbeitsplätze. Das ist einerseits gut, wenn es um öde, eintönige und stumpfe Tätigkeiten geht, andererseits aber auch schlecht, wenn dadurch dann eben Erwerbsmöglichkeiten wegfallen. Hier müssten die neuen technischen Möglichkeiten so genutzt werden, dass sie tatsächlich dazu führten, dass alle Menschen weniger arbeiten müssten – stattdessen bewirken sie nur ein Ansteigen der Unternehmensgewinne und immer größere Privatvermögen bei gleichzeitiger weiter verbreiteter Armut und einem zunehmend demontierten Sozialstaat.

Es gibt also immer weniger Arbeit, dafür auch immer mehr Bullshit-Jobs und immer größere Vermögen, deren Rendite von den arbeitenden Menschen erwirtschaftet werden müssen, denen damit ein immer größerer Anteil ihres eigentlich verdienten Lohns vorenthalten wird. In so einer Situation nun tatsächlich vorzuschlagen, dass jeder Einzelne doch mehr Stunden pro Woche arbeiten sollte, ist entweder an einfältiger Weltfremdheit oder an verbohrt-ideologischem Wahn oder aber an zynischer Boshaftigkeit kaum noch zu überbieten.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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