Alphabet

Erwin Wagenhofers Filme We Feed The World und Let’s Make Money beschäftigten sich auf eindrückliche Weise mit der Nahrungsmittelindustrie und der Finanzindustrie, nun nimmt er sich in dem Film Alphabet (109 Min.) das Bildungssystem vor.

Beginnend mit China, einem Land, das im PISA-Ranking zwar sehr gut abschneidet (auch ein deutscher PISA-Koordinator ist im Film voll des Lobes für das chinesische Bildungssystem), in dem man allerdings nicht selbst Schüler sein möchte, da die Kinder und Jugendlichen unter extrem hohem Druck stehen und im Endeffekt nur zu gut funktionierenden Humanressourcen ohne die Fähigkeit zu kreativem Denken gedrillt werden, lässt Wagenhofer unterschiedlichste Experten zu Wort kommen, so zum Beispiel den Hirnforscher Gerald Hüther, den Personalchef der Telekom Thomas Sattelberger oder Arno Stern, der seit vielen Jahrzehnten einen pädagogischen Malraum betreibt und dessen Sohn nie eine Schule besucht hat – und trotzdem viele Talente aufweist und mit diesen sein Leben erfolgreich bestreitet.

Aus diesen unterschiedlichen Sichtweisen ergibt sich eine vielfältiger Blick auf das Bildungssystem in Industriestaaten, und es wird deutlich, dass es dabei nur allzu viele Unzulänglichkeiten gibt, welche die Kinder an der Entfaltung ihrer Fähigkeiten hindern, als dass diese gefördert werden. Darüber hinaus werden viele interessante Ansätze für Veränderungen und Neugestaltungen des Bildungssystems vorgestellt. Doch leider steht die Bildung unter dem Diktat des neoliberalen Marktradikalismus, und dieser braucht eben keine kritischen, kreativen Denker, sondern Menschen, die möglichst gut als Arbeitskräfte funktionieren. Und die Eliten schicken ihre Kinder dann eben auf private Eliteschulen und -internate, wo diese unter ihresgleichen sind, sodass sichergestellt ist, dass die führenden Zirkel der Gesellschaft auch weiterhin unter sich bleiben werden.

Nicht nur für Eltern ist Alphabet ausgesprochen sehenswert. Da das Bildungssystem nicht nur die die Welt von heute widerspiegelt, sondern eben auch sehr stark die Welt von morgen mitgestaltet, ist es für jeden wichtig, sich damit zu beschäftigen, was in diesem elementaren gesellschaftlichen Bereich und seinen Institutionen zurzeit ganz massiv verkehrt läuft.

Ein ausführliches 32-seitiges Booklet präsentiert neben dem Film und 36-minütigem Bonusmaterial Interviews mit Protagonisten des Films und auch eine Einleitung von Erwin Wagenhofer selbst und bietet somit eine treffliche Ergänzung. Erhältlich ist die DVD zum Beispiel hier bei JPC.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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