Vor Kurzem las ich einen Artikel, in dem der ehemalige Rechtsextremist Philip Schlaffer zu Wort kam und äußerte, dass es zurzeit eine sehr bedenkliche Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen gäbe, rechtsradikales Gedankengut aufzusagen und sich entsprechend politisch zu positionieren. Schlaffer, den man wirklich als Fachmann mit authentischem Insider-Wissen bezeichnen kann, zeigt sich deswegen überrascht. Und da frage ich mich dann: warum eigentlich?
Bei dem Thema musste ich nämlich gleich mal an einen Artikel denken, den ich 2017 hier auf unterströmt geschrieben habe und der genau diese problematische Entwicklung thematisiert. Und da ich keine Glaskugel eines Hellsehers besitze, sondern mich in meiner Freizeit mit politischen Themen beschäftige und dann dazu Blog-Artikel schreibe, frage ich mich dann weitergehend: Warum ist das nun also so überraschend, wenn selbst ich das vor gut neun Jahren schon absehen konnte?
Bitte nicht falsch verstehen: Das soll nun kein Vorwurf oder so was in der Richtung an Philip Schaffler sein, der den Absprung aus der rechten Szene geschafft hat und nun wertvolle Jugendarbeit leistet, sondern ich sehe hier eher ein Medienversagen. Schließlich kann mir keiner erzählen, dass das in den letzten fast neun Jahren sonst niemand mitbekommen hat aus irgendeiner Redaktionsstube oder von einem Fernseh-/Radiosender. Warum gab es da also so wenig Berichterstattung, dass es nun überraschend daherkommt, dass bei jungen Menschen rechtes Gedankengut mittlerweile immer mehr zur Normalität geworden ist?
Die Ursachen dafür sind ja nun auch nicht gerade besonders mysteriös: Zum einen sind da natürlich, wie ja auch Schaffler beschreibt (und was ich in dem Artikel von 2017 schilderte), die sozialen Medien, die leider im politischen Bereich stark von Rechtsradikalen dominiert werden. Und da liefern dann nicht nur die Algorithmen immer mehr vom Gleichen, wenn man mal irgendwo draufgeklickt oder etwas kommentiert hat, sondern auch in den Kommentarspalten vieler Medien tummeln sich in großem Maße Rechtsaußen und verbreiten dort, oft genug unwidersprochen, ihre menschenverachtenden Ansichten (s. hier). Selbst in öffentlich-rechtlichen Medien ist es mittlerweile selbstverständlich geworden, dass dort Rechtspopulisten ihre Unwahrheiten zum Besten geben können (s. hier).
Dazu kommt dann noch, dass (vor allem auch junge) Menschen heutzutage immer weniger direkt mit anderen in Kontakt treten, sondern Kommunikation immer mehr digital stattfindet. Das Problem dabei: Auf diese Weise werden Menschen nicht in ihrer Gesamtheit wahrgenommen als komplexe Wesen, sondern es treten immer nur wenige Aspekte einer Persönlichkeit hervor.
Judith Kohlenberger hat dazu in einem Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik einiges Interessantes geschrieben:
Die bekannte sozialwissenschaftliche Kontakthypothese besagt, dass durch den persönlichen Kontakt unterschiedlicher, einander mitunter mit Vorurteilen gegenüberstehender Gruppen diese am ehesten abgebaut werden können. Es braucht diesen grundlegenden Austausch mit konkreten anderen, also mit Individuen – und nicht mit der abstrakten »Masse« –, um das Bild, das man vom anderen hat, einem Reality Check zu unterziehen. Nicht von ungefähr haben rechte und rechtspopulistische Parteien dort die größten Zugewinne, wo wenige oder gar keine Flüchtlinge leben, wie etwa in Ungarn. Dort nämlich gibt es keine Möglichkeit zu verifizieren, ob das, was ein Viktor Orbán über Schutz suchende Menschen aus dem Nahen Osten oder Afrika verbreitet, wirklich stimmt. Die Möglichkeit, »sich an die Stelle jedes anderen« zu denken, wie Hannah Arendt es als Gegenstrategie für das banale Böse in der Welt forderte, ist dadurch massiv eingeschränkt.
[…]
Gelitten haben vor allem unsere loseren Beziehungen, also jene, die über die unmittelbare Kernfamilie und den intimsten Kreis an Freund:innen hinausgehen. Das sind Nachbar:innen, Kolleg:innen, Menschen im unmittelbaren Umfeld, Bekannte und Freund:innen, die nicht zu den »besten« zählen, die man aber ab und zu auf einen Kaffee oder ein Glas Wein trifft. Diese Bekanntschaften sind wesentlich für soziale Kohäsion, weil sie uns in Toleranz und friedlicher Koexistenz schulen. Solche Begegnungen, so sie nicht nur virtuell stattfinden, verursachen Irritationen, denen man nicht einfach aus dem Weg gehen kann, sondern denen man sich stellen muss. Dieser Umstand eröffnet aber auch erst die Möglichkeit, im näheren Austausch mitunter auch Gemeinsamkeiten zu finden bzw. andere, weniger »triggernde« Facetten des Gegenübers kennenzulernen. Die zu entdecken, braucht aber Zeit und Nähe, die wir im virtuellen Raum sowieso nicht und im analogen immer weniger zulassen.
In dieser Gemengelage kommen nun immer mehr Krisen hinzu, die für Verunsicherung (vor allem auch bei jungen Menschen) sorgen: Angst vor Kriegen, Sorge wegen der Klimakrise, das Wahrnehmen von immer mehr Armut in unserer Gesellschaft – und dann natürlich die ganz konkrete Erfahrung während der Covid-Pandemie. Menschen, die verängstigt sind, neigen leider zum konservativen Denken, auch wenn dieses meistens ursächlich für ihre Ängste verantwortlich ist, und Menschen, denen es nicht gut geht, tendieren zur Radikalisierung – entweder politisch oder eben (wie vor allem in anderen Regionen der Welt) religiös.
Das ist nun alles kein Geheimwissen und auch nichts, was plötzlich über Nacht über die Welt hineingebrochen ist (selbst die Covid-Pandemie kündigte sich zumindest schon mal einige Wochen lang an, mal von den Warnungen von Experten, dass Klimakrise und Artensterben genau solche Pandemien begünstigen würden, ganz abgesehen).
Aufbauend auf dem, was ich da also 2017 schon bemerkte, hätte eigentlich jedem, der sich mit der Thematik beschäftigt oder beschäftigen möchte, auffallen müssen, dass hier eine sehr große Gefahr einer rechten Radikalisierung vieler Jugendlicher gegeben ist. Bleibt nur die Frage: Sind die meisten Medienschaffenden nicht weitsichtig genug, um das bemerkt zu haben? Oder einfach nicht interessiert am Rechtsrutsch in unserer Gesellschaft? Kann ich mir, ehrlich gesagt, beides nicht so richtig vorstellen.
Bleibt dann nur eine dritte und damit die eigentlich unschönste Interpretation: Diese Entwicklung wurde schon so wahrgenommen, aber eben auch als etwas durchaus Wünschenswertes klassifiziert, sodass das lieber nicht kritisch thematisiert werden sollte.
Klingt absurd? Nun, bei der überwiegend neoliberalen Ausrichtung unserer Medienlandschaft, insbesondere bei Chefredakteuren, Programmchefs und Alphajournalisten, würde das schon passen, dass diese Leute erkannt haben, dass der Neoliberalismus zwangsläufig rechtsradikale Strukturen hervorbringt und diese eben auch zum Überleben benötigt. Auch dazu hab ich schon vor vielen Jahren mal einen Artikel geschrieben, und zwar Ende 2016.
Also noch eine weitere absehbare Entwicklung …

