Fluchtursachen

In einer Diskussion kam neulich die Frage auf, ob es nicht irgendwo eine Übersicht gäbe über die zurzeit ja viel genannten Fluchtursachen, die es zu bekämpfen gilt, wenn die Zahlen der Flüchtlinge zurückgehen sollten. Da ich keinen solche Übersicht gefunden habe, dachte ich mir, dass es ja vielleicht sinnvoll sein könnte, diese einmal selbst aufzustellen, da meiner Erfahrung nach vielen Menschen gar nicht klar ist, warum überhaupt zurzeit weltweit ca. 60 Mio. Menschen auf der Flucht sind – und was auch wir damit zu tun haben.

Die zurzeit sehr oft gebrauchte Einteilung in Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge, wobei Erstere von vielen irgendwie noch als o. k. angesehen und Letztere oftmals konsequent abgelehnt werden, ist dabei vor allem weit von der Realität entfernt und eine wenig sachdienliche Vereinfachung. Daher sei zunächst vor allem mal eines festgestellt: Wer fluchtartig seine Heimat verlässt, oft mit nicht mehr als einem Koffer und dem, was er/sie am Leib hat, wird in der Regel immer einen triftigen Grund dafür haben, den es ernst zu nehmen gilt. Doch nun zu den Fluchtursachen, zu unserem Anteil daran und Ansätzen, was gemacht werden könnte, um diese zu minimieren:

1. Krieg

Der Krieg in Syrien ist zurzeit ja in aller Munde, da sehr viele Menschen von dort flüchten. Und wenn man sich die Bilder der zerstörten syrischen Städte anschaut, dann verwundert das auch nicht. Daneben gibt es aber noch zahlreiche andere Kriege und durch (auch innerstaatliche) militärische Konflikte heimgesuchte Länder, wie beispielsweise den Irak, Afghanistan, Libyen, Mali, Nigeria, Südsudan, Jemen, die Ukraine, um nur mal einige aufzuzählen. Dazu kommen dann noch Milizen wie beispielsweise Lord’s Resistance Army von Joseph Kony, die grenzüberschreitend Angst und Schrecken in mehreren afrikanischen Ländern verbreitet. Und auch bereits beendete Kriegen sind zu beachten, so zum Beispiel in den Balkanstaaten, in denen die Nachwirkungen des völkerrechtswidrigen Kriegs der NATO (auch mit deutscher Beteiligung) nach wie vor spürbar sind.

Und das ist auch ein entscheidender Punkt, der zu beachten ist: Deutschland und/oder seine militärischen Verbündeten mischen bei vielen dieser Konflikte nicht nur mit, sondern sind sogar ein auslösendes oder eskalierendes Moment. Das geschieht zum einen durch unmittelbare Militärmissionen, zum anderen durch Waffenlieferungen, die zwar in der Regel nicht direkt in Krisengebiete erfolgen dürfen, allerdings geraten über Drittstaaten immer wieder Waffen genau dorthin, wo es gerade mächtig knallt (Saudi-Arabien ist beispielsweise ein guter Kunde der deutschen Rüstungsindustrie und verteilt Waffen gern an Glaubensbrüder überall in der Welt weiter). Hier zeigt sich die spezifische Verantwortung, die wir als Deutsche für Kriegsflüchtlinge haben. Mehr Zurückhaltung bei Kriegseinsätzen im Ausland und eine drastische Beschränkung des Rüstungsexports könnten hier dazu beitragen, die Anzahl der Kriegsflüchtlinge langfristig zu verringern.

2. Klima

Der Begriff „Klimaflüchtlinge“ taucht in der öffentlichen Debatte nur sehr selten auf, und doch ist der Klimawandel dafür verantwortlich, dass zahlreiche Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen, da sie ihrer Existenzgrundlagen beraubt wurden (s dazu beispielsweise hier und hier). Dürren und Überschwemmungen treffen besonders Kleinbauern in afrikanischen Ländern, die das Land, was sie teilweise seit Generationen bestellen, nun nicht mehr bewirtschaften können. Bleibt der Umzug in eine Stadt, der in den meisten Fällen auch keine guten Perspektiven bietet und allzu oft in einem Slum endet, oder eben die Flucht in ein anderes Land.

Wenn man nun mal betrachtet, in welchen Ländern die höchsten Kohlendioxidemissionen produziert werden, dann fällt einem schnell ein Ungleichgewicht auf: Durch unseren hohen Fleischkonsum, den großen Anteil von emissionsintensiver Industrie an der Wirtschaft sowie unseren hohen Energie- und Ressourcenverbrauch im privaten Alltag beschleunigen Deutschland, die anderen westlichen Industriestaaten, Russland und China den Klimawandel überproportional, die Ergebnisse davon bekommen vor allem Menschen auf der südlichen Halbkugel durch die oben genannten Folgen zu spüren. Das ewige Wachstumsmantra und das zeitgleiche Verschleppen (aus monetären Interessen vor allem großer Konzerne) eines ökologischen Umbaus unserer Wirtschaft, von der Energieversorgung über ressourcenschonende, recyclingfreundliche Produktionsweisen und konsequente Müllvermeidung bis hin zur Einsicht, dass es nicht immer mehr von allem geben kann, befördern somit den Klimawandel, was dann wiederum steigende Zahlen von Klimaflüchtlingen zur Folge hat. Ein konsequentes Umdenken würde hier zumindest langfristig Abhilfe schaffen, steht aber leider auch im Widerspruch zum neoliberalen Zeitgeist, der vor allem in der Wirtschaftspolitik omnipräsent ist. Wird also schwer, da was dran zu ändern …

3. Mutwillige Zerstörung der Lebensgrundlagen

Gerade Afrika ist für die westlichen Industriestaaten und damit auch für Deutschland vor allem Rohstofflieferant und Müllhalde: Um unseren Konsum zu ermöglichen, werden nicht nur monokulturelle Plantagen von Nutzpflanzen, die unsere Wirtschaft benötigt (z. B. Palmöl in ganz großem Stil, aber auch Kaffee und Tabak), angelegt, es werden auch viele Rohstoffe (besonders eklig ist hier beispielsweise Uran) aus den afrikanischen Ländern importiert. Da spräche ja nun grundsätzlich erst mal nichts dagegen, wenn das nicht allzu oft mit Ausbeutung, Kinderarbeit, Umweltzerstörung, Enteignung von Kleinbauern und ähnlichen Schweinereien einherginge. Im Gegenzug werden die afrikanischen Staaten dann mit Freihandelsabkommen wie EPA über den Tisch gezogen (s. dazu exemplarisch hier, hier und hier), sodass die einheimischen Bauern mit den hochsubventionierten landwirtschaftlichen Überschussprodukten aus der EU, vor denen sie nun keine Zölle mehr schützen, nicht mehr konkurrieren können. Und als besonderes Dankeschön kriegen die Menschen dort dann auch noch unseren Elektroschrott vor die Füße gekippt, der in Ghana beispielsweise schon ganze Landstriche verwüstet und ruiniert hat (s. dazu hier). Zudem haben immer mehr transnationale Konzerne aus westlichen Industriestaaten entdeckt, dass Land die Ressource der Zukunft schlechthin ist, und betreibe daher Landgrabbing in immer größerem Stil. Eine kleine Elite in den afrikanischen Ländern profitiert dann meistens davon, die Menschen, deren Land ihnen mal eben unter dem Hintern weg verkauft wurde, schauen in die Röhre (s. dazu hier – leider nur als Bezahlartikel, die Investition von 3 Euro lohnt sich allerdings auch).

Die Folgen dieser Wirtschaftspolitik liegen auf der Hand: Die Menschen werden entwurzelt, ihnen wird ihre Existenzgrundlage entzogen, sie leben in Armut und Elend, ihre Umwelt wird zerstört. Dass viele dieser Menschen nun irgendwann vor diesen Umständen davonlaufen, ist wohl nicht wirklich verwunderlich. Neben einer Änderung der schon fast als postkolonial zu bezeichnenden Politik gegenüber ärmeren Ländern wäre als Handlungsoption unserer Politik, um diese Fluchtursachen zu entschärfen, auch eine Änderung in der Entwicklungshilfe bedenkenswert, wie dieser (leider auch nur gegen Bezahlung lesbare) Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik nahelegt, da von der momentan geleisteten Entwicklungshilfe wenig bei der Bevölkerung ankommt und der Großteil in den Taschen korrupter Beamten und Politiker versickert. Es sollte also das vorrangige Ziel sein, stabile politische und wirtschaftliche Strukturen in den ärmeren Ländern zu schaffen, die den örtlichen Gegebeneheiten und den spezifischen Lebensgewohnheiten der Menschen dort entgegenkämen. Dies ist allerdings leider ebenfalls ein schwer zu realisierendes Ziel, da es dem Neoliberalismus eigen ist, die Situation am „längeren Hebel“, an dem die westlichen Industriestaaten nun mal sitzen, auch gnadenlos auszunutzen.

4. Unterdrückung

Nicht nur Kriegshandlungen bedrohen das Leben von Menschen in vielen Ländern, sondern auch die verschiedensten Formen von Unterdrückung, Verfolgung und Diskriminierung. Und das kann vollkommen unterschiedliche Ursachen haben: Religion fällt einem da sicher als Erstes ein, wenn man vor allem den Terror des IS vor Augen hat, aber auch Homosexualität ist in vielen Ländern noch ein Grund für Verfolgung bis hin zur Lebensgefahr. Ethnische Konflikte sind ebenfalls in vielen Staaten vorhanden, besonders in ehemaligen Kolonien (aber nicht nur, man braucht sich ja nur die menschenunwürdige Behandlung der Sinti und Roma in vielen osteuropäischen Ländern vor Augen zu führen), da die Kolonialherren bei ihren willkürlichen Grenzziehungen wenig Rücksicht auf traditionelle Stammesgebiete, Nomadenrouten oder Lebensräume der Einheimischen genommen haben. Wie sich solche ethnischen Konflikte auf bestialischste Weise entladen können, haben wir vor gut 20 Jahren in Ruanda mit ansehen müssen, aber auch wenn es nicht gleich zum Genozid kommt, so reicht es doch in vielen Ländern aus, einer bestimmten Ethnie anzugehören, um kein wirklich gutes Leben führen zu können. Und dann gibt es natürlich auch noch die Verfolgung aufgrund von politischen Ansichten, die sich nicht mit denen des herrschenden Despoten decken, wobei es manchmal auch schon ausreicht, der Berufsgruppe der Journalisten anzugehören, um sich Verfolgung ausgesetzt zu sehen.

Menschen, die sich gegen eine derartige Unterdrückung unterschiedlichster Art nicht mehr zu wehren wissen, fliehen dann eben aus ihrem Heimatland. Hier wäre eine mögliche Handlungsoption für unsere Politiker, die entsprechenden Regierungen unter Druck zu setzen oder sogar mit Sanktionen zu belegen, aber stattdessen werden lieber Verträge mit den Despoten geschlossen, damit diese die von ihnen geknechteten Menschen konsequenter daran hindern, aus dem Land abzuhauen, wie ein Bericht der ARD-Sendung Monitor belegt. Es kann natürlich nicht darum gehen, in die innenpolitischen Angelegenheiten eines anderen Landes einfach so einzugreifen (denn das führt dann über Militärinterventionen selten zu einer Verbesserung für den Großteil der Bevölkerung), aber man könnte zum Beispiel finanzielle Unterstützungen an die Einhaltung der Menschenrechte und das Durchführen demokratischer Wahlen koppeln. Allerdings gilt hier leider eher das Prinzip: Wenn ein Schweinehund sein Volk unterdrückt, aber sonst auf unserer Linie ist und gute Geschäfte mit ihm zu machen sind, dann lassen wir ihn eben gewähren.

5. Persönliche Gründe

Letztlich gibt es immer auch ganz individuelle Gründe, die Menschen dazu veranlassen, alles zurückzulassen und ihr Glück lieber in einem anderen Land zu versuchen. Und auch dies können durchaus lebensbedrohliche Gründe sein, denn Blutrache ist beispielsweise immer in viel zu vielen Ländern gang und gäbe (u. a. auch in Albanien und im Kosovo). Aber auch mafiöse Strukturen in Politik und Gesellschaft, die leider vielerorts üblich sind, können dazu führen, das jemand einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort war oder etwas Falsches gesagt hat, um sich seines Lebens nicht mehr sicher sein zu können. Da kann ein Herkunftsland noch so sehr als sicher deklariert werden: Wenn jemand deswegen um sein Leben fürchten muss, weil sein Cousin irgendeinen Ärger mit einer anderen Familie gehabt hat, dann ist das ein legitimer Grund, das Weite zu suchen.

 

Zusammenfassend kann man also sagen: Wir leben auf Kosten der Menschen in ärmeren Ländern, und wenn wir weiterhin einfach so weitermachen wollen wie bisher, dann müssen wir anderen Menschen Wohlstand und teilweise sogar existenziell wichtige Überlebensbedingungen vorenthalten. Wenn tatsächlich alle Menschen auf der Welt unseren Lebensstandard hätten mit unserer ressourcenintensiven Art zu leben (Technik, Fleischkonsum, Konsum von Massen- und Wegwerfprodukten, Autos usw.), dann wären die Ressourcen unseres Planten rasend schnell erschöpft. Also müssen infolge der neoliberalen Logik viele Menschen arm gehalten werden, damit wenige Menschen in einigen ausgesuchten Ländern im Überfluss konsumieren können. Die Flüchtlinge sind letztlich nur ein kleiner Ausdruck dieser Vorgehnsweise, die über 50 Mio. Menschen, die jedes Jahr verhungern, an unsauberem Trinkwasser, Epidemien und Mangelerkrankungen sterben, fallen da auch als „Kollateralschäden“ unseres Lebensstils an – aber die müssen wir hier ja nicht so unmittelbar sehen, sodass man die besser ausblenden kann. Blöderweise haben die Menschen in den ärmeren Ländern nur mittlerweile auch Internet und Fernsehen, was dazu führt, dass sie sehen können, wie wir hier leben, und für wen schon ein Dach über dem Kopf und einigermaßen sauberes Trinkwasser einen gewissen Luxus darstellt, der fühlt sich bei einem Blick auf unseren Lebensstandard mit ausreichender Ernährung, medizinischer Versorgung, hoher Sicherheit vor Gewalt usw. vermutlich wie bei einem Blick ins Schlaraffenland – und macht sich dann auf den Weg genau dorthin.

Eine Anmerkung noch zum Schluss, da sie auch mit dem Thema Flüchtlinge zu tun hat: Ein immer wieder erwähnter Grund, sich den Flüchtlingstrecks anzuschließen, ist ja, dass auf diese Weise IS-Terroristen in unser Land kommen wollen. Dass dies ziemlicher  Mumpitz ist, sagt einem nicht nur der gesunde Menschenverstand (Flüchtlingsrouten sind sehr riskant, der IS ist gut organisiert und würde seine Terroristen vermutlich eher mit entsprechenden Reisedokumenten ausstatten, sodass sie in normalen Fliegern nach Europa kommen könnten), sondern auch ein Artikel der Süddeutschen Zeitung, in dem belegt wird, dass an allen vermeintlichen Hinweisen auf eingeschleuste Terroristen, die sich unter Flüchtlinge gemischt haben, nichts dran ist, denn die deutschen Sicherheitsbehörden können bisher keinen davon bestätigen. Ich finde es zumindest bezeichnend für unsere Gesellschaft, dass wir die wahren Fluchtursachen zu einem guten Teil ignorieren, uns dann aber vermeintliche Fluchtursachen konstruieren, die nichts mit der Realität zu tun haben, sondern nur Ausdruck unserer eigenen Angst sind.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 Gedanken zu „Fluchtursachen“

  1. Ein Kommentar von Illja Trojanow in der taz geht in eine ähnliche Richtung und bringt zudem noch einen weiteren Aspekt, in welchem Maße wir auf Kosten von Menschen in anderen Ländern leben, ins Spiel, nämlich die Fabriken von großen Konzernen, in denen Menschen unter fürchterlichen Bedingungen arbeiten, um Modeartikel u. Ä. für unseren Konsum herzustellen. Pointiert geschrieben und daher unbedingt lesenswert!

  2. Ein Leserbrief hierzu erreichte uns von Jens Thölking:

    Hallo zusammen,
    eure Zusammenfassung der Fluchtursachen ist fast perfekt. Was man auf jeden Fall erwähnen sollte ist die verdeckte Kriegsführung und Regimechangepolitik der USA, die den Mittleren Osten systematisch destabilisiert hat. (Michael Lüders und Dr. Daniele Ganser haben 2 gute Vorträge auf Youtube)
    Wenn man von Berichten der Sendung Monitor, die Mitschnitte von Victoria „Fuck the EU“ Nuland und den Vortrag von Daniele Ganser ausgeht, dann haben die USA die Ukrainekrise mit ausgelöst.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jens Thölking

    Weitere Infos zu politischen Themen findet ihr auf meiner Facebookseite „So denkt Deutschland“

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