Nein zu Olympia – ein positives Signal

Hamburg hat abgestimmt in Form eines Referendums, ob die Stadt sich als Austragungsort für die Olympischen Spiele 2024 bewerben soll. Das Ergebnis dürfte die meisten überrascht haben, denn 51,6 % der abgegebenen gültigen Stimmen lehnten die Bewerbung ab. Und dabei hatten sich doch die Befürworter so sicher gefühlt und eine riesige PR-Kampagne auf allen Kanälen losgetreten, die aber letztlich dann doch nicht zum Erfolg führte. Daraus kann man nun einige positive Erkenntnisse ableiten.

Zunächst einmal ist es bemerkenswert, dass 50,1 % der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben haben. Das sind mehr als bei so mancher Landtagswahl, und insofern für ein Referendum ein extrem gutes Ergebnis, da man ja davon ausgehen muss, dass es auch eine Menge Wähler gibt, denen der Abstimmungsgegenstand schlichtweg egal ist. Man sieht also, dass die Menschen durchaus bereit sind, sich mit einem politischen Thema zu beschäftigen und dann auch Stellung zu beziehen. In Zeiten der zunehmenden Entpolitisierung und sinkender Wahlbeteiligungen in jedem Fall schon mal etwas sehr Positives, wie ich finde.

Warum jeder einzelne Olympia-Gegner nun mit Nein abgestimmt hat, mag vielfältige Gründe haben. Vielen wird mit Sicherheit das noch nicht ausgearbeitete Finanzkonzept, das lediglich auf Mutmaßungen und Versprechungen beruht, aber nicht auf konkreten Zusagen und dem viele Experten attestieren, sowieso viel zu niedrig angesetzt zu sein, gegen den Strich gegangen sein, sodass man der Stadt keinen Blankoscheck ausstellen wollte. Wenn nämlich erst mal ein Zuschlag zu Olympischen Spielen gegeben worden wäre, dann gäbe es auch kein Zurück mehr. Und wenn dann plötzlich ein Bauunternehmer feststellt, dass Sportstätte XY ein paar Millionen teurer wird, dann kann man nicht einfach klagen und dabei Zeitverluste in Kauf nehmen, sondern durch den verpflichtenden Termin wäre die Stadt erpressbar. Andere dürften keine Lust auf die Einschränkungen, die den Hamburgern bei Olympischen Spielen ins Haus stünden, haben: eingeschränkte Versammlungsfreiheit, weitgehende Sperrung der Innenstadt für den Verkehr, Touristenmassen, ewig viele Baustellen, Sicherheitsmaßnahmen, die man noch nicht abschätzen kann (wer weiß, wie sich beispielsweise der Krieg gegen den IS bis 2024 entwickelt) – auch hier gibt es viele Gründe, Olympische Spiele nicht in der Stadt haben zu wollen.

In jedem Fall sind das alles Positionen, die jeder Nein-Abstimmer für relevanter erachtet als die doch recht leeren Phrasen der Olympia-Befürworter, in denen es meistens nur in Form von Allgemeinplätzen hieß, dass die Spiele doch gut für Hamburg wären, dass Hamburg damit gut in der Welt dastehen würde oder dass man so Weltoffenheit zeigen könnte. Alles gut und schön, aber eben nicht so richtig greifbar wie die negativen Auswirkungen für viele Hamburger. Und damit schlägt der Inhalt die Form – da haben auch weder Sonderausgaben der BILD oder vom Hamburger Abendblatt noch ein peinlicher Pro-Olympia-Schlager etwas ändern können.

Apropos BILD: Die Aussage, dass man in Deutschland nicht gegen dieses Blatt Politik machen könnte, hat sich als unwahr erwiesen. Schließlich haben sich Springers PR-Schreiber (von einige fälschlicherweise immer noch als Journalisten bezeichnet) richtig derb ins Zeug gelegt, um den Hamburgern eine Olympia-Bewerbung schmackhaft zu machen. Doch auch hier lohnte sich der massive finanzielle Aufwand nicht, denn es konnte keine Mehrheit davon überzeugt werden, für Olympia zu votieren.

Die Wähler waren anscheinend in der Lage, sich über ein komplexes Thema selbstständig zu informieren und dabei nicht nur auf die Hochglanzformate zurückzugreifen, sondern sich eben auch anderweitig schlau zu machen, nämlich auf Webseiten wie der von NOlympia, in kritischen Blogs, in sozialen Netzwerken oder auch in Form von persönlicher Diskussion. Dass nun vonseiten der schlechten Verlierer deswegen gezetert wird, ist kein Wunder, aber eben auch bezeichnend. So wetterte die CDUlerin Bettina Machaczek beispielsweise auf ihrem Facebook-Profil (am 29. 11. um 21:49 Uhr):

Diese unglaublich peinliche Niederlage bei der Abstimmung zu Olympia wird Hamburg noch lange spüren. Wir haben uns auch in ganz Norddeutschland lächerlich gemacht und die Hoffnungen vieler Norddeutscher enttäuscht. Hamburg hat keinen Mut zur Zukunft. Bitter.
Ich stimme Herrn Mantell vom Hamburger Sportbund, ehem. Bezirksamtsleiter, zu. Wir müssen uns fragen, ob es nicht doch besser ist, wohl abgewogene repräsentative Entscheidungen in Parlamenten zu fassen. Große Entscheidungen für die Zukunft sind sonst bald in Deutschland nicht mehr möglich.

Und diesen Tenor traf ich heute in vielen Äußerungen von Olympia-Befürwortern an: Die Wähler sind zu engstirnig, nicht weltoffen, zu dumm für solche Themen usw. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall, denn selbst die wirklich groß angelegte Werbekampagne, die Millionen Euro gekostet hat, hat nicht den erwünschten Erfolg gebracht. Geld kauft also keine Zustimmung bzw. politische Legitimation.

Wenn man sich nun überlegt, wie das Ergebnis des Referendums wohl ausgefallen wäre ohne diese PR-Kampagne, sondern wenn nur jeweils die Olympia-Befürworter und -Gegner jeweils einen Flyer mit ihren Argumenten an die Hamburger Haushalte verteilt hätten und weiter nichts und wenn die großen Hamburger Medien tatsächlich ausgewogen über die Pro- und Kontrapositionen berichtet hätten, das Ergebnis wäre wohl noch viel deutlicher gegen die Olympia-Bewerbung ausgefallen. So kann man dieses Resultat vor allem auch als Sieg der reflektierten Entscheidung gegen stimmungsmachende Werbung sehen, und das sollte in einer Demokratie doch zumindest als gutes Zeichen wahrgenommen werden, finde ich. Dass die schmollenden Abstimmungsverlierer nun ganz im Gegenteil den nicht werbungshörigen Bürgern die Mündigkeit abzusprechen versuchen, zeigt, welch pervertiertes Demokratieverständnis dort vorliegt.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

4 Gedanken zu „Nein zu Olympia – ein positives Signal“

  1. … und die Hamburger Medienlandschaft scheint nichts aus dieser Niederlage gelernt zu haben, denn neben solchen Stimmen wie der von Guido Pauling (im vorherigen Kommentar verlinkt) tönt es nun vor allem wieder in gleicher Manier weiter, reflektiert wird nicht: Die Terroranschläge sind schuld, der FIFA- und WM-2006-Skandal sind schuld, diejenigen, die mit Nein abgestimmt haben, sind ja nur verängstigte, kleinspießige Provinzler, die man besser nicht mehr zu solchen Dingen fragen sollte. Das Demokratieverständnis, was daraus spricht, ist ein erschreckendes, aber eben auch bezeichnendes für die PR-Schreiber unserer sogenannten „Eliten“, wie ich finde. Exemplarisch sei hier auf den Leitartikel des Chefredakteurs des Hamburger Abendblattes Lars Haider hingewiesen.

  2. Und wenn man dann denkt, es geht nicht niveauloser, kommt immer noch mal der Spiegel um die Ecke.

    In einem selten dummen Kommentar beschwert sich dort Stefan Kaiser, dass die Hamburger, die mit Nein gestimmt haben, ja nur viel zu konservativ seien und keine Veränderung wollten.

    Blöderweise nur waren es ja nun vor allem die konservativen Kräfte in Hamburg wie die Springer-Presse, die CDU, SPD und die Grünen, die versucht haben, die Bürger zur Zustimmung zu dem Event zu drängen …

    Und vor allem auch heuchlerisch: Genau diejenigen, die sonst immer propagieren „Deutschland geht’s gut!“ (was ja am Ende des Artikels als Grund für die Ablehnung benannt wird), haben ja nun massiv für Olympia geworben. Genauso wie die FDP, die ja nun nicht gerade für Steuererhöhungen steht, da die Angst vor höheren Steuern und Abgaben auch den Nein-Abstimmern vorgehalten wird.

    Die meisten Nein-Abstimmer, die ich kenne und mit denen ich mich ausgetauscht habe im Vorfeld des Referendums, haben sich zumindest reichlich Gedanken darüber gemacht, haben Argumente dafür und dagegen abgewogen, haben sich breit gefächert informiert und sind bestimmt auch nicht sonderlich konservativ, sondern das genaue Gegenteil. Aber Realität interessiert solche Mietfedern wie diesen Hanswurst vom Spiegel ja nur selten …

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