Qualitatives Wachstum vs. quantitatives Wachstum

Wachstum, Wachstum, Wachstum – sobald man von Wirtschaft spricht, ist auch recht schnell die Rede vom Wachstum, welches notwendig sei, um Wohlstand zu erhalten oder neu zu schaffen. Dabei erfährt der Begriff allerdings eine recht einseitige Auslegung, denn er wird fast immer nur im Sinne eines quantitativen und nicht eines qualitativen Wachstums gebraucht. Diese begriffliche Verengung entspricht zwar der Zahlengläubigkeit und somit auch dem vorherrschenden Mainstream in den Wirtschaftswissenschaften, allerdings begeben wir uns auf diese Weise auch in eine Sackgasse, die keine schönes Ende zu nehmen verspricht.

Unser Planet ist jetzt schon am Poller. Der sogenannte „Earth Overshoot Day“ (damit ist der Tag gemeint, an dem der jährliche Ressourcenverbrauch die Kapazitäten der Erde, diese Ressourcen auch wieder reproduzieren zu können, übersteigt) liegt jedes Jahr ein Stück weit früher: 1987 war dies noch der 19 Dezember, 2015 schon der 13. August. Dass angesichts einer solchen Entwicklung immer noch Wachstum als alleiniges Allheilmittel für wirtschaftliche Krisen propagiert wird, erscheint (zumindest beim derzeitig üblichen Wachstumsverständnis) reichlich grotesk. Immer nur mehr von allem – wo sollen denn die Ressourcen dafür herkommen in einem begrenzten System, wie es die Erde nun einmal darstellt.

Es gibt mittlerweile daher auch schon die sogenannte Degrowth-Bewegung, die dafür plädiert, das Wachstum zurückzufahren, um die Kapazitäten unseres Planeten nicht weiter zu überlasten. Wenn man sich vorstellt, dass ein Großteil der Länder der Welt noch lange nicht auf dem Wohlstandsniveau angekommen ist, auf dem beispielsweise wir hier in Deutschland uns befinden (und da wollen die im Endeffekt alle irgendwann mal hin) und das ja von enorm hohem Ressourcenverbrauch gekennzeichnet ist, dann erscheint so etwas auch dringend notwendig.

Aber natürlich ist es den Menschen in den wohlhabenden Ländern schwer zu verklickern, dass sie von nun an verzichten und ihren Konsum zurückschrauben müssen – zumal es auch in diesen Ländern genügend Menschen gibt, denen es alles andere als wirtschaftlich gut geht. Hier wäre ein Umdenken sinnvoll, und zwar weg von dem rein quantitativen Wachstumsbegriff hin zu einem qualitativen.

Zurzeit besagt Wachstum vor allem eines: mehr von allem. Seinen Ausdruck findet dies im Bruttoinlandsprodukt (BIP), dass die Summe aller Waren, Güter und Dienstleistungen im Laufe eines Jahres innerhalb einer Volkswirtschaft angibt. Dieser rein ökonomische Wert gilt nach wie vor als Maß aller Dinge, wie gut es den Menschen geht. Doch fließen hier viele Dinge nicht ein, die definitiv Lebensqualität ausmachen (zum Beispiel eine intakte Umwelt), andererseits wird das BIP gesteigert durch Dinge, die für die meisten Menschen keine Bedeutung haben oder zu keiner Verbesserung ihres Lebens führen (zu nennen wären hier beispielsweise die Spekulationen der Finanzindustrie), und vor allem auch durch eindeutig negative Dinge wie Umweltverschmutzung, Krankheit, Kriminalität und alles andere Unangenehme, was Dienstleistungskosten oder Produktionskosten für neue Güter erfordert.

Wenn nun vor diesem Hintergrund gefordert wird, dass in Deutschland mit seinem riesigen Exportüberschuss die Binnennachfrage gesteigert werden müsste, um wieder mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf zu bringen, dass dringend benötigt wird, um beispielsweise die vielen Flüchtlinge angemessen zu versorgen und ihnen Integrationsangebote bereitzustellen, so provoziert dies durchaus auch negative Reaktionen: „Was, noch mehr Wachstum? Wieso sollen alle immer nur mehr konsumieren?“ Mit solchen Aussagen wurde ich gerade vor Kurzem in einer Diskussion auf Facebook konfrontiert. Und da ist ja auch durchaus was dran.

Allerdings sehe ich es so, dass man hierbei die Perspektive ein wenig verschieben bzw. erweitern sollte, also weg von der reinen Quantität des Wachstums hin zu einer Qualität. Es geht also, salopp gesprochen, nicht darum, dass sich nun auch Geringverdiener den dritten Flachbildfernseher in die Bude stellen sollen, sondern darum, dass auch Menschen mit geringem Einkommen zumindest derartige Einkommensverbesserungen erhalten, dass sie sich beispielsweise mal vernünftige, nachhaltig produzierte Lebensmittel leisten können und nicht auf Billigmampf aus dem Discounter angewiesen sind. Oder dass auch diese Menschen ihren Stromanbieter wechseln können hin zu erneuerbaren Energien. Oder dass die vielleicht einmal im Jahr mit der Familie für eine Woche in den Urlaub fahren können. Konsum ist ja nicht immer gleich Konsum, sondern hat sehr viele Facetten.

Eine gesteigerte Binnennachfrage muss sich demzufolge nicht nur über Quantität von Produkten definieren, sondern vielmehr über deren Qualität im Sinne einer nachhaltigen, ökologisch vertretbaren und auch hochwertigen Produktion (um Sachen nicht nach kurzer Zeit schon wieder ersetzen zu müssen, weil sie kaputt sind). Und Produkte, die solche Kriterien erfüllen, sind nun mal teurer als Billigramsch, den sich viele Menschen in Deutschland leider nur leisten können.

Das Problem hieran, ist, dass die derzeitige neoliberale Politik genau das Gegenteil erreicht: Immer mehr Menschen haben wenig Geld und sind somit auf minderwertige Waren angewiesen, die in immer größerem Maße abgesetzt werden und somit gemeinsam mit dem stetig anwachsenden immensen Reichtum einiger weniger das BIP zwar in die Höhe treiben, aber eben gesamtgesellschaftlich (oder gar global) gesehen ausgesprochen schädlich sind. Erschreckend, dass das fast jeder einfach so hinnimmt, denn letztendlich geht es dabei ja um nicht weniger als um die Existenz unseres Planeten – und damit um unsere Lebensgrundlage.

Jeder, der es sich leisten kann, sollte daher auf Qualität statt auf rein Quantität achten beim Konsum: Brauche ich eine Sache gerade wirklich? Reicht nicht vielleicht auch etwas weniger? Gibt es für ein Produkt eine Alternative, die umweltfreundlicher, regionaler, mit weniger Verpackung und unter besseren Arbeitsbedingungen hergestellt wurde? Wie haltbar ist ein Produkt (Stichwort Müllvermeidung)? Gibt es einen besseren Stromanbieter als den, den ich gerade habe, auch wenn der vielleicht etwas teurer ist? Das sind natürlich nur Kleinigkeiten, aber immerhin besser als nichts.

Und dann kann man natürlich auch Grundlagen für ein qualitatives statt eines rein quantitativen Wachstums, wie die Binnennachfragesteigerung und die damit einhergehende Umverteilung von den ganz Reichen hin zu denen, die nicht so viel haben, oder auch die Förderung nachhaltiger Produkte und Produktionsweisen, auf seine persönliche politische Agenda setzen und dies zum Maßstab dafür machen, wo man denn bei der nächsten Wahl sein Kreuzchen macht …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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