Konsum ist eine mächtige Waffe. Was macht sie stumpf?

Apple zahlt keine Steuern, Amazon sowieso nicht, und die Bayer-Monsanto-Fusion wird auch von vielen argwöhnische begutachtet. Transnationale Konzerne machen anscheinend, was sie wollen, und das Schlimme daran ist, dass die Politik ihnen keinen Einhalt gewährt, sondern oft genug noch dienstbar zur Seite steht. Sind wir also machtlos gegen derartige Machenschaften? Nein, denn wir haben eigentlich ein gutes Mittel, um Großunternehmen in ihre Schranken zu weisen, und das ist unser Konsum, auf den diese angewiesen sind. Soweit die Theorie – in der Praxis sieht das leider oft ganz anders aus …

Gerade wenn man mal mit Menschen diskutiert, warum diese beispielsweise nach wie vor beispielsweise bei Amazon einkaufen und sich auch sonst wenig Gedanken darüber machen, was sie wo erwerben, fallen einem so ein paar Muster auf, die dann immer wieder vorgebracht werden, um das eigene Konsumverhalten zu rechtfertigen oder zu erklären:

Ignoranz

Vielen Konsumenten ist es schlichtweg egal, wie Unternehmen ticken, denen sie ihr sauer verdientes Geld in den Rachen schmeißen. Arbeitnehmerrechte werden missachtet? Es werden nur Hungerlöhne gezahlt? Menschenrechtliche Gesichtspunkte spielen in der Produktion keine Rolle, genauso wie auf den Umweltschutz einen feuchten Kehricht gegeben wird? Und Steuern werden auch gespart, wo es nur geht? Das spielt für viele Kunden überhaupt keine Rolle, da sie sich mit derartigen Dingen überhaupt nicht beschäftigen (wollen). Klar, so was könnte einem ja auch den Spaß am Einkaufserlebnis nehmen, also wird das schlichtweg ignoriert – es geht einen selbst ja nichts an.

Das ist natürlich viel zu kurzsichtig gedacht, denn über nur wenige Ecken fallen solche Praktiken von Unternehmen, die man selbst mit seinem Einkauf unterstützt, dann auch wieder auf einen selbst zurück. Wenn keine Steuern gezahlt werden, dann verlottert halt in unserem Land die öffentliche Infrastruktur immer weiter – und das betrifft nun eben jeden (ätzenderweise auch die Unternehmen selbst, die sich zwar nicht gern an Dingen für die Allgemeinheit beteiligen, diese aber schon gern nutzen, z. B. in Form von Straßen für ihre Lkws).

Aber für solche Zustände wird dann eben der Politik die Schuld in die Schuhe geschoben – teilweise ja durchaus zu Recht, denn dort werden schließlich die Steuervermeidungsgesetze beschlossen. Aber wer hat diese oft genug den parlamentarischen Ausschüssen diktiert oder hat zumindest daran mitgeschrieben? Genau, die Großkonzerne, die man dann wiederum großzügig sponsert.

Und auch die unmittelbaren Nachteile, die der Einzelne hat, wenn er nur noch vor dem Rechner sitzt und bei Amazon und Co. einkauft, werden ausgeblendet. Klar, man muss den Hintern nicht mehr vom Sofa bewegen (und für fußkranke oder gehbehinderte Menschen ist es ja auch durchaus gut, dass es solche Bestellmöglichkeiten gibt), aber dafür entgehen einem eben auch soziale Kontakte, sei es auf dem Weg zum Einzelhändler um die Ecke, sei es dort selbst vor Ort, zumal wenn man dann irgendwann Stammkunde ist und die Geschäftsinhaber oder Verkäufer auch ein bisschen persönlicher kennt.

Bequemlichkeit

Aber diese sozialen Vorteile werden von vielen eben gern auf dem Altar der Bequemlichkeit geopfert. Warum vor die Tür gehen, wenn ich etwas auch mit zwei, drei Klicks erledigen kann? Und hinterher wird sich dann schön darüber beklagt, dass die Menschen heute alle so vereinzelt vor sich hinleben …

Dabei ist bei Büchern beispielsweise der örtliche Buchhandel mindestens genauso schnell, wenn nicht sogar schneller als Amazon: Die kriegen jedes lieferbare Buch innerhalb von 24 Stunden ran, und wenn man den Händler kennt, dann kann man auch seine Sachen locker per Telefon bestellen und muss nicht zwei Mal losgehen.

Aber dann ist da ja noch Service, der so super ist, da kann man alles ohne Probleme umtauschen. Klar, deshalb wird auch erst mal wie Teufel bestellt, um dann die Hälfte oder noch mehr wieder zurückzuschicken – dass dafür dann unterbezahlte Zusteller Extraschichten ackern müssen, wird wieder ignoriert (das greift ja auch alles so schön ineinander).

Letztendlich ist dieses Argument der Bequemlichkeit nichts anderes als gelebter Egoismus: Hauptsache ich krieg meinen Kram schnell und billig und mit wenig Aufwand ran, alles andere interessiert mich nicht. Dass es dabei oft um Kram geht (gerade wenn man Amazon betrachtet), der nicht lebensnotwendig dringend gebraucht wird, macht diese Haltung noch ein wenig absurder. Super, ich hab die DVD, die ich sowieso erst am Sonnabend schauen werde, schon am Mittwoch bekommen statt am Freitag – egoistische Bequemlichkeit wird quasi zum Selbstzweck.

Geiz ist geil – immer noch

Hand in Hand mit den Motiven der Bequemlichkeit geht dann auch das Argument, dass große Anbieter halt billiger seien. Klar, das können die ja auch, denn wie oben schon beschrieben, zahlen die ja oft auch keine Steuern. Wenn beispielsweise Amazon Artikel zehn Prozent billiger anbietet als ein lokaler Einzelhändler, aber die Rechnung dafür dann aus Luxemburg kommt, dann muss da auch so gut wie keine Mehrwertsteuer bezahlt werden – immerhin 19 Prozent. Da kann man dann auch gern mal generös die Sachen billiger raushauen, oder?

Und natürlich zahlen die Einzelhändler auch ihre Einkommensteuer und lassen u. U. ihre Angestellten nicht für einen Hungerlohn schuften. Tja, so was schlägt sich eben im Preis dann schon ein wenig nieder. Der Pfennigfuchser freut sich, wenn er 3,50 Euro gespart hat, der Großkonzern auch – nur für die Allgemeinheit ist das nicht so doll, da nicht nur Steuereinnahmen wegbleiben, sondern auch sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze abgebaut werden. Aber so was kann man mit einer genügenden Portion Ignoranz (hatten wir oben ja schon) dann auch ausblenden …

Das ist eben das Resultat, wenn jeder nur noch individuell sich selbst sieht und seine Mitmenschen nicht mehr als Teil einer Sozialgemeinschaft versteht (und das hat uns der Neoliberalismus ja auch seit ein paar Jahrzehnten immer wieder eingetrichtert): Schau auf Deinen eigenen Vorteil und scheiß auf die anderen, in diesem Fall die Volkswirtschaft. Doof natürlich, dass man selbst auch wieder ein Teil davon ist, aber so weit wird dann eben doch nicht mehr gedacht, wenn man erst mal im Schnäppchenrausch ist.

Resignation

Und dann gibt es ja auch noch diejenigen, die sich schon bemühen, das Ganze zu durchschauen und die größeren Zusammenhänge im Blick zu behalten, von denen man dann aber immer öfter die Frage hört: Was soll man da als Einzelner schon machen?

Klar, wenn man feststellt, dass nicht nur transnationale Konzerne einen sehr großen Einfluss auf die öffentliche Meinung über sehr große PR-Abteilungen haben, dann auch noch Politiker nach deren Pfeife tanzen und im eigenen Bekanntenkreis viele nach den oben geschilderten Mustern reichlich unbewusst durch die Konsumwelt schlendern, dann fühlt man sich klein, einsam und machtlos – und das ist nun auch nicht ganz unnachvollziehbar.

Dennoch: Bei wem, wenn nicht bei sich selbst, sollte man anfangen? Und jeder Einkauf bei einem lokalen kleinen oder mittelständischen Anbieter, jedes nicht erworbene Schnäppchen, bei dem man nach ein bisschen Überlegung drauf gekommen ist, dass man es eigentlich doch nicht braucht, jedes gekaufte Produkt, was nicht von Nestlé, Unilever und ähnlichen fiesen Unternehmen produziert wurde, ist ein gestreckter Mittelfinger in Richtung der Konzerne, die unsere Welt mit voller Absicht aus Profitgier tagtäglich ein Stückchen schlechter machen, ein Statement, dass man sich nicht zum dumpfen Konsumzombie degradieren lassen möchte.

Dabei ist Dogmatismus bestimmt nicht zielführend, denn Konzernstrukturen sind heute so komplex, dass man oft gar nicht auf den ersten (oder auch zweiten) Blick erkennen kann, was man da eigentlich gerade von wem gekauft hat. Und natürlich gibt es auch leider immer mehr Menschen in Deutschland, die so wenig Geld haben, dass für sie eigentlich immer nur die billigste Variante infrage kommt. Das ist ein Problemfeld für sich, und in materiellen Notlagen habe die meisten auch nur wenig Kapazitäten, sich um derartige größere Zusammenhänge zu kümmern (so nach der maslowschen Bedürfnispyramide).

Doch gerade bei nicht existenziell wichtigen Sachen kann unser aller Konsumverhalten eine mächtige Waffe gegen Zustände sein, die wir nicht billigen. Insofern sollten wir uns nicht selbst von den oben geschilderten Untugenden übertölpeln lassen, die uns letztendlich nur unserer Mündigkeit berauben.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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