Dogmatismus als Ausrede für Inaktivität

In letzter Zeit ist mir ein Phänomen vermehrt aufgefallen: Ich diskutiere oder unterhalte mich mit anderen Menschen über Dinge, die heutzutage schieflaufen, und da gibt es ja nun wahrlich genügend Themen: Klimawandel, Steuervermeidung, Umweltzerstörung und Fluchtursachen sind da beispielsweise häufig im Gespräch. Irgendwann kommt man dann auch zu der Frage, was man denn selbst so alles machen könnte, um derartig beklagenswerte Zustände zu ändern, und da erlebe ich dann oftmals eine ziemlich starke Passivität und Inaktivität, die vor allem mit dogmatischen Begründungen legitimiert wird.

Dabei gibt es mehrere unterschiedliche Arten bzw. Sichtweisen von Dogmatismus:

Wenn’s nur ein Einzelner macht – was bringt es dann?

Hierbei wird auf die Hilflosigkeit, die man als Einzelner empfindet, abgestellt, sodass eine Verhaltensänderung als zwecklos begründet werden kann. Nestlé, Amazon, IKEA und andere fiese Großunternehmen wird es schon nicht jucken, wenn ich allein nichts mehr von denen kaufe – dann kann ich mir einen Boykott auch gleich sparen.

Dabei wird übersehen, dass auch die enormen Umsätze und Gewinne dieser Konzerne von lauter Einzelkäufern erzeugt werden – und der Profit ist nun mal das Einzige, womit ich als privater Konsument überhaupt Firmen mit einem von mir als mies wahrgenommenen Geschäftsgebaren treffen kann. Wenn hier erst nur wenige, dann allerdings immer mehr mitmachen, weil man selbst eben durch seine Haltung auch ein Beispiel geben kann, dann wird das früher oder später zu Umsatzeinbußen führen. Natürlich werden nie alle einen bestimmten Konzern boykottieren (und viele sind so ehrlich, da zumindest Bequemlichkeit und Ignoranz als Gründe einzuräumen), aber das ist auch gar nicht notwendig, um Wirkung zu erzielen: Wer schon 10 oder 20 Prozent Umsatzeinbußen hat, bei dem brennt spätestens auf der nächsten Aktionärsversammlung der Busch!

Und was noch dazukommt: Jeden Einkauf, den ich nicht bei einem üblen Unternehmen mache, tätige ich dann bei einem besseren (oder zumindest weniger üblen), sodass ich auch die Konkurrenz stärke und andere Firmen quasi dafür belohne, die eben bessere Arbeitsbedingungen, eine weniger umweltschädliche Produktion oder eine anständigere Steuerzahlungsmoral vorweisen können.

Wenn man das eine macht, muss man auch das andere machen.

Eine andere Form des Dogmatismus zielt nicht auf die Masse der Konsumenten, sondern auf das Verhalten jedes Einzelnen ab, und dies wird häufig benutzt, um korrektes Verhalten von anderen zu diskreditieren (sodass man selbst auch erst mal gar nicht mit so was anfangen muss). Ein Beispiel: Jemand erzählt, dass er keine Flugreisen mehr macht, da er seinen CO2-Fußabdruck nicht mehr auf diese Weise so massiv vergrößern möchte. Daraufhin bekommt er nun zu hören, dass er dann ja auch sein Auto gefälligst abschaffen sollte. Der Pkw stößt zwar auch CO2 aus, aber dennoch hat das eine ja nicht zwangsläufig etwas mit dem anderen zu tun. Dennoch wird hier eine Ganz-oder-gar-nicht-Haltung erwartet, die im Grunde ohnehin kaum jemand erfüllen kann. Aber das ist ja auch gut so, denn auf diese Weise kann man selbst ja schön so weitermachen wie bisher, da man ja eh nicht alles an schädlichen Verhaltensweisen abstellen kann …

Auch hier dient der eingeforderte Dogmatismus nur als Ausrede – und ist zudem wenig zielführend. Was spricht dagegen, in kleinen Schritten Dinge zu ändern, um nachhaltiger, weniger umweltzerstörend und nicht so sehr auf Kosten von anderen Menschen zu leben? Alles kann sowieso keiner „richtig“ machen, aber derjenige, der bei der Hälfte seiner Konsumentscheidungen bewusst versucht, auf Sozial- und Umweltverträglichkeit zu achten, richtet ja auch schon mal weniger Schaden an, als wenn er einfach gedankenlos drauflos konsumieren würde.

Wer zum Beispiel nicht komplett auf Fleisch verzichten möchte, aber schon die Problematik erkennt, die mit immer höherem Fleischkonsum einhergeht (Massentierhaltung, Hunger in anderen Ländern, Klimaschädlichkeit), und seinen Fleischkonsum daher reduziert, ist auch als Nichtvegetarier auf einem guten Weg.

Das System muss sich ändern!

Es stimmt natürlich schon, dass unser kapitalistisches Wirtschaftssystem (zumal in seiner neoliberal-marktraidkalen Ausprägung der letzten Jahrzehnte) ausgesprochen destruktiv ist, indem es Mensch und Umwelt recht rücksichtslos ausbeutet. Und natürlich ist es auch wichtig, Systemkritik zu üben und systemische Ursachen für Missstände zu erkennen und aufzuzeigen. Aber dabei sollte man dann nicht stehen bleiben, und genau das machen eben nicht wenige.

Weil das System so scheiße ist, kann ich selbst, solange ich mich innerhalb dieses Systems bewege, ohnehin nichts ändern – also mach ich so weiter wie bisher. Das Problem dabei: Wenn alle einfach so weitermachen, dann ändert sich ja auch nichts am System, so was passiert nämlich selten einfach so auf Knopfdruck. Und zudem kann man auch zusehen, einem System, was man selbst ablehnt, einen besseren Anstrich zu verpassen, indem man im Kleinen eben so handelt, wie man es selbst für ethisch vertretbar hält.

Eine etwas abgewandelte Form dieses Ausrede-Dogmatismus ist die Aussage: „Da muss die Politik was machen!“ Klar läuft in der Politik etliches verkehrt und könnte verbessert werden, aber dennoch sind Politiker ja nicht für jeden Kram verantwortlich, den ich selbst machen. Forderungen nach einer anderen Politik zu stellen schließt also nicht aus, in seinem eigenen Leben schon mal diesen Forderungen entsprechen zu agieren. Aber das ist natürlich u. U. etwas unbequemer als einfach nur der Appell an „die da oben“ und deswegen nicht so weit verbreitet …

Hilfe bei der Überbrückung der kognitiven Dissonanz

Unter einer kognitiven Dissonanz wird verstanden, wenn jemand weiß, dass etwas schlecht ist, aber dennoch im Sinne dieses Schlechten handelt. Und um genau so ein Handeln vor sich selbst zu legitimieren und damit die unangenehme kognitive Dissonanz zu überbrücken, sind die hier geschilderten Formen des Dogmatismus super geeignet. Man würde ja gern, aber es hat ja eh keinen Zweck …

Dabei haben gerade wir doch die besten Voraussetzungen, Dinge zu verändern, da wir wenig existenzielle Nöte und viele Wahlmöglichkeiten in unserem alltäglichen Leben haben. Klar, es leben immer mehr Menschen am und unterm Existenzminimum in Deutschland, und die möchte ich hier auch explizit außen vor lassen. Aber es gibt nach wie vor genügend Menschen in unserem Land, die Dinge einfach mal ändern könnten in ihren täglichen Verrichtungen und in ihrem Konsumverhalten. Das bringt natürlich durchaus mal Unbequemlichkeiten oder Einschränkungen mit sich, aber diese sollten in einem gewissen Maße schon tragbar sein. Die Alternative ist nämlich, dass wir einfach so weitermachen, uns auf die beschriebene Art und Weise selbst belügen und aus der Verantwortung rausreden – und dann durch unseren Lebensstil die Einschränkungen, zu denen wir selbst nicht bereit sind, outsourcen an richtig arme Menschen, bei denen weitere Einschränkungen gleich ans Existenzielle gehen. Aber die sind ja auch meistens schön weit weg, sodass man das hier nicht so unmittelbar mitbekommt …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 Gedanken zu „Dogmatismus als Ausrede für Inaktivität“

  1. Das erinnert mich an eine kurze Geschichte, die ein Autor im Rahmen von ttt erzählte: Ein kleiner Vogel fliegt immer wieder über den Waldbrand und pinkelt ins Feuer. Die anderen Vögel fragen ihn, was er da mache? Er meinte, er lösche das Feuer, worauf alle meinten, dass es ihm so doch nie gelänge. Darauf der Vogel: „Aber immerhin tue ich etwas!“ ;)

    Übrigens ist auch der Umkehrschluss ein Argument: Also nicht zu sagen, dass ich als einzelner Konsument mit Kaufverzicht bei einem Unternehmen kaum ins Gewicht falle. Sondern sich auch klar machen, dass ich mit jedem Einkauf dieses Verhalten belohne und subventioniere!

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