Zeitgeistphänomen Eventisierung

Ein weiteres Zeitgeistphänomen, was in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, ist die Eventisierung. Was meine ich damit genau? Zum einen, dass viele Dinge mittlerweile zu Events aufgeblasen werden, die vorher einfach irgendwie selbstverständlich waren. Und zum anderen, dass viele Menschen auch immer mehr an Events teilnehmen wollen. Klingt jetzt erst mal nicht weiter schlimm, hat jedoch einige nicht ganz so schöne Aus- und Nebenwirkungen bezüglich unseres Zusammenlebens …

Gerade vorgestern hatten wir ja wieder so ein Event, das durch alle Medien ging: der Supermond. Da ist der Mond mal ein bisschen dichter dran an der Erde und wirkt dadurch recht groß, und schon bestimmt das Thema die Öffentlichkeit. Nun spricht ja nichts dagegen, sich an diesem Naturschauspiel zu erfreuen, und sich darüber mit anderen auszutauschen ist auch eine harmlose Sache, nur ist dies eben recht bezeichnend dafür, dass mittlerweile fast alles zu einem Event hochgejubelt wird.

In Hamburg-St. Pauli, wo ich seit 16 Jahren wohne, kann ich diese Entwicklung sehr deutlich beobachten, denn auch hier finden mittlerweile andauernd immer neue Events statt, und Events, die es schon länger gibt, werden immer größer. Dabei werden Sportveranstaltungen genauso eventisiert wie beispielsweise das Eintreffen von Kreuzfahrtschiffen oder der Schlagerwettbewerb Grand Prix D’Eurovision, den vor gut zehn Jahren diejenigen, die das interessiert hat, vornehmlich bei sich zu Hause mit ein paar Freunden geschaut haben. Und die Medien ziehen natürlich voll mit und preisen jedes Ereignis großspurig an.

Nun spricht ja generell nichts dagegen, öffentliche (Groß-)Veranstaltungen zu besuchen, allerdings scheint mittlerweile der Event-Charakter oftmals den eigentlichen Inhalt zu überlagern. Gut beobachten lässt sich dies bei Konzerten: Da gibt es regelmäßige Runs auf die Auftritte von abgehalfterten Altstars, die seit Jahren (oder sogar Jahrzehnten) nichts Neues mehr gemacht haben, deren Gastspiele allerdings auch auf allen Kanälen angekündigt werden, sodass der Eindruck erweckt wird, man müsste dieses Spektakel unbedingt besuchen. Natürlich haben auch solche Musiker noch treue Fans, allerdings dürfte der Großteil der Besucher vor allem dort sein, um am nächsten Tag vom Event zu berichten,  das man größtenteils damit verbracht hat, mit seinem Smartphone Bilder und Aufnahmen herzustellen, die man dann später anderen zeigen kann.

Das ist nämlich auch ein Aspekt, der das Event von einer Veranstaltung unterscheidet: Beim Event geht es darum, dabei zu sein und dies hinterher auch kommunizieren zu können. Durch die sozialen Medien sind wir daran nun auch schon reichlich gewöhnt, wenn uns andere Menschen mitteilen (möglichst noch mit Foto), wo sie gerade was essen. Es geht also weniger um das Geschehen an sich als um das Gruppengefühl durch die Teilnahme daran.

So werden dann mittlerweile auch politische Entscheidungen eventisiert, wie wir gerade bei den Wahlen zum US-Präsidenten beobachten konnten. Vorher interessierte sich kaum einer für die Standpunkte von Clinton und Trump oder gar für die Hintergründe, warum so ein Phänomen wie Trump überhaupt entstehen konnte, aber während und nach der Wahl wurde man dann von Statements von allem und jedem zum Ausgang quasi überschüttet. Eine inhaltliche Auseinandersetzung, die über ein kurzes negatives oder positives Statement hinausging, fand bei vielen dennoch nicht statt.

Diese Eventisierung ist natürlich nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern es gibt schon Nutznießer davon, und diese sind mal wieder in Wirtschaft und Politik zu finden.

1. Events sind ein zunehmend wichtiger Konsumfaktor. Viele Menschen haben schon mehr als genug Zeug, man kann ihnen nicht unbegrenzt Dinge verkaufen. Also müssen, getreu unserem Wachstumsdogma, neue Möglichkeiten gefunden werden, um zum Konsum zu animieren: eben Events. Wer zu Hause mit ein paar Freunden zusammensitzt und sich unterhält, Musik hört oder auch ein Glas Wein trinkt, der konsumiert nicht ansatzweise so viel wie derjenige, der ein oftmals kostenpflichtiges Event besucht und dort Getränke, Speisen, Souvenirs usw. konsumiert. In den nächsten Wochen werden wir diesen Effekt verstärkt beobachten können, da die Weihnachtsmärkte wieder geöffnet sein werden, die ja inzwischen auch eine massive Eventisierung erfahren haben: Es gehört für viele zum guten Ton, quasi täglich auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen und nicht wie noch vor einigen Jahren gezielt ein paar wenige in der Vorweihnachtszeit zu besuchen.

Und dass das Rundum-versorgt-Konsumpaket der Kreuzfahrtreisen, das von vielen Teilnehmern auch in starkem Maße als Gruppen-Event wahrgenommen wird, eine der am stärksten wachsenden Sparten der Tourismusbranche ist, passt da auch recht gut ins Bild.

2. Eventisierung ersetzet/ergänzt Werbung. Je mehr Menschen an einer Sache teilnehmen und dies auch beständig anderen mitteilen, desto weniger Werbung muss bei gleichzeitig steigendem Bekanntheitsgrad geschaltet werden. Ein Beispiel aus den letzten Monate: Pokemon Go. Ein paar Wochen lang drehen alle durch deswegen, dann ist das Thema durch und abgehakt, da ja auch der große Reibach schon gemacht wurde.

3. Und dann wäre da noch der „Brot und Spiele“-Effekt: Die Menschen werden mit immer mehr Events abgelenkt und unterhalten, sodass sie nicht auf die Idee kommen, sich mit für sie und ihr Leben tatsächlich relevanten Dingen zu beschäftigen. Es spricht ja natürlich nichts gegen zeitweilige Zerstreuung, nur nehmen Events mittlerweile durch die Event-Dichte einen sehr großen Raum ein. Gerade auch in der medialen Berichterstattung finden sich eventisierte Sendeformate und große Sport-Events immer häufiger auf der Titelseite, und dieser Ablenkungseffekt wird ja auch immer offensichtlicher genutzt, wie man zum Beispiel an unpopulären politischen Entscheidungen sehen kann, die während einer Fußball-WM/-EM gefällt werden, da das dann kaum jemand mitbekommt.

Dazu kommt dann noch der oben bereits beschriebene Aspekt, dass die Eventisierung Inhalte verflachen lässt. So kommt man als Politiker auch nicht so häufig in die Verlegenheit, Entscheidungen auch dem Wahlvolk erklären zu müssen, da sich dieses eben gar nicht so recht dafür interessiert.

Die Eventisierung ist also nicht ganz so harmlos, wie sie auf den ersten Blick scheint, und man sollte sich gut überlegen, wie weit man sich davon selbst vereinnahmen lässt oder ob es nicht sinnvoller sein kann, sich öfter mal ganz bewusst davon abzugrenzen.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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