Herr W. – ein Rentner aus Deutschland

Eine Miniatur-Utopie

Herr W. fand, dass er es sich verdient hatte. Emsig war er gewesen, hatte für verschiedene Firmen sein Bestes gegeben. Dass das nicht immer unbedingt auch das Beste für diese Firmen war – nun, so was passiert halt. Immerhin wurde Herr W. ja auch fürstlich genug entlohnt, was für ihn eine Rechtfertigung darstellte, dann doch irgendwie einen guten Job gemacht zu haben. Nun gut, wenn man erst einmal die Karriereleiter weit genug nach oben gefallen ist, sind die Arbeitsverträge nicht ganz so gestaltet sind wie bei normalen Angestellten. Man ist eben „unter sich“ mit ähnlich gestellten Kollegen, sodass diese Verträge recht angenehm gestaltet werden (im gegenseitigen Einvernehmen). Aber das ist ja nun auch keine Besonderheit und nichts, was sich Herr W. im Speziellen anlasten lassen müsste. Also: Herr W. war sehr zufrieden und freute sich auf seinen großzügig vergüteten Ruhestand.

Gut 3000 Euro sind es, die Herr W. nun zur Verfügung hatte – Tag für Tag. Die wollen natürlich auch schon irgendwie unter die Leute gebracht werden, denn auf der hohe Kante (seine Kinder sollten ja schließlich auch mal schön was zu erben haben) hatte er durch seine hohen Gehälter und Bonuszahlungen ja schon mehr als genug, darüber musste er sich also keine Gedanken mehr machen.

Also machte sich Herr W. am ersten Tage seines Rentnerdaseins morgens auf den Weg zum Bäcker, um dort frische Brötchen zu holen und mit seiner Frau diesen Tag in adäquat angenehmer Manier zu starten. Wie duftete es herrlich, als er die Backstube betrat – er stellte fest, dass er durchaus einen angenehm guten Appetit verspürte. Er nutzte die Zeit, in der zwei Kunden vor ihm bedient wurden, um sich schon einmal in der Auslage zu vergewissern, welche der angebotenen Teigwaren seinem Gusto am meisten entsprächen.

Als er dann an der Reihe war, verwandelte sich das Gesicht der eben noch freundlichen Bäckereifachverkäuferin in eine gefrorene Maske der Unbill. Statt eines erbaulichen „Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“ bekam er nur ein geknurrtes „Gehen Sie wieder, Sie bekommen hier nichts!“ zu hören.

„Gute Frau …“, setzte Herr W. an, doch die Angesprochene fuhr im unwirsch ins Wort:

„Hab ich mich nicht deutlich ausgedrückt? Sehen Sie zu, dass Sie hier rauskommen!“

Etwas irritiert blickte Herr W. um sich, doch es war sonst niemand in der Bäckerei, der ihm ob dieser Unfreundlichkeit hätte beispringen können. Also verließ er zügig das Etablissement, murmelte noch: „Also, so was … das hab ich ja noch nie erlebt …“ und holte draußen auf dem Bürgersteig erst einmal tief Luft.

Welche Laus möchte dieser Frau wohl über die Leber gelaufen sein, dass sie ihn einfach so abkanzelte? Na ja, so sind die Menschen eben, dachte sich Herr W. Zum Glück gab es die Straße runter noch einen Bäcker, und da gerade ohnehin schönes Wetter war, beschloss er, sich die Laune nicht verderben zu lassen und den zusätzlichen kleinen Weg zu genießen.

Doch in der zweiten Backstube spielte sich eine ganz ähnliche Szene ab wie in der ersten, nur dass Herr W. dieses Mal schon gleich in der Tür beim Betreten des Ladenlokals brüsk angeschnauzt wurde: „Was wollen Sie denn hier? Sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen, Sie …!“

„Guten Morgen … ich … äh … wollte doch nur …“, stotterte Herr W., der einen solche Tonfall nun aber auch gar nicht gewohnt und deswegen sichtlich verunsichert war.

„RAUS HIER, ABER EIN BISSCHEN PLÖTZLICH!“

Diese Aufforderung war nun allzu deutlich, sodass Herr W. schleunigst das Weite suchte. Na ja, Aufbackbrötchen hatten sie ja noch zu Hause, dann mussten es heute eben die tun …

Am Abend hatte Herr W. die unerfreulichen Zwischenfälle vom Vormittag schon fast wieder vergessen und war recht guter Dinge, da er und seine Frau einen Tisch in ihrem Lieblingsrestaurant reserviert hatten. Herr W. machte sich ausgehfein, auch seine Frau hatte sich chic angezogen, und nach den Aufbackbrötchen zum Frühstück stand ihm nun der Sinn nach richtigen Delikatessen.

Im Restaurant angekommen, führte sie ihr Stammkellner Gernot zu einem schön gelegenen Tisch. Doch als Herr W. und seine Frau gerade Platz nehmen wollten, vernahm er ein Getuschel von einem der Nebentische:

„Das ist doch …“, hörte er es zischen und tuscheln. Nun ja, er war gewohnt, dass er durchaus das eine oder andere Mal in der Öffentlichkeit erkannt wurde, und im Grunde fühlte er sich dann auch immer ein wenig geschmeichelt, doch diesmal war der Unterton des Gewispers irgendwie ein wenig bedrohlich, wie er fand.

„Hallo, Kellner!“, rief dann auch gleich einer der Gäste des Nebentisches laut und vernehmlich. „Sagen Sie, das ist doch der W., oder? Wie kommen Sie dazu, diesen Menschen hier zu platzieren, wir essen doch gerade! Wollen Sie uns den Appetit verderben? Bitte, entfernen Sie diese Person unverzüglich, sonst werden wir dieses Restaurant verlassen – und garantiert nicht wieder betreten!“

Herr W. erbleichte. Zweifelsohne war er damit gemeint. Aber wieso sollte er denn nun schon wieder gehen?

Auch von anderen umliegenden Tischen erhob sich deutlich vernehmbares Gezische:

„Unglaublich, wen sie hier jetzt schon reinlassen …“ „Das ist ja obszön, ich glaube, mir vergeht gerade der Appetit!“ „Günther, lass uns gehen, dieses Lokal sagt mir nicht mehr zu, schau, wer hier verkehrt!“

Gernot trat an Herrn W. ran und raunte ihm über das stetig anschwellende Unmutsgemurmel hinweg zu:

„Es tut mir ja leid, aber ich glaube, es wäre besser, wenn Sie gehen würden. Sie sehen ja, was hier los ist. Ach ja: Und bitte kommen Sie dann auch nicht wieder …“

Derart herauskomplimentiert standen Herr W. und seine Frau nicht einmal eine Minute später wieder vor der Tür des Restaurants.

„Also, so was hab ich ja noch nie erlebt! Was fällt diesen Leuten da denn ein! Wissen die etwa nicht, wer du bist?“, fragte ihn seine Frau entrüstet.

Herr W. schnaufte einmal laut und vernehmlich. Ihm war der Appetit gründlich vergangen – einzig ein Schnaps war es, nach dem ihm nun gelüstete. Also sagte er zu seiner Frau:

„Ich weiß auch nicht, was heute los ist, irgendwie scheint es wie verhext zu sein. Nimm du doch schon den Wagen und fahr nach Hause, ich werde mir noch irgendwo einen Drink genehmigen auf den Schreck …“

Sie verabschiedeten sich, und Herr W. winkte ein Taxi heran. Doch wie hätte es an diesem Tag auch anders sein sollen? Der Fahrer hielt an, Herr W. öffnete die Tür, woraufhin er nur ein entrüstetes „Sie!?“ zu hören bekam, bevor das Taxi mit quietschenden Reifen fortfuhr. Auch bei weiteren Taxis hatte er kein Glück: Sobald ihn die Fahrer erkannten, gaben sie Gas und fuhren (oft unter wüstem Gepöbel) davon. Dass es nun auch noch zu regnen begann, passte da nur allzu gut ins Bild …

Tropfnass kam Herr W. schließlich an eine Bar, die er durchaus schätzte und schon öfter besucht hatte. Mit einem vernehmlichen Seufzer ließ er sich auf einem Barhocker nieder und winkte den Barkeeper heran, um sich etwas starkes Alkoholisches zu bestellen:

„Guten Abend, könnten Sie mir bitte …“

„Tut mit leid, Sie bediene ich nicht. Und es wäre mir auch lieber, wenn Sie wieder gehen würden!“

Herr W. starrte resigniert vor sich hin und hatte nicht einmal mehr die Kraft zu einem Widerwort, sondern schlurfte stumm aus der Bar und erneut in den Regen hinaus. Nur noch nach Hause wollte er und machte sich mit hängenden Schultern auf den Weg.

Da wollte er seinen ersten Tag als Rentner so richtig genießen und seine 3000 Euro unter die Leute bringen, und bisher hat er noch nicht einen müden Cent ausgeben können. Was war denn bloß los mit den Menschen? Waren alle etwa verrückt geworden? Und morgen würde er ja schon wieder 3000 Euro zum Ausgeben haben …

Als er am Bahnhof vorbeitrottete, sah er an auf einer Bank einen anscheinend Obdachlosen sitzen, der einen leeren Coffee-to-go-Becher vor sich stehen hatte, in dem sich ein paar Münzen befanden. Der Mann bereitete sich anscheinend gerade sein Nachtlager, denn er hantierte ein wenig unbeholfen mit einem alten und fleckigen Schlafsack umher.

Was soll’s, dachte sich Herr W., dann lass ich eben hier was von meinem Geld, der wird’s schon nehmen! Und er griff in seine Geldbörse, holte ein paar Scheine heraus und steckte sie in den Pappbecher zu dem anderen Kleingeld.

Der Obdachlose blickte erstaunt auf, doch als er Herrn W. ins Gesicht schaute, gefror sein Lächeln, und sein Gesicht verwandelte sich in eine Fratze des Abscheus, als er die Geldscheine aus dem Becher nahm und sie vor Herrn W. auf die regennassen Gehwegplatten schleuderte.

„Nee, nee, lass ma‘, Kumpel, deine Kohle will ich nicht … ganz bestimmt nicht …“, brummte der Mann, nahm seinen Becher mit den Münzen an sich und verkroch sich in seinen Schlafsack, das Gesicht demonstrativ von Herrn W. abgewandt.

Herr W. wollte seine Geldscheine wieder aufheben, aber irgendwie fehlte ihm die Kraft dazu, und als er sich bückte, wäre er fast ins Straucheln geraten. Also ließ er das Geld dort liegen, wo der aufkommende Wind schon bald anfing, damit zu spielen, und schlich weiter in Richtung seines Zuhauses, deprimiert bis ins Mark.

Wie hieß dieser Sagenkönig noch mal?, fragte er sich. War das nicht Midas? Genau so kam er sich vor – und er verstand nicht, was geschehen war …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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