Lebensmittelkennzeichnung

Neulich beim Frühstück: Mein Blick fällt auf die Lebensmittelverpackungen auf dem Tisch, auf denen Dinge wie „Bio“ oder „ohne Gentechnik“ stehen – und ich frage mich: Ist das nicht eigentlich absurd, dass Nahrung, die auf normalem Weg hergestellt wird, extra gekennzeichnet wird, das, was unter unterschiedlichen schädlichen Voraussetzungen produziert wird, hingegen nicht? Das ist doch im Grunde eine Verdrehung der natürlichen Realität – die allerdings unsere Sicht auf die Welt reichlich beeinflusst.

Eigentlich müsste es doch genau anders herum sein: Lebensmittel, die nicht auf natürliche Weise (was man heute als „Bio“ bezeichnet) produziert werden, sollten gekennzeichnet werden. Ich stelle mir das folgendermaßen vor: Statt der ganzen Label für Fair-Trade, Bio usw. gäbe es ein Label für alle Lebensmittel, auf dem vermerkt werden muss, welche negativen Produktionsfaktoren bei der Herstellung eine Rolle gespielt haben, auch wenn diese nur irgendwo in der Lieferkette vorhanden sind.

Da könnte man dann beispielsweise ein paar Felder bereitstellen, die dann entsprechend angekreuzt werden müssten vom Hersteller: Tierqual, Sklaverei, Ausbeutung, Umweltzerstörung, Gentechnik, Pestizideinsatz, Überfischung. Wenn nirgends ein Haken zu sehen ist, dann weiß man als Kunde: Prima, das Lebensmittel kann ich unbedenklich kaufen. Und wenn dann bei billiger angebotener Ware entsprechend mehr Kreuze vorhanden sind, dann weiß jeder auch, warum das Produkt weniger kostet und auf wessen Kosten man Geld spart.

Ich finde, dass das recht ehrliche Verbraucherinformation wäre, denn so könnte jeder die konkreten Folgen seines Konsums abwägen und müsste sich nicht auf irgendwelche Label verlassen, deren genaue Qualität und Aussagen sich den meisten ohnehin nicht detailliert erschließen.

Es wäre also Standard, dass Lebensmittel auf natürliche Weise, ohne unerwünschte Zusatzstoffe, ohne Belastung der Umwelt sowie ohne Leid für Mensch und Tier hergestellt würden. Klingt jetzt gar nicht mal so revolutionär, sondern eigentlich eher ganz natürlich, oder?

Dass es in der Realität leider genau andersrum läuft, zeigt, wie pervertiert unsere Welt mittlerweile ist: Das, was die natürlichste Sache von allen ist, wird explizit gekennzeichnet, und wenn aus Profitgründen Mensch, Tier und Umwelt geschädigt werden, dann bedarf dies keines besonderen Vermerks. Nicht Schädliches wird mit einem Warnhinweis versehen, sondern Normalität hervorgehoben.

Auf diese Weise wird schädlicher Umgang mit Umwelt und Lebewesen dann auch zur allgemein akzeptierten Normalität. Man macht sich halt keine Gedanken darüber, was für Schweinereien zur Produktion dessen, was wir auf dem Teller haben, notwendig sind. Da unsere Art des Konsums auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt (vor allem des globalen Südens, s. dazu hier) eine gehörige Portion Ignoranz bei jedem Einzelnen voraussetzt, ist es allerdings auch kein Wunder, dass uns eine derart verdrehte Realität als normal vorgesetzt wird.

Und das ist dann auch der Grund, warum ein solches Negativ-Label vermutlich keine Chance hätte, politisch durchgesetzt zu werden: Es würde die Mündigkeit und das Bewusstsein der Konsumenten fördern, die doch gefälligst schön unmündig und ohne sich allzu viele Gedanken zu machen, ihren Kram kaufen sollen.

Schade eigentlich, denn mir gefällt meine Idee, je mehr ich darüber nachdenke, immer besser – und vor allem könnte das auch auf alle möglichen anderen Produkte ausgeweitet werden. Na ja, träumen wird man ja noch dürfen, oder?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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