Weltweite Armut nimmt ab – tatsächlich?

Gestern führte ich mit einem Freund ein längeres Gespräch, in dessen Verlauf er auch die Aussage vorbrachte, dass die globale Entwicklung ja nicht so schlecht sein könnte, da ja die weltweite Armut sowohl in relativen als auch absoluten Zahlen stetig abnehmen würde. Das hört sich ja auch erst mal ganz gut an und da kann man zunächst wenig gegen sagen, was die Zahlen der Weltbank regelmäßig verkünden. Doch bei näherer Überlegung drängten sich mir dann doch ein paar Fragen auf, ob es denn tatsächlich so einfach sei, Armut im globalen Maßstab zu definieren. Oder ist das nicht vielmehr eine Art Beruhigungsmittel für uns Menschen in den Industriestaaten, das uns davon ablenken soll, wie sehr unser Lebensstil in immer größerem Maße Not und Elend vor allem im globalen Süden produziert?

China

Zum einen muss man diese globalen Zahlen immer vor dem Hintergrund des Sonderfalls China berücksichtigen, denn zum derzeitigen dortigen „Erfolgsmodell“ mit seiner Mischung von autoritärer Regierung mit Marktwirtschaft gibt es sonst kein Pendant weltweit. Und da China 1,37 Mrd. Einwohner hat und somit mehr als jeder sechste Mensch in China lebt, haben Entwicklungen dort auch eine extrem große statistische Relevanz für die gesamte Welt.

Wenn sich das Einkommen in China um 50 % erhöht und es im gleichen Zeitraum überall sonst auf der Welt um 5 % sinkt, dann wäre das durchschnittliche globale Einkommen dennoch gestiegen. Sowohl die enorme Größe als auch die rapide Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft muss man bei solchen Zahlen von der Weltbank zur Armut zumindest immer mit im Hinterkopf haben.

So findet sich in einem taz-Artikel von 2012 zu dem Thema beispielsweise folgende Passage:

Wenn man China herausrechnet, hat die Zahl der absolut Armen zwischen 1981 und 2008 tatsächlich nicht abgenommen, sondern ist leicht gestiegen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung bleibt der Befund des relativen Rückgangs der Armut allerdings auch ohne China bestehen.

Subsistenzwirtschaft

Ein Aspekt, zu dem ich bisher noch nichts in den Medien gefunden habe, der mir aber ebenfalls ausgesprochen relevant erscheint, ist die Abnahme der Subsistenzwirtschaft. Darunter versteht man, wenn Menschen sich mit ihrer Arbeit ernähren können, aber dies auch das ausschließlich Ziel ihres Wirtschaftens ist, sodass keine zu verkaufenden Überschüsse erzielt werden.

Allerdings ist es mir nicht gelungen, genaue Zahlen zur quantitativen Entwicklunge der Subsistenzwirtschaft zu finden. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass

  • immer mehr Fischer (vor allem in Afrika) nicht mehr genug fangen können, weil ihnen große Hochsee-Fischtrawler die Gründe leer fischen,
  • durch Landgrabbing (z. B. für die Errichtung von Palmölplantagen oder zum Rohstoffabbau) immer mehr Kleinbauern enteignet werden, insbesondere in Afrika und Asien,
  • die Regenwälder zunehmend gerodet und ausgebeutet werden, was für viele dort lebende indigene Menschen (beispielsweise in Südamerika) das Ende ihrer bisherigen Lebensweise bedeutet,
  • EPA-Abkommen von der EU mit afrikanischen Staaten zahlreichen Kleinbauern die Existenzgrundlage entziehen, da diese mit den hoch subventionieren europäischen Produkten auf ihrem einheimischen Markt nicht konkurrieren können,
  • Monsanto, Bayer und Co. durch ihr Geschäftsmodell des sich nicht reproduzierenden Saatgutes viele Kleinbauern ruinieren,

dann kann ich mir vorstellen, dass die Anzahl derjenigen, die von Subsistenzwirtschaft leben, ziemlich gesunken sein muss in den letzten Jahrzehnten.

Und das ist nun ein nicht ganz unerheblicher Faktor bei der Ermittlung der globalen Armut, denn auf der Wikipedia-Seite zur Subsistenzwirtschaft findet sich folgender Absatz:

Obgleich Anfang des 21. Jahrhunderts immer noch mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung (insbesondere in den Entwicklungsländern) durch Subsistenzorientierung ein weitgehend unabhängiges und selbstbestimmtes Auskommen haben, wird diese Strategie der Existenzsicherung etwa von der Weltbank seit Mitte der 1960er Jahre weitgehend ignoriert oder gar mit Armut und Unterentwicklung gleichgesetzt.

Demnach wäre jeder Rückgang der Subsistenzwirtschaft gleichbedeutend mit einem Rückgang der Armut. Nun muss man sich nur die Frage stellen, wer wohl die höhere Lebensqualität hat: ein Kleinbauer, der seine Parzelle bewirtschaftet und damit sich und seine Familie ernährt, oder ein zu Minimallohn und unter gruseligsten Bedingungen in einer Fabrikationshölle Beschäftigter? Laut Weltbank Letzterer, und den Durchschnittswert fürs globale Einkommen hebt er auch noch …

Man sieht also, dass eine solche rein monetäre Beurteilung, ob Menschen arm sind oder nicht, wenig aussagefähig ist. Das Durchschnittseinkommen (oder noch besser: das Medianeinkommen) mag für eine Volkswirtschaft wie die deutsche ein durchaus legitimer Parameter sein, um bestimmte wirtschaftliche Entwicklungen aufzeigen zu können, sobald wir aber solche Modell einfach so auf die ganze Welt und damit auch auf wirtschaftlich komplett anders strukturierte Regionen übertragen, dann tendiert die Aussagekraft gegen null.

Insofern ist die Aussage, dass die weltweite Armut stetig sinkt, mit Vorsicht zu genießen. Vielmehr vermute ich mal, dass sie auch dafür verwendet wird, um uns zu suggerieren: Ist doch alles super so, wie es läuft.

Nein, ist es eben leider nicht …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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