Im Krankenhaus

In der letzten Woche musste ich ins Krankenhaus (AK Altona, gehört zum Asklepios-Konzern), da mir recht spontan der akut Probleme bereitende Blinddarm entfernt werden musste. In den darauffolgenden vier Tagen, die ich dort noch verbringen musste, habe ich dann einen Einblick bekommen in den Klinikalltag und mir ein paar Gedanken dazu gemacht, an denen ich Euch gern teilhaben lassen möchte.

Zunächst mal das Wichtigste vorweg: Alle, die dort arbeiten, haben m. E. einen wirklich guten Job gemacht, waren immer freundlich, aufmunternd, zuvorkommend, nie maulig oder mürrisch – wirklich spitze, durch die Bank weg. Allerdings merkte man auch deutlich die omnipräsente Überlastung und Mangelverwaltung von viel zu wenig Personal.

Die Arbeit als Krankenschwester oder Pfleger ist auch wahrlich kein Zuckerschlecken: Da wäre zunächst mal der Schichtdienst, und da das AK Altona eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung hat, müssen zwischen Schichtende und -anfang nicht zwölf, sondern nur zehn Stunden liegen. Das kann dann schon mal bedeuten, dass man (den Arbeitsweg berücksichtigt) nur etwa acht Stunden, nachdem man zu Hause angekommen ist, schon wieder zur Arbeit muss. Freizeit ist dann natürlich Fehlanzeige, zumal das Arbeiten in Schichten ja ohnehin schon viele regelmäßige Freizeitgestaltungen (z. B. in Form von Vereinen) erschwert oder sogar verunmöglicht.

Darüber hinaus bestehen sehr hohe fachliche Anforderungen an das Pflegepersonal, und eine ausgeprägte Sozialkompetenz ist ebenfalls unabdingbar. Schließlich sind die meisten Patienten nicht freiwillig in Krankenhäusern, und es geht ihnen entsprechend schlecht – keine ganz einfache Klientel, mal abgesehen von der Belastung, dass ja auch immer mal wieder Patienten sterben. Na ja, und dann ist es auch nicht jedermanns Sache, sich so sehr in den Intimbereich von anderen Menschen vorzuwagen und mit deren Körpersekreten hantieren zu müssen, was bei den Pflegeberufen nun mal zum Alltag gehört.

Was vor allem noch erschwerend hinzukommt: Es besteht ein immenser Personalmangel. Das kriegt man als Patient relativ schnell mit, wenn man beispielsweise eine Stunde, nachdem der Antibiotikum-Tropf durchgelaufen ist, immer noch an dem Ding hängt, weil die einzige Schwester auf der Station, die das abstöpseln darf, gerade Land unter mit tausend anderen Sachen hat. Oder wenn benutztes Essgeschirr stundenlang im Zimmer rumsteht, weil keiner dazu kommt, das wegzuräumen. Oder wenn Sachen von einem Patienten, der schon seit drei Tagen entlassen ist, immer noch im Badezimmer rumliegen.

Bitte nicht falsch verstehen: Das ist nun kein Vorwurf ans Pflegepersonal, denn die sind in einer Tour am Rotieren. Sie sind nur eben einfach permanent unterbesetzt.

Bezeichnend auch, dass mein Zimmernachbar am Tag vor seiner Entlassung noch mal zum Ultraschall sollte, wie ihm morgens bei der Arztvisite gesagt wurde. Er wartete den ganzen Tag, fragte immer mal wieder nach, ob das eventuell vergessen wurde – und abends um 18 Uhr teilte ihm dann ein Pfleger mit, dass beim Ultraschall jemand krank geworden sein und insofern das Pensum nicht geschafft werden konnte. Mein Zimmergenosse sollte also am nächsten Morgen zum Ultraschall. Doch daraus wurde dann am darauffolgenden Tag auch wieder nichts, sodass er schließlich ohne diese Untersuchung entlassen wurde …

Als ich mich dann mal mit einer Schwester über dieses Thema unterhielt, meinte sie, dass dieser Personalmangel einer der Gründe sei, warum die meisten in der Pflege nur wenige Jahre ihren Job ausüben könnten. Ich fragte mal nach, was man denn so dafür an Gehalt bekäme: zwischen 1400 und 1800 Euro netto. Bei den derzeitigen Mieten in einer Stadt wie Hamburg bleibt da nicht mehr viel übrig für Dinge wie ein Auto oder Urlaub – geschweige denn, dass damit noch private Rücklagen für die Altersversorgung geschaffen werden können.

Apropos Alter: Selbst wenn man das von den anderen Parteien als unfinanzierbar gebrandmarkte Rentenkonzept von Die Linke, was eine Rente von 53 % vorsieht, darauf anwenden würde, blieben dann noch 742 bis 954 Euro an Rente übrig. So ziemlich genau das, was man unter dem oft abstrakt verwendeten Begriff Altersarmut versteht, oder?

Man kann das also in etwa so zusammenfassen: Hoch qualifizierte Menschen arbeiten sich in einem extrem wichtigen Knochenjob mit hohem persönlichen Engagement bis ins Burn-out, um dann im Alter in Armut und Bedürftigkeit abzurutschen. Das nennt man dann zynischerweise „Leistungsgesellschaft“ – ein reichlich mieser Scherz, wie ich finde.

Dabei muss man gar nicht mal unbedingt nun zu irgendwelchen schmarotzenden Vollversagern wie Martin Winterkorn oder komplett überflüssigen Investmentbankern schauen, sondern es reicht schon der Blick in andere Branchen: Mit welcher Berechtigung bekommen beispielsweise Sachbearbeiter von Versicherungen deutlich mehr Gehalt für einen wesentlich angenehmeren, weniger anstrengenden und auch durchaus unwichtigeren Job? Die Antwort ist recht einfach: weil sie mehr Gewinn erwirtschaften.

Leistung wird also ausschließlich monetär gemessen, und daran orientiert sich dann auch die Entlohnung. Gesellschaftliche Relevanz? Egal! Anforderungen und Belastungen der Arbeit? Wurscht! Erforderliche Kompetenzen? Nebensächlich. Hauptsache, etwas bringt Geld. Was für eine unglaubliche Überhöhung des Geldes, das doch eigentlich nur ein Hilfsmittel zum Austausch von Waren und Dienstleistungen sein sollte.

Verschärfend kommt nun natürlich hinzu durch die Privatisierungen im Gesundheitswesen, dass nun auch hier Gewinne erwirtschaftet werden sollen, auch wenn dies in diesem Bereich so eigentlich nicht so ohne Weiteres möglich ist. Aber die Investoren und Besitzer der Klinikkonzerne wollen ja möglichst hohe Profite aus ihren Anlagen und Betrieben ziehen, also kommt noch weniger von dem erwirtschafteten Geld bei denen an, die sich dafür Tag für Tag kaputt schuften. Und ein Bernhard große Broermann kann sich dann als Besitzer von Asklepios schön das traditionsreiche Atlantic-Hotel in Hamburg kaufen – das muss ja schließlich auch irgendwie finanziert werden …

Gerade weil ich so positive Erfahrungen mit den Mitarbeitern im Krankenhaus gemacht habe, die stets freundlich, kompetent, interessiert, empathisch und aufmerksam waren, ärgert es mich umso mehr, in welch obszönem Maße diese Menschen ausgebeutet werden. Für mich wurde daran deutlich, dass in unserem Wirtschaftssystem gerade so ziemlich alles verkehrt läuft, was nur verkehrt laufen kann. Und wenn es uns mal richtig schlecht geht und wir in ein Krankenhaus müssen, dann sind wir darauf angewiesen, dass es noch genug Menschen gibt, die sich für den Knochenjob Pflege für einen Hungerlohn verdingen. Sollte das mal irgendwann nicht mehr der Fall sein, dann sähe es wahrlich richtig finster aus …

Eine kleine Anmerkung noch am Schluss: Der Chirurg, der von Dienstag auf Mittwoch Nachtdienst hatte und mich hervorragend operierte und auch nach der OP betreute, hatte am darauffolgenden Wochenende dann gleich schon wieder Dienst. Ich möchte nicht wissen, auf was für eine Wochenarbeitszeit der so kommt …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

One thought to “Im Krankenhaus”

  1. Ein Leserbrief von Julia Elvers erreichte uns hierzu:

    Endlich mal ein gutes Wort für das Pflegepersonal. Leider ist die Lebensart des Konsumierens schon so in die Gesellschaft eingedrungen, dass sich der Großteil der Patienten in sein Bett legt und erwartet, vom Pflegepersonal bedient zu werden.
    „Wenn man so einen Beruf wählt, weiß man das ja vorher, dann darf man darüber auch nicht klagen.“ Gerade in den letzten Tagen haben ich das von jungen Müttern gehört im Bezug auf die desaströse Situation der Hebammen und Geburtshilfe in den Kliniken. Hier ist eine Hebamme teilweise für acht Geburten zuständig. Eigentlich sagt einem schon der gesunde Menschenverstand, das so etwas schlichtweg nicht möglich ist.
    Aber der Kontakt mit den Patienten ist leider nur die eine Seite, die auf das Pflegepersonal einwirkt. Auf der anderen Seite stehen die Ärzte, die gesellschaftlich nicht angetastet werden, sind ja Akademiker. Aber auch hier herrscht der Personalmangel. Doch anstatt mit dem Pflegepersonal Hand in Hand zugehen, werden hier harte Grenzen gezogen und das Pflegepersonal immer weiter in seine Schranken verwiesen. Zur Seite gestellt bekommt die Pflege auf Station häufig einen frisch dem Studium entschlüpften Jungassistenten, der aus Zeitgründen von den Altassistenten nicht angeleitet werden kann, aber zu stolz ist, die Hilfe des erfahreneren Pflegepersonals anzunehmen. Man ist ja schließlich Arzt, stets über dem Pflegepersonal, aber auch über den Physiotherapeuten, Altenpflegern, Logopäden und einfach allen stehend. Und das wird noch viel zu häufig den Jungen vorgelebt.
    Aber Gott sei Dank haben wir endlich eine Diagnose, die Schuld an allem ist. Der Burn-Out implizierte immer noch im Hintergrund ein schwelendes gesellschaftliches System der Überlastung. Das wurde durch die neue Modediagnose ADHS gelöst. Nicht die Gesellschaft ist schuld, sondern eine Erkrankung, die auch schon bei den Kindern die Ausrede für mehr Zuwendung und von Leistung losgelöster Förderung war. Immerhin können die Betroffenen nun geheilt werden, da gibt es doch ein Pillchen und alles ist gut.
    Wo wir hinfahren, wissen wir doch alle, schon lange vor Michael Ende war uns das bewusst. Nur das WILL keiner wissen.

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