Endgültig im Überwachungsstaat angekommen

Nun ist es so weit: Der Bundestag hat den Staatstrojaner durchgewunken und damit auch das letzte Stück Privatsphäre im digitalen Raum gekapert. Das bedeutet: Auch ohne direkten Verdacht nimmt sich der Staat heraus, eine Schadsoftware auf PCs, Apples, Tablets oder Smartphones zu installieren. Diese Software kann die Festplatte auslesen und kopieren, Chat-, E-Mail- und Messengerdienste vor dem Verschlüsseln mitlesen und vielleicht auch Daten auf das betroffene System ablegen (wie in einem dieser Filme, wo die Polizisten jemandem Drogen unterjubeln, um ihn dann unter Druck zu setzen).

Dafür nutzt der Staat selbst ermittelte oder auch auf dem (Schwarz-?)Markt eingekaufte Sicherheitslücken in den jeweiligen Betriebssystem (so wie es auch die Programmierer von Verschlüsselungs- und Erpressungssoftware machen). Anstatt gegen solche Sicherheitslücken etwas zu unternehmen, um die Rechte des Bürgers zu schützen, werden teilweise kriminelle Hacker von Steuergeldern bezahlt, um Dich und mich auszuspähen. Wie krank ist das denn? Dazu langt scheinbar schon der entfernteste Verdacht, dass man mit einem möglichen Straftäter Kontakt hatte (weil der sich verwählt hat oder man den gelegentlich grüßt, weil er oder sie den gleichen Fitnessclub besucht).

Und was ein modernes Smartphone alles erfassen kann, das ist den meisten Leuten nicht wirklich bewusst oder interessiert sie schlichtweg nicht: Neben dem Ton und der Kamera sind Sensoren für die Positionsermittlung, Temperatur, Bewegungsdaten & NFC/RFID abhörbar. Und das alles zusätzlich zu den Kontakten aus E-Mail/SMS/Messenger und dem Surfverhalten (wozu nicht nur Suchanfragen und Shoppingdaten gehören). Ach ja, mittlerweile senden viele Menschen ihre kompletten Körperfunktionsdaten ja ebenfalls ans Smartphone!

Und viele Geräte sind nicht „aus“, wenn sie abgeschaltet werden. In einer Art Energiesparmodus werden weiter Daten gesammelt und/oder übertragen, und bei vielen Geräten lassen sich mittlerweile die Akkus nicht mal mehr entfernen (da freuen sich Staat und Hersteller gleichermaßen, dass der willige Konsument auch solche Produkte kauft). Wenn ich nun auch noch mit den ganzen „kostenlosen Apps“ anfange, die sich heiter an allen Daten und Sensoren des Smartphones bedienen, dann wird klar wie viel Freiheit einen auch diese nur monetär kostenlosen Geschenke der Industrie so kosten. 1984 ist heute …

Etwas mehr zu den rechtlichen Details findet Ihr z. B. hier auf Netzpolitik.org (bereits in den Wochenhinweisen verlinkt):
https://netzpolitik.org/2017/staatstrojaner-bundestag-beschliesst-diese-woche-das-krasseste-ueberwachungsgesetz-der-legislaturperiode/

Etwas einfacher zu lesen, berichtet heise ebenfalls:
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Bundestag-gibt-Staatstrojaner-fuer-die-alltaegliche-Strafverfolgung-frei-3753530.html?artikelseite=all

Oder als kurzer Einblick hier ein zweiminütiges Video bei quer (BR):
http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/quer/170622-quer-schlaeger-100.html

Da geht es schon fast unter, dass einige Unternehmen bereits jeden Kunden via Gesichtserkennung erfassen und analysieren:
https://digitalcourage.de/blog/2017/gesichtserkennung-bei-real-und-post-helft-mit-die-ueberwachten-filialen-zu-finden

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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