Die spannende Frage: Was bringt uns zuerst um?

Das klingt jetzt als Überschrift erst mal ein bisschen ruppig, aber ich fürchte, dass es letztlich genau darauf hinauslaufen wird. Schließlich ist ja kaum irgendwo mal ein Gegensteuern gegen die zahlreichen destruktiven Verwerfungen des neoliberalen Marktradikalismus zu beobachten, sodass es immer nur weiter mit Volldampf auf den Abgrund zugeht, der nicht viel anderes als das Ende der Menschheit (zumindest wie wir sie kennen) oder sogar sämtlichen Lebens auf unserem Planeten bedeutet. Bleibt also die Frage: Was bringt uns letztlich als Erstes dorthin – der Klimawandel, die Resultate der zunehmenden sozialen Kälte, die fortschreitende Umweltzerstörung oder eventuell doch die Hybris, künstliche Intelligenz entwickeln zu wollen?

Der Klimawandel?

Die Auswirkungen des Klimawandels werden ja immer offensichtlicher in den letzten Jahren, und auch wenn es immer noch genug Leute gibt, die auf die PR von ExxonMobile und Co. reinfallen oder diese ganz bewusst verbreiten, so ist doch wissenschaftlicher Konsens, dass die globale Temperatur steigt und dass dies ab einem bestimmten Punkt überhaupt nicht vorhersehbare, aber aller Wahrscheinlichkeit nach katastrophale Folgen haben wird.

Wenn man sich nun anschaut, was zurzeit schon alles an Extremwetterphänomenen und Veränderungen in der Natur zu beobachten ist und was dagegen politisch gemacht wird (s. dazu beispielsweise hier, hier und hier), dann kann man nur feststellen: So wird das leider nichts damit, die Erderwärmung auch nur ansatzweise in einem verträglichen Rahmen halten zu wollen. Zwar gibt es immer wieder schöne Klimakonferenzen und Beschlüsse, doch hält sich ja leider kaum jemand an deren Vorgaben – der Wachstumszwang des Kapitalismus lässt das eben nicht zu. Und so werden immer größere Autos gebaut, nach wie vor fliegen viel zu viele Menschen durch die Gegend und machen Kreuzfahrten, Produkte werden um die halbe Welt geschifft, weil es sich eben absurderweise rechnet – irgendwie bekomme ich den Eindruck, dass vor allem die Menschen im globalen Norden der Ansicht sind, der Klimawandel würde schon nicht bei ihnen stattfinden.

Doch das ist natürlich ein Irrtum, denn niemand weiß, was auf der Erde los sein wird, wenn beispielsweise die Permafrostböden auftauen und das darin gespeicherte Methan entweicht. Oder wenn die arktischen und antarktischen Gletscher noch weiter abtauen. Oder wenn wir weiterhin fossile Brennstoffe verfeuern und auch noch die CO2 speichernden Regenwälder weiter im großen Stil abholzen.

Es ist nicht mehr fünf vor, sondern bereits zehn nach zwölf, aber ein Umdenken ist kaum festzustellen – weder in der Politik noch bei den meisten Konsumenten. Und der globale CO2-Ausstoß steigt Jahr für Jahr weiter an. Doch verzichten möchte bei uns niemand (s. dazu auch hier), und die Schwellenländer bauen ihre Industrie weiter aus, um auch dahinzukommen, wo wir bereits sind.

Keine guten Aussichten … Wenn das so weitergeht, dürfte der Klimawandel den Großteil der Menschheit schon in nicht allzu ferner Zukunft dahinraffen.

Die soziale Kälte?

Der marktradikale Neoliberalismus, der uns ja nach wie vor als alternativlos verkauft wird, produziert immer mehr Verlierer – das ist so in ihm angelegt, da immer mehr Geld aus der realen Wirtschaft abgezogen wird, um die Renditeerwartungen derjenigen mit sehr großen Vermögen zu erfüllen. Die Zahlen hat ja mittlerweile jeder mitbekommen: Jahr für Jahr haben weniger sehr Reiche genauso viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Daran sterben nicht nur jetzt schon mehr als genug Menschen (vor allem im globalen Süden, denn dieses Wirtschaftssystem funktioniert ja global) an Hunger, schmutzigem Wasser, eigentlich behandelbaren Epidemien oder Mangelerkrankungen, sondern diese Verwerfungen werden sich auch zunehmend in den Ländern des Nordens zeigen. Noch sind es höchstens ein paar Obdachlose, die jeden Winter bei uns erfrieren, aber die Zunahme derjenigen, die sich mithilfe der Tafeln ernähren müssen, oder derjenigen, die sich nicht regelmäßig vollwertiges Essen leisten können, zeigt an, wo es hingeht.

Und letztlich ist es ja bereits so, dass die Lebenserwartung armer Menschen sinkt – das ist einmalig in westlichen Industrieländern seit dem Beginn der Industrialisierung.

Hieran sterben zwar viele Menschen und werden zukünftig noch mehr sterben, aber diese sozialen Verwerfungen würden letztlich vermutlich nicht die gesamte Menschheit auslöschen. Allerdings gibt es da ja noch eine unschönen „Begleiterscheinung“: Die Verlierer des Wirtschaftssystems wenden sich allzu häufig rechten Demagogen zu, die aus der Unzufriedenheit Kapital schlagen, indem sie diese mit Hass unterfüttern und vermeintliche einfache Lösungen anbieten.

Und dann hat man eben auf einmal Menschenfeinde und Wahnsinnige wie Trump, Strache, Orbán, Erdogan und wie sie alle heißen in entscheidenden Machtpositionen, an denen sie Zugriff aufs Militär haben – teilweise auch auf Atomwaffen.

Wenn es den Menschen gut geht, verhalten sie sich in der Regel verträglich, wenn es ihnen schlecht geht, lassen sie sich leicht aufstacheln und freuen sich über jedes Feindbild. Und Feindbilder werden eben auch allzu gern genutzt, um die Unzufriedenen vom Grund ihrer Unzufriedenheit abzulenken. „Teile und herrsche“ heißt das alte politische Spiel, dass schon die ollen Römer kannten.

In dem Maße, wie also die Unzufriedenheit von immer mehr Menschen steigt, drohen auch Konflikte: zum einen innerhalb von Ländern, zum anderen aber auch international, sei es, weil es um Ressourcen geht, sei es, weil das Abstellen auf Feindbilder zur Ablenkung von innenpolitischen Problemen aus dem Ruder läuft. Dass wir uns bereits wieder in einem neuen Kalten Krieg befinden, ist m. E. kein Zufall, genauso wenig wie die Tatsachen, dass die totalitären Tendenzen fast überall auf der Welt zunehmen. Und dass totalitäre Regimes eher zu Gewaltanwendung neigen, ist nun auch kein Geheimnis.

Und da die Menschheit nach wie vor ein Waffenpotenzial hat, um sich selbst und alles Leben auf dem Planeten mehrfach auszurotten, kann es dann auf einmal ganz schnell damit gehen, dass die sozialen Verwerfungen und ihre Auswirkungen den Klimawandel überholen und dann für die Vernichtung der Menschheit verantwortlich sein werden.

Die Umweltzerstörung?

Es ist ja nun nicht so, dass der Klimawandel das Einzige ist, was wir Menschen vor allem seit Beginn des industriellen Zeitalters verbocken, daneben gibt es auch noch die „ganz normale“ Umweltzerstörung, die keinen direkten Einfluss auf die globale Temperatur hat, aber dennoch erschreckende Ausmaße angenommen hat und mittlerweile überdeutlich sichtbare furchtbare Auswirkungen zeitigt.

Böden werden durch intensive Landwirtschaft ausgelaugt, Tierarten werden ausgerottet, Ökosysteme zerstört, Tiere gequält und Biodiversität wird vernichtet. Alles immer, um die Nutzung dessen, was die Erde uns offeriert, noch mehr zu intensiveren und effizienter zu machen. Und natürlich um immer mehr Profit zu generieren – schließlich leben wir im marktradikalen Kapitalismus.

Tja, und dann stellt man auf einmal fest, dass nicht nur dauernd irgendwelche Tiere aussterben, sondern dass auf einmal der Bestand an Insekten massiv zurückgeht. Das mag einem toll vorkommen, wenn man nur von der eigenen Nase bis zur Windschutzscheibe denkt, die nun im Sommer von weniger zermatschten Insekten verschmutzt wird. Weniger toll ist es hingegen, dass Insekten für die Bestäubung von Pflanzen sowie für die Zersetzung von Kot und Kadavern elementar wichtig sind, genauso wie auch als Nahrung für andere Tiere. Der Bestand an Vögeln ist nämlich mittlerweile auch arg geschrumpft.

Welche Folgen das Insektensterben haben kann, wird in einem Artikel auf Spektrum.de mal verdeutlicht, und das liest sich ziemlich dramatisch. Ein mögliches Szenario:

Der Soziobiologe und Entomologe Edward O. Wilson zeichnet ein dystopisches Bild einer Welt ohne Insekten, in der die Menschheit gerade so noch von windbestäubtem Getreide und Fischerei überlebt – geplagt von Massenhunger und Kriegen um Ressourcen: „Die verbliebenen Menschen klammern sich an das Überleben in einer zerstörten Welt und sind in einem dunkle ökologischen Zeitalter gefangen, in dem sie für die Rückkehr der Kräuter und Insekten beten.“

Klingt super, oder?

Und was machen wir dagegen? Mal wieder nichts – bzw. einfach weiter so wie bisher. Mikroplastik verbieten? Nee, kann man der Wirtschaft nicht zumuten. Auch ums Verbot von Einwegplastik gibt es ewige Diskussionen, anstatt das es einfach untersagt wird, das Zeug herzustellen und zu verwenden. Pestizide, die maßgeblich zum Insektensterben beitragen? Muss man haben, sonst ist unsere Landwirtschaft ja nicht konkurrenzfähig. Und so weiter, und so fort.

Insofern könnte es also auch sein, dass uns die Folgen unseres Konsums nicht in Form des „prominenten“ Klimawandels dahinraffen, sondern auf ganz andere, aber nicht minder dramatische Art und Weise.

Künstliche Intelligenz?

Während die bisherigen Probleme ja durchaus schon öfter mal als bedrohlich wahrgenommen und diskutiert wurden, dürfte die künstliche Intelligenz (KI) erst mal eher weniger in diesem Zusammenhang thematisiert worden sein. Schließlich gilt sie ja vielen als eine Art Allheilmittel: Autonom fahrende Autos, persönliche Assistenten, die unsere Gesundheit analysieren und unsere Alltagsabläufe optimieren – das klingt doch erst mal zumindest nicht ganz schlecht. Und zudem kann damit bestimmt auch eine Menge Energie und Ressourcen eingespart werden durch Prozessoptimierungen.

Allerdings sehe ich es eher so, dass damit eine Büchse der Pandora geöffnet wird, deren Folgen überhaupt nicht durchdacht werden. Der Sinn von künstlicher Intelligenz ist ja, dass diese sich selbstständig weiterentwickelt. Nun stelle ich mir allerdings die Frage, welche Werte dieser Entwicklung dann zugrunde liegen.

Oder mal anders gefragt: Wie kommen wir auf die Idee, dass etwas so regional Vielfältiges, was sich zudem über Jahrtausende herausgebildet hat, wie Moralvorstellungen und Rechtsempfinden sich in kurzer Zeit in Form einer künstlichen Intelligenz so entwickeln könnte, dass es mit unseren eigenen Vorstellungen kompatibel ist? Vor allem wenn man bedenkt, dass es eben überhaupt keine universellen Werte gibt, die für die gesamte Menschheit gelten.

Aber da gibt es doch die Menschenrechte, die sind doch reichlich universell. Das mag in der Theorie so hinhauen, dass das in der Praxis nicht so aussieht, geht aus einem Artikel von Marc Engelhardt in den Blättern für deutsche und internationale Politik hervor. Leider werden die Menschenrechte nämlich eigentlich nirgendwo komplett eingehalten. Wer gibt also die Grundrichtung am Anfang vor, die Basis, auf der sich die künstliche Intelligenz dann weiterentwickeln und ein eigenes Moralsystem bilden soll?

Als wenn das nicht schon kompliziert genug wäre, wenn man von einem einheitlichen Willen der gesamten Menschheit ausginge, so leben wir aber in einer Welt konkurrierender Staaten, die alle einzeln an KI herumdoktern. Was das mitunter für ein planloses Hickhack sein kann, erschließt sich anhand eines Artikels auf Netzpolitik.org, in dem es um die Auswirkungen bei der Gesichtserkennung durch künstliche Intelligenz geht. Da kommen dann nationale Interessen ins Spiel, die sich natürlich mal wieder an wirtschaftlichen Vorstellungen orientieren – das wird wohl eher nichts mit dem Universalismus, schätze ich.

Es liegt also dieser Idee, eine künstliche Intelligenz schaffen, somit selbst Schöpfer werden zu wollen, eine enorme Hybris zugrunde. Wenn diese KI dann tatsächlich so effektiv, schnell und präzise wäre, wie das angestrebt wird (sonst bräuchte man das ja nicht, wenn die KI Sachen nicht besser machen könnte als der Mensch), dann können wir nur hoffen, dass deren Moral und Ethik sich zumindest ansatzweise in eine Richtung entwickeln, die mit unseren eigenen moralischen und ethischen Vorstellungen einigermaßen übereinstimmt. Wenn nicht: Wer sagt uns dann, dass die künstliche Intelligenz nicht auf die Idee kommt, dass Menschen sie nur in ihrer eigenen Entwicklung behindern und somit besser ausgemerzt werden sollten? Oder das Menschen die Biosphäre (und damit auch die Lebensgrundlage der KI) zerstören, sodass sie eliminiert werden müssen?

Da die KI in einem marktradikalen Umfeld entwickelt wird, würde ich zumindest davon ausgehen, dass sie u. U. auch nicht gerade zur Zimperlichkeit neigt …

Und nun?

Tja, nicht gerade hoffnungsvoll, oder? Jedes dieser vier Probleme würde für sich allein schon ausreichen, um die Menschheit auslöschen zu können, und blöderweise haben wir es aber mit einer Kombination aller vier zu tun, die sich dann auch noch partiell gegenseitig verstärken.

Mein Optimismus hält sich also sehr in Grenzen, dass zukünftige Generationen noch eine bewohnbaren Planeten vorfinden werden. Der Zug scheint mir echt abgefahren, dazu hätten wir vor 20 oder 30 Jahren schon mal anfangen müssen, komplett umzudenken.

Und dann gibt es ja auch noch andere Aspekte, die ebenfalls noch für reichlich Turbulenzen sorgen können: multiresistente Keime beispielsweise. Oder Atommüll.

Was allen diesen Problemen zugrunde liegt: der Marktradikalismus. Dieser hat nicht nur die Probleme zu einem großen Teil hervorgebracht, sondern sorgt auch dafür, dass nicht an ihrer Lösung gearbeitet wird. Denn solche Lösungen bedeuteten eben immer, dass Wirtschaftswachstum nicht mehr so stattfinden kann wie bisher und Profit nicht über allem anderen stehen darf. Und das ist leider nicht kompatibel mit dem Neoliberalismus.

Sollten wir tatsächlich noch versuchen wollen, die Notbremse zu ziehen, dann müsste schleunigst ein Systemwandel her – und das eher heute als morgen.

Ob ich daran glaube? Leider nicht. Insofern stelle ich mir also lieber resigniert die Eingangsfrage: Was bringt uns denn nun zuerst um?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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