Ein Buchtipp von Katrin Göring-Eckardt

Im E-Mail-Newsletter von abgeordnetenwatch.de sind am Ende immer drei Fragen von Bürgern an Politiker und deren Reaktionen darauf aufgeführt. Das ist mitunter recht interessant, was da geantwortet oder eben auch nicht geantwortet wird. In der aktuellen Ausgabe habe ich nun die Anfrage eines Vaters an Katrin Göring-Eckardt gelesen, wobei die ehemalige Grünen-Parteivorsitzende am Ende noch einen Buchtipp gab, den ich schon sehr bezeichnend finde.

Die Anfrage und die Antwort von Katrin Göring-Eckardt kann man auf der Website von abgeordnetenwatch.de nachlesen. Es ging dabei darum, dass der Anfragende versucht hatte, seiner neunjährigen Tochter zu erklären, warum einige Menschen reich und andere arm sind. Das brachte ihn laut eigener Aussage schnell in die Bredouille, sodass er sich nun von Göring-Eckardt eine Antwort erhoffte.

Deren Büro antwortete nun, dass dieser Umstand so auf die Schnelle nicht erläutert werden könnte, sodass man lieber zwei Buchtipps gab: für die Tochter das Was-ist-was-Buch (wobei die Reihe als „Was ist das“ bezeichnet wurde) Nummer 78 mit dem Titel „Geld“, für die Eltern „Der Aufstieg des Geldes“ von Niall Ferguson.

Nun wollte ich doch wissen, welcher Wirtschaftsfachmann da im Namen von Katrin Göring-Eckardt den Eltern ans Herz gelegt wurde, zumal bei dem Namen Niall Ferguson bei mir irgendwie nicht so richtig Schönes mit anklang. Also schnell mal die Suchmaschine meines Vertrauens (Ecosia) bemüht, und schon war ich auf dem Wikipedia-Eintrag zu Ferguson.

Ein paar Zitate daraus:

2018 trat Ferguson von seinem Posten an der Stanford-Universität zurück, als bekannt wurde, dass er nach Protesten gegen den Auftritt von Charles Murray konservative Studenten dazu aufgefordert hatte, Hintergrundinformationen über einen linksgerichteten Studenten zu recherchieren („opposition research“) und in diesem Zusammenhang u. a. an John Rice-Cameron, Sohn von Susan Rice und Vorsitzender des Studentenverbandes der Republikaner an der Stanford-Universität geschrieben hatte: „Jetzt wenden wir uns dem feineren Spiel zu, sie im Studentenausschuss zu zermürben. Der Preis der Freiheit ist ständige Wachsamkeit.“ Rice-Cameron antwortete: „Wir werden den Widerstandsgeist der Linken langsam weiter zermalmen, denn unter Druck werden sie brechen.“

Na, was für ein Herzchen! Scheint mir ja reichlich reaktionär zu sein, der Gute. Aber was hat er denn zu Wirtschaftsthemen zu sagen?

2008 veröffentlichte er das Buch The Ascent of Money: A Financial History of the World (dt: „Der Aufstieg des Geldes: eine Finanzgeschichte der Welt“); es wurde im selben Jahr mit ihm für den britischen Channel 4 als sechsteilige Fernsehreihe mit zu Boom and Bust abgewandelten Untertitel produziert. Ferguson hob unter anderem hervor, dass das Wirtschaftswachstum Chiles nach der Intervention der Chicago Boys tatsächlich höhere Wachstumsraten aufwies. Unverständnis erntete er von Teilen des Publikums dafür, dass er bei seiner Abhandlung des Sozialstaates zwar Großbritannien und Japan, aber nicht die skandinavischen Länder wie Schweden erwähnte. Da Buch und Fernsehserie vor dem globalen Finanzcrash 2008 desselben Jahres veröffentlicht wurden, bot unter anderem seine Huldigung von Hedgefonds ein besonders leichtes Angriffsfeld für Kritiker.

Da ist dann also auch das von Göring-Eckardts Büro empfohlene Buch. Und wie es aussieht, ist das knallharter Neoliberalismus: Die Chicago Boys hätten Wirtschaftswachstum in Chile erzielt (welches allerdings alles andere als nachhaltig war, und zudem wurden die entsprechenden Maßnahmen unter dem Diktator Auguste Pinochet umgesetzt), und Hedgefonds sind super. Und das wird Menschen empfohlen, die wissen wollen, warum einige Menschen immer reicher und viele immer ärmer werden. Ernsthaft jetzt? Dass Göring-Eckardt von Ökonomie keine Ahnung hat, ist nun nicht gerade neu oder überraschend für mich, aber das finde ich dann doch schon ziemlich Hardcore. Irgendein FDP-Lulli hätte ja vermutlich nicht viel anderes empfohlen.

Und auch ansonsten scheint Ferguson eher der Tea Party zugeneigt zu sein, wenn man so etwas liest:

Niall Ferguson unterstützte in der Vergangenheit oft die Außenpolitik des US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush, wie etwa die Irakinvasion 2003; dazu vgl. auch Fergusons Colossus. The Rise and Fall of the American Empire (dt. 2004: Das verleugnete Imperium. Chancen und Risiken amerikanischer Macht), wo Ferguson für die Notwendigkeit eines globalen „Hegemons“ eintritt. Er trat ebenso für eine stärkere Kürzung der sozialen Mittel in den USA ein, da es ansonsten seiner Meinung nach zu ernsten finanzpolitischen Problemen kommen würde. Nachdem die Regierung Bush dies nicht in dem von Ferguson als notwendig erachteten Maße umgesetzt hatte, sprach er sich im Jahr 2004 gegen die Wiederwahl Bushs aus.

Ob nun Katrin Göring-Eckardt wirklich begeisterte Ferguson-Leserin ist oder ihr Büropersonal das irgendwie rausgekramt hat, in jedem Fall finde ich es hinreichend grotesk, aber eben auch bezeichnend, dass jemand, der einer prominenten Grünen-Politikerin eine ökonomische Frage stellt, dann einen solchen Lesetipp bekommt. Die Kretschmanisierung der Grünen ist eben nicht nur an ebendiesem Kretschmann festzumachen (wozu Heinz ja gerade vor ein paar Tagen schon einen Artikel hier auf unterströmt schrieb), sondern scheint in der Partei auch in der Breite fest verankert zu sein.

Kein Wunder, dass sich die Grünen so gut mit der CDU verstehen. Zum linken Spektrum sollten man diese „FDP mit Dosenpfand“ (Volker Pispers) dann allerdings nicht mehr rechnen und insofern auch keine progressive Politik von den Grünen erwarten.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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