Dave Eggers: Der Circle

Vor ein paar Monaten sah ich den Film „The Circle“ auf DVD, der mir eigentlich recht gut gefallen hat – bis auf das Ende, dass ich irgendwie unstimmig und somit auch enttäuschend fand. Als ich mich danach noch ein bisschen über den Film und seine Hintergründe informierte, stieß ich auf die literarische Vorlage dazu: „Der Circle“ von Dave Eggers. Da es hieß, dass das Buch doch teilweise reichlich anders verlaufen würde als der Film, dessen Setting ich ja nicht uninteressant fand, habe ich es mir besorgt – und die Lektüre hat mich dann auch ziemlich begeistert!

Die Story ist in einer nicht allzu fernen Zukunft angesiedelt, in der es einen Social-Media-Konzern namens Circle gibt. Dieser gilt als hervorragender Arbeitgeber, sodass die Hauptperson Mae Holland sehr froh ist, über eine ehemalige Studienfreundin dort einen Job vermittelt zu bekommen, sodass sie ihre vorherige eintönige Beschäftigung hinter sich lassen kann.

Und es fängt auf alles sehr gut an für Mae, die mit ihren neuen Aufgaben im Bereich Kunden-Support prima zurechtkommt. Bald stellt sie jedoch fest, dass beim Circle etwas mehr erwartet wird, als dass man nur seine Arbeit macht. Ständig gibt es Events für die Mitarbeiter, die so teilweise kaum noch vom Firmengelände (genannt Campus) herunterkommen und immer weniger ihre Sozialkontakte außerhalb des Circle pflegen können. Dies wird jedoch von Mae und eigentlich auch allen anderen Ciclern nicht als unangenehm empfunden, zumal sich alle auch mit der Circle-Vision der totalen Transparenz identifizieren.

Die Idee dahinter klingt dann auch logisch: Wenn immer alle wissen, was überall geschieht, dann gibt es keine Verbrechen, keine Korruption, keine Unterdrückung und keine Lügen mehr. So werden kleine Kameras entwickelt, die überall platziert werden können und die von allen Circle-Nutzern ständig angesteuert werden können, sodass die Welt quasi zu einer Menge an Bildern in einer riesigen Cloud wird. Die Absichten der Circle-Chefs scheinen dabei stets aufrichtig und korrekt zu sein, sodass auch Mae ihr Leben immer transparenter gestaltet.

Interessant ist dabei zu sehen, wie sich Maes Beziehungen zu ihren Eltern, zu ihrer Freundin Annie, zu ihrem Ex-Freund Mercer und dem geheimnisvollen Kalden, den sie auf dem Campus getroffen hat, den allerdings sonst niemand kennt, verändern. Und daran werden dann auch die Schattenseiten der totalen Transparenz offensichtlich – nur irgendwie nicht für Mae selbst.

Mehr will ich hier nun auch gar nicht zum Inhalt verraten, denn das Buch ist wirklich spannend geschrieben, und das sowohl auf der persönlichen Ebene von Mae als auch im Hinblick darauf, wie der Circle die Welt umgestaltet. Dabei kann man als Leser etliche Parallelen zu Entwicklungen der letzten Jahre feststellen: Immer größere Teile vom Leben finden in sozialen Medien statt, alles muss bewertet und in Rankings gepackt werden, es findet stetig mehr Kommunikation statt, diese jedoch überwiegend auf einem ausgesprochen oberflächlichen Niveau, und wer seinen alltäglichen Kram nicht anderen virtuell mitteilt, erfährt recht schnell, was Gruppendruck bedeutet. Facebook, Smartphone und Co. lassen grüßen.

Da das Buch 2013 erschienen ist, werden darin also in der Tat die aktuellsten gesellschaftlichen Entwicklungen aufgegriffen und gekonnt fortgesponnen, sodass sich eine Art Mischung aus Huxleys „Brave New World“ und Orwells „1984“ ergibt, nur eben auf das Social-Media-Zeitalter übertragen. Das Bedrückende dabei ist, dass die ersten Schritte hin zum in „Der Circle“ beschriebenen Szenario schon längst gegangen sind und man das Verhalten der Romanfiguren tagtäglich bereits heute beobachten kann. Das gibt dem Ganzen einen bedrückenden Realismus. Und auch eine ausgesprochen politische Komponente, denn es wird aufgezeigt, wie der Totalitarismus mit einem lächelnden Gesicht und vermeintlich besten Absichten daherkommt, um via Technikbegeisterung die Privatheit komplett abzuschaffen und die vollständige Überwachung zu installieren.

Der Roman folgt dabei nicht einem klischeehaften Handlungsverlauf, sondern überrascht den Leser damit, dass eben nicht das passiert, was man irgendwann im Laufe der Story erwartet. Hier unterscheidet sich das Buch dann auch deutlich vom Film, der leider viele Hollywood-Stereotypen auffährt und so die Handlung reichlich verflachen lässt bzw. ab einen bestimmten Punkt sogar komplett ändert. Mal davon abgesehen, dass natürlich alle Protagonisten wieder einmal blendend aussehen und nicht wie im Buch durchaus deutliche optische Mängel aufweisen. Aber das ist ja leider bei den meisten Hollywood-Produktionen so …

Insofern kann ich nur empfehlen, die Finge vom Film zu lassen und sich gleich das Buch vorzunehmen! Dann hat man viel Spaß mit reichlich Tiefgang und Stoff zum Nachgrübeln. Und wie immer darf dann auch der Hinweis nicht fehlen, das dann bitte beim Buchhändler um die Ecke und in jedem Fall nicht bei Amazon zu kaufen.

Dave Eggers: Der Circle
Verlag Kiepenheuer & Witsch
558 Seiten
ISBN 978-3-462-04854-4

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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