Über falsche Narrative, die uns leiten und die nur noch rudimentäre Sicht unserer Tage auf die Errungenschaft „Unternehmen“

Falsche Narrative verhindern immer wieder, so auch dieser Tage, den sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt, ebenso wie die derzeitige nur noch rudimentäre Sicht auf Unternehmen, welche ursächlich auch für diese Narrative oft ist. Das Hartz-4-System und die Shareholder-Value-Betriebswirtschaft unserer Tage, die Akzeptanz dieser Betriebswirtschaft auch in der Politik und den Verwaltungen hängen zusammen, können nicht getrennt werden. Und allem liegen die falschen Narrative zugrunde, welchen wir hier weiterhin aufsitzen, weil sie ja auch oft genug wiederholt worden sind und werden und damit zur „Wahrheit“ stilisiert worden sind und bleiben. „Hartz-4 war gut und richtig“ ist ein solches Narrativ, ebenso wie „Geht es der Wirtschaft gut, geht es den Menschen gut“. Getürkte Arbeitslosenzahlen auf der einen Seite und ständige Börsenberichterstattungen auf der anderen Seite suggerieren dabei den richtigen Weg, suggerieren damit auch, dass die Verwerfungen, die Probleme, gerade die der unteren Schichten, als Kollateralschäden zu betrachten seien. Was für ein fataler und zunehmend immer gefährlicher werdender Irrtum.

Solange das falsche Narrativ über Hartz 4 erzählt werden wird und von den Menschen hier geglaubt werden wird, solange werden wir auch mit Hartz 4 leben müssen und damit mit der Demütigung von Menschen in unserer Gesellschaft. Da nützt es nichts, argumentativ, auch nicht argumentativ ökonomisch, dagegenzuhalten, die schlimmen Folgen einer auf Dumping setzenden Wirtschaftspolitik beispielsweise aufzuzeigen. Da nützt es nichts, die Statistiken zu bemühen, die durchaus anderes zeigen, als dass Hartz hier ein Segen gewesen wäre für die Gesellschaft. Der Populismus der angeblich erfolgreichen Hartz-Gesetzgebung wird weiterbetrieben werden. Mit Vernunft ist diesem Narrativ nicht beizukommen.

Das falsche Narrativ wird allen gesellschaftlichen Fortschritt weiterhin verhindern, und kein Argument dagegen – und derer gibt es viele – wird dieses Narrativ aus der deutschen Politik verbannen können.

Es wird weiter wirken, weiterhin Männern wie Stegner („Jeder, der arbeiten kann, muss auch arbeiten“), wie Altmeier („Wir dürfen und werden Hartz 4 nicht abschaffen“), wie Lindner („Andrea Nahles führt den Begriff Bürgergeld ad absurdum“) und nun auch Hoffmann vom DGB („Der Deutsche Gewerkschaftsbund lehnte insbesondere die Pläne der Grünen ab, eine ‚Garantiesicherung‘ einzuführen und den Zwang zur Arbeitsaufnahme abzuschaffen“) dazu dienen, dass sich im Wesentlichen nichts ändern wird, außer dass die Bedingungen, unter denen wir Gesellschaft denken müssen, immer schwieriger werden und uns eines Tages über den Kopf wachsen werden.

Arbeit ist mehr als nur Broterwerb, da haben Hoffmann und Stegner recht, aber Menschen zur Arbeit zwingen zu wollen heißt, Zwangsarbeit zu befördern, heißt auch, Unternehmen dazu anzuhalten, diese Zwangsarbeit bereitzustellen (zwingen muss man sie leider nicht). Kinder in Bedarfsgemeinschaften dann noch mit zu strafen, wenn diesem Zwang von den Eltern nicht Folge geleistet wird, heißt, Sippenhaft zu befördern. Dies scheint allen oben Genannten nicht klar zu sein oder von ihnen billigend in Kauf genommen zu werden. Menschenwürde zweiter Klasse, mehr scheinen diese Herren nicht mehr im Sinn zu haben, und mit den bestehenden Narrativ „Hartz war gut und richtig“ wird dies auch weiterhin gesellschaftsfähig bleiben können. Wir waren mal weiter im Denken als diese Herren. Lang, lang ist es her, leider.

Weder Stegner noch Altmeier, Hoffmann nicht und Lindner sowieso nicht, wie meist auch die vielen anderen Verfechter von Hartz 4, werden dann darunter leiden müssen, dass wir ihren Irrtümern gefolgt sind als Gesellschaft. Die haben ihre Schäflein längst im Trockenen, die brauchen nichts zu fürchten.

Sie alle brauchen auch nicht zu begreifen, wie Märkte und Unternehmen wirklich funktionieren, denen reicht ihr rudimentäres Wissen aus; sie können wirklich weiter falsch denken und weiter falsch behaupten, dass nur die Gewinne ein Unternehmen ausmachen würden und die Märkte nur über Gewinne funktionieren würden. Alles andere kann für sie weiterhin nur als Kosten gelten, Kosten, die man möglichst gering halten muss. Welch fataler Irrtum dieser Herren (und oft auch Damen) für die modernen Gesellschaften.

Deren Bildungsdefizit – ob bewusst oder unbewusst ist eigentlich völlig egal – scheint mir die einzige einigermaßen vernünftige Erklärung – außerhalb der üblichen meist nicht sehr wertschätzenden Erklärungen – für dieses populistische Festhalten an diesen falschen Narrativen noch zu sein. Diese ihre Art des Denkens ist für mich Grundlage für die Vermutung, dass sie alle nur noch eine Betriebswirtschaft im Denken haben, die mit guter Betriebswirtschaft, wie sie einst hier gepflegt wurde, nicht mehr viel zu tun hat. Gut, weil sie einst die gesamte Wertschöpfung im Unternehmen zu betrachten wusste und nicht nur die Gewinne. Ich durfte sie noch lernen. Heute scheint diese Betriebswirtschaft aus der Mode gekommen zu sein.

Meine, zugegeben derzeit unmoderne, Denkweise über Betriebswirtschaft und damit über das Unternehmen (welches ich durchaus als menschliche Errungenschaft betrachte) dient deshalb allen im Unternehmen und damit auch allen in der Gesellschaft. Ihre Denkweise über Betriebswirtschaft dient ausschließlich noch dem Nutzen der Shareholder, und das ohne Rücksicht auf die Stakeholder und die Gesellschaft. Ihre Politik und ihre Rechtfertigungen zu ihrer Politik bringen dies für mich täglich zum Ausdruck. Ihnen fehlen entweder fundamentale Kenntnisse über die eigentlichen Funktionen und die eigentliche Aufgaben von Unternehmen oder sie ignorieren sie bewusst.

Sie sehen nur den Egoismus des Shareholders, welcher im Unternehmen zum Ausdruck gebracht werden soll, nicht mehr das Gemeinsame, welches im Unternehmen eigentlich zum Ausdruck kommen sollte und einst auch kam. Sie begreifen nicht, dass das gesamte Unternehmen im Zentrum zu stehen hat, alle daran Beteiligten und damit die komplette Wertschöpfung, nicht ausschließlich der Gewinn, der Börsenwert. Sie begreifen nicht, dass der Unternehmenswert nicht, wie heutzutage gern populistisch im Sinne der Shareholder behauptet, der Börsenwert ist, sondern der wahre Wert jedes Unternehmens in den Einkommen liegt, die in ihm, durch es geschaffen werden. Sie begreifen nicht, dass man die Summe von Gewinn, Löhnen und Gehältern, Sozialabgaben, Fremdkapitalzinsen und auch die Steuern als Wertschöpfung zu betrachten hat. Sie können deshalb auch nicht mehr begreifen, dass genau deshalb ein Senken von der einen Wertschöpfungskomponente zugunsten einer anderen oft den wahren Wert des Unternehmens für die Volkswirtschaft senkt und deshalb mit Bedacht vorzunehmen ist, mit Verantwortung für das Ganze vorzunehmen ist und nicht, wie derzeit, nur zugunsten der Shareholder. Ihre ganze Politik, ob die Sozialpolitik, die Finanzpolitik, die Wirtschaftspolitik, ist von diesem ihrem Nichtbegreifen geprägt, wie mir scheint.

Dieses ihr Defizit (Vorstände als leitende Angestellte der Shareholder können sich dieses Defizit leisten, wahre Unternehmer nicht, Gewerkschafter und Politiker schon gar nicht) fällt uns derzeit vor die Füße, ist maßgeblich – so behaupte ich – verursachend für die vielen Verwerfungen in unserer Gesellschaft, einschließlich der größten Ungleichheit, die je in diesem Lande messbar war, einschließlich einer falschen Betrachtung von Wirtschaft und Sozialem im Gesamten. Der Mensch ist abstrahiert worden, im Gewinn und damit im Egoismus von wenigen aufgegangen, ja diesem unterworfen worden. Der eigentliche Sinn von Unternehmen, eine Unternehmung zugunsten und im Auftrag der Allgemeinheit zu sein nämlich, ist damit verloren gegangen, den Egoismen der Shareholdern geopfert worden.

Alles – auch die Umwelt – ist deshalb ausschließlich noch diesen Gewinnen zuzuführen, unterzuordnen, als Kosten zu minimieren, auch der Mensch, dessen Einkommen, auch als Lohn und Gehalt, nicht nur als Gewinn eigentlich Teil der Wertschöpfung sein sollte und es schon lange nicht mehr ist; auch beim DGB-Vorsitzenden anscheinend nicht mehr, der auch über Sanktionen die Ressource Mensch im Unternehmen zu nutzen allein gedenkt, nicht einmal dabei begreift, wie der Druck der Niedriglöhne auch seinen Schutzbefohlenen Einkommen kostet, welchen höchst negativen Einfluss zu niedrige Transferleistungen und die ständige Drohung, auf Hartz sanktioniert zu werden, auch auf die Steuerlast der Facharbeiter haben, auf ihren Wunsch, ihre berechtigten Ansprüche auch durchsetzen zu wollen.

Und so kommt es, dass weiterhin am falschen Narrativ Hartz 4 festgehalten wird, weiterhin Steuersenkungen zugunsten der Gewinne gewährt werden, zulasten der Allgemeinheit, der wahre Wert der Unternehmen für die Gesellschaft verloren geht und weiterhin gehen wird, der Satz „Geht es der Wirtschaft gut, geht es dem Menschen gut“ nur für die wenigen noch Geltung behalten wird, die noch profitieren können und nur so lange sie profitieren können und weiterhin die Shareholder mehr als alle anderen, die anderen sich mit den Resten weiterhin zu bescheiden haben werden, die ihnen von den Shareholdern noch zugebilligt werden – und, nicht zu vergessen, weiterhin die Natur zum Opfer gereicht werden wird. Ein armseliges System, dem wir hier folgen, meine ich, dem diese Herren weiter zu folgen bereit zu sein scheinen.

Wer weiterhin an Hartz 4, an den Sanktionen des Systems festhalten will, Menschen weiterhin über Sanktionen bezwingen will, sie zu demütigen gedenkt, auch wenn man behauptet, sie doch nur zu ihrem Glück zwingen zu müssen, denkt nur an die Gewinne, an die Shareholder und hat die Gesellschaft als Ganzes nicht mehr im Blick, auch wenn er anderes behauptet, schadet ihr deshalb jeden Tag aufs Neue.

In der Politik beobachte ich dieses Denken schon lange, selbst in der Volkswirtschaft ist es Mainstream geworden. Welchen wirklichen Nutzen Wirtschaft und Unternehmen für die Gesellschaft entfalten könnten, ist dabei verloren gegangen. Welchen Schaden diese Denkweise mit sich gebracht hat, können wir auch an den Menschen sehen, die zu den Tafeln gehen, an denen, die arbeiten und dennoch aufstocken müssen, an den Kindern in Hartz-Haushalten, die lange schon nicht mehr am gesellschaftlichen Leben ausreichend teilnehmen können, ja sogar Hunger leiden müssen, wenn man denen Glauben schenkt, die sich ehrenamtlich für Schulspeisungen engagieren. Kurz: an den vielen Kollateralschäden dieses Systems, welche wir trotz Artikel 1 des Grundgesetzes, trotz Artikel 20 (1) des Grundgesetzes hier zulassen.

Solange diese Betriebswirtschaft, diese vereinfachte Betriebswirtschaft, das Denken auch der Parteien und des DGB bestimmen wird, sie sich nicht wieder einer anderen Denkweise in der Betriebswirtschaft bedienen werden, wird dieses Narrativ der „guten Hartz-Reformen“ sein Unwesen treiben können, werden Unternehmen sich weiterhin nicht als Teil der Gesellschaft, weil aus der Gesellschaft kommend, von der Gesellschaft geschaffen, und zwar von allen und nicht nicht nur dem Kapitalgeber, fühlen und verhalten können, sich als Akkumulationsorgane der Shareholder allein  gebären können. Solange werden auch Menschen zur Arbeit gezwungen werden, auch zu Arbeiten, die wenig sinnvoll für den Menschen als Individuum und in seiner Gesamtheit sind, ihm Belastung auch deshalb bleiben werden, solange wird der technische Fortschritt weiterhin nicht primär zur Befreiung von Müh und Plag eingesetzt werden, sondern fast ausschließlich weiter denen dienen, die von den Gewinnen profitieren können. Nichts wird sich hin zum Positiven ändern, eher das Gegenteil wird der Fall sein: Müh und Plag, aber auch Demütigungen werden uns erhalten bleiben, einer falschen Denkweise über Menschen und Unternehmen geschuldet.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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