Diskussion um Abgasrisiken

Unter Federführung des ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie Dieter Köhler haben 112 Lungenfachärzte sehr öffentlichkeitswirksam in einer Stellungnahme verkündet, dass sie Zweifel an der korrekten Ermittlung der aktuellen Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub haben, und diese Meldung wurde auch begeistert von vielen Medien (s. zum Beispiel hier, hier und hier sowie in der ZDF-Sendung Hart, aber fair) aufgenommen und prominent weiterverbreitet. Und das fiel natürlich bei den autovernarrten Deutschen auf fruchtbaren Boden, genauso wie bei Politikern wie Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), die eh eine große freundschaftliche Verbundenheit mit der Automobilindustrie pflegen. Nun sei nur bitte eine Frage erlaubt: Warum wird ein derartiges Statement von einigen Ärzten so offensiv von den Medien unters Volk gestreut? Für mich sieht das wie eine gut lancierte Imagekampagne der Automobilindustrie aus, für die sich natürlich leider gleich wieder einmal genug Mietfedern und -mäuler gefunden haben, um das mitzutragen.

Das ist nicht nur ausgesprochen erbärmlich, wenn man sich nämlich den zunehmend schlechten Zustand unseres Planeten vor Augen hält, zu deren Verbesserung solchen Kampagnen bestimmt nichts beitragen, sondern der Kampagnencharakter wird auch deutlich, wenn man feststellt, dass ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie von vor zwei Monaten nicht annähernd diese mediale Reaktion ausgelöst hatte. Darin hieß es allerdings auch in der Zusammenfassung:

Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen sind sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen gut belegt. Besonders Kinder, ältere und kranke Menschen sind gefährdete Bevölkerungsgruppen.

Die gesundheitlichen Auswirkungen betreffen den Atemtrakt, das Herz-Kreislauf-System, metabolische Erkrankungen, den fetalen Organismus sowie potentiell auch dieneurologische Entwicklung in Kindheit und Alter.

Gesundheitliche Folgen reichen von erhöhter Sterblichkeit und Zunahme von Erkrankungen bis hin zu häufigeren Krankenhauseinweisungen, vermehrter Symptomatik und erhöhtem Medikamentenverbrauch.

Diese gesundheitlichen Folgen können sowohl akut nach kurzfristiger Erhöhung der Luftschadstoffkonzentration als auch bei langfristig erhöhter Luftschadstoffkonzentration, z. B. an der Wohnadresse, auftreten.

Die erheblichen gesundheitlichen Folgen führen in der Gesellschaft zu relevanten Kosten, die sowohl die Sozialsysteme als auch die Individuen belasten.

Obwohl sich die Luftschadstoffbelastung in den letzten Jahrzehnten vielerorts verbessert hat, liegen die Werte in Deutschland weiterhin überwiegend oberhalb der empfohlenen WHO-Richtwerte. Erschwerend ist, dass eine Wirkungsschwelle, unterhalb derer keine Gesund- heitsgefährdung vorkommt, nicht bekannt ist. Eine Reduktion des Risikos ist das Ziel.

Zusätzlich treten regional hohe Belastungsspitzen mit Überschreitung der gesetzlichen Grenzwerte auf, wovon vor allem große Bevölkerungsanteile in den Ballungsgebieten betroffen sind.

Tja, so was mögen natürlich weder die Automobillobby noch die von denen gekauften Medien und Politiker und schon erst recht nicht die deutschen Autofans gern hören …

Und dann kommt noch hinzu, dass es etliche Gegenstimmen zu den Aussagen der 112 Lungenfachärzte gibt, die allerdings nicht ansatzweise so prominent präsentiert werden. So nehmen in einem Artikel in Der Standard zwei österreichische Lungenfachärzte die Argumentation von Dieter Köhler ziemlich nachvollziehbar auseinander, ein Artikel im GEO besagt, dass der Bundesverband der Lungenärzte (mit immerhin 4000 Mitgliedern) das auch deutlich anders sieht, und in einem Beitrag des Deutschlandfunks kommt der Schweizer Experte für Gesundheitsrisiken durch Luftschadstoffe Nino Künzli zu Wort, der gleich zu Beginn feststellt:

Also das Argument von Professor Köhler ist von ihm und von Kollegen unterzeichnet, die in dieser Wissenschaft noch nie tätig waren. Kein einziger Name hat jemals wissenschaftlich gearbeitet.

Und daraufhin legt Künzli ebenfalls sehr nachvollziehbar (und absolut lesenswert) dar, warum die Stellungnahme von Köhler und Co. komplett unwissenschaftlich ist. Apropos Köhler: Der erklärt sich zwar selbst zu einem der „wenigen Experten in diesem Bereich“, dass es damit allerdings nicht allzu wert her ist, geht aus einem Artikel in der taz hervor:

In der Datenbank Medline, die alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen erfasst, findet sich von ihm aber keine einzige Publikation zum Thema Stickoxid. Er selbst schickte der taz auf Anfrage nach seinen Veröffentlichungen zum Thema einen einzigen Text aus dem Deutschen Ärzteblatt, der nicht der wissenschaftlichen Beurteilung durch Kollegen, der sogenannten Peer Review, unterliegt. Überprüfte wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema Stickoxid habe er nicht, erklärte Köhler.

Also mal zusammengefasst: Eine kleine Minderheit von Fachleute mit nicht einmal besonders großer wissenschaftlicher Expertise haut ein Statement raus, das von den Medien so aufgenommen und verbreitet wird, als wäre dies eine unumstößliche Gewissheit. Das erinnert mich zumindest ziemlich an die groß angelegte Kampagne, die seit Jahrzehnten von den Konzernen, die mit fossiler Energiegewinnung ihr Geld machen, zur Leugnung des menschgemachten Klimawandels betrieben wird (und die man in einem Zeit-Artikel von 2012 sehr detailliert mit Schilderungen eines direkt daran Beteiligten nachvollziehen kann).

Hier machen sich also allem Anschein nach etliche Journalisten zu willfährigen Helfern der Automobilindustrie, die ihr gesundheits- und umweltschädliches Geschäftsmodell noch möglichst lange so fortführen möchte wie bisher und dafür nun, wie es aussieht, einiges in Bewegung gesetzt hat, um Imagepflege nach dem sogenannten Abgasskandal zu betreiben. Ein paar gekaufte oder einfach nur öffentlichkeitsgeile Wissenschaftler mit fragwürdiger Expertise, mediale Mietmäuler und -federn sowie Politiker von durch und durch korrumpierten Parteien wie CSU, FDP oder CDU – und schon läuft das Ganze wie geschmiert.

Und da ein Großteil der Deutschen beim Thema Autos komplett vernagelt ist (wie auch gerade die aktuelle Diskussion um ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen zeigt), fällt so was dann auch auf fruchtbaren Boden. Profitieren tun davon dann neben der Automobilindustrie selbst auch die ihr hörigen Parteien, denn die können sich nun als Bewahrer der Freiheit aufs Rasen aufspielen, und es gibt genug deutsche Dummdackel, denen dann auf einmal alles andere, worüber sie sich bei der Regierungspolitik aufregen, vollkommen egal ist: Wenn Union und FDP (und natürlich auch die AfD, nur ist die zurzeit ja noch nicht in der Regierung) nur versprechen, dass man weiter hemmungslos mit seinem überzüchteten und oft viel zu großen Auto durch die Gegend heizen darf, dann sieht man über alles andere doch gern hinweg. Erschreckend, aber so simpel funktionieren leider viele Menschen …

Zwei Anmerkungen noch dazu:

Eine solche Verengung der Debatte, wie sie gerade von Köhler und seinen Spießgesellen betrieben wurde, ist nichts Neues und war beispielsweise auch bei der Diskussion um die Zulassungsverlängerung des Ackergifts Glyphosat zu beobachten. Es ging dann irgendwann vor allem nur noch darum, ob das Zeug nun Krebs macht oder nicht, sodass ein weiterer Aspekt vollkommen aus dem Fokus geriet, nämlich dass Glyphosat die Biodiversität massiv einschränkt – das Insekten- und Vogelsterben, was daraus resultiert, können wir ja leider gerade allzu deutlich beobachten. Es scheint sich hierbei also um eine gern verwendete, weil leider erfolgreiche, Strategie von Konzernen zu sein, um die Schädlichkeit der von ihnen vertrieben Produkte zu verschleiern.

Und dann heizt diese Debatte auch mal wieder eine Anti-EU-Stimmung an, da die Grenzwerte für Stockoxidbelastung eben aus Brüssel kommen und von der EU-Kommission (durchaus zu Recht) verteidigt werden. Die deutschen Autonarren werden so also gegen die EU aufgebracht, da sie den Eindruck bekommen, diese will ihnen ihr geliebtes Brumm-Brumm verbieten. Zwar nur eine Art Kollateralschaden der Debatte, aber im Zuge der zunehmenden antieuropäischen Stimmung im Lande kein nicht ganz unerheblicher, wie ich finde.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

6 thoughts to “Diskussion um Abgasrisiken”

  1. Na so was: LobbyControl hat festgestellt, dass an dieser Stellungnahme von Dieter Köhler und seinen Spießgesellen auch ein ehemaliger Daimler-Mitarbeiter mitgeschrieben hat. Tja, so funktioniert das eben, wenn Wissenschaft als PR missbraucht wird und dann Kampagnenform annimmt.

    Die Journalisten, die diesen Kram kritiklos einfach so weiterverbreitet haben, verdienen in jedem Fall ihre Berufsbezeichnung nicht.

  2. Nun hat sich auch Frontal21 (ZDF) mit einem achtminütigen Bericht eingehender mit den Personen hinter dieser Stellungnahme beschäftigt und kommt zum gleichen Ergebnis: Die haben von Tuten und Blasen so wenig Expertise wie vom Stickstoff. Kann man da abends wirklich noch in den Spiegel schauen, wenn einem Menschenleben dermaßen egal sind?

  3. Auch Jens Berger kann in einem Artikel auf den NachDenkSeiten nicht anders, als dem Positionspapier von Köhler und den 107 Lungenfachärzten Stammtischniveau zu attestieren. Zudem thematisiert er auch die Rolle der Medien, die unwissenschaftliche Randgruppenmeinungen stets dann gern in den Fokus der Berichterstattung zerren, wenn diese industrie- und wirtschaftsfreundlich sind.

    Und bei jemandem wie Verkehrsminister Scheuer kann auch Berger nur noch Populismus feststellen, den man US-Präsident Trump ja durchaus zu Recht gern vorwirft – nur um dann selbst nicht viel anders vorzugehen, wenn es die eigenen Kernindustrien, in diesem Fall die Automobilbranche, trifft.

  4. Und es kommt immer dicker für den selbsternannten Experten Dieter Köhler und seine Kritik an den Grenzwerten: Wie in einem Artikel in der taz dargestellt wird, hat er es mit der Mathematik auch nicht so genau und hat sich doch einige Male derbe verrechnet.

    Es wirkt schon so, als hätten die Schlussfolgerungen als Erster festgestanden, und dann wären die Zahlen entsprechend irgendwie hingebogen worden, sodass man zum gewünschten Resultat kommt.

    Was für eine Farce – und was für ein Armutszeugnis für weite Teile des deutschen Journalismus, die entweder zu dösig zum Recherchieren waren oder sich für eine üble Kampagne haben einspannen lassen.

  5. Das Kraftfahrt-Bundesamt hat nun eine 5.000 Seiten starke Akte an Frontal21 geschickt, um mal so richtig zu zeigen, wie transparent es in Sachen Diesel so läuft. Der Clou: Ganze 27 Seiten sind nicht komplett geschwärzt! Wahrscheinlich nur, um den Bürger vor sich selbst zu schützen. Lakaien der Konzerne auf den Bänken der Regierenden, ein Trauerspiel.

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