Ulrike Herrmann: Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Im Klappentext findet sich ein Kommentar aus der Frankfurter Rundschau zu diesem Buch: „Wer die Wirtschaft besser verstehen will, sollte Herrmann lesen.“ Und das bringt es auch sehr gut auf den Punkt, denn nicht weniger gelingt Ulrike Herrmann auf nicht einmal 250 Seiten: Sie erklärt die Grundzüge der Ökonomie und die wichtigsten Wirtschaftstheorien. Das hat allerdings recht wenig mit dem zu tun, was heutzutage immer wieder von Mainstream-Wirtschaftswissenschaftlern propagiert wird – und das ist eben auch eines der zentralen Probleme unserer Zeit.

Doch zunächst mal zum Buch und seinem Aufbau: Ulrike Herrmann nimmt sich drei zentrale Figuren der Wirtschaftswissenschaft vor: Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes. Jeder der drei bekommt zwei eigene Kapitel, in denen sowohl ihr Leben und Werdegang als auch die Grundzüge ihrer Theorien beschrieben werden. Das liest sich angenehm locker, denn trotz aller fundierten Kenntnisse, die von der Autorin vermittelt werden, gelingt es ihr, ansprechend zu schreiben, um so auch ökonomisch wenig Vorgebildeten einen guten Zugang zu diesem Thema zu verschaffen.

Dabei verfällt Herrmann nicht in Ehrfurcht vor den drei großen Namen oder in kritiklose Lobhudelei, sondern zeigt auf, wie diese Vordenker ihre Theorien entwickelt haben, allerdings eben auch Kinder ihrer Zeit waren. Leerstellen oder Irrtümer werden dabei nicht ausgespart, und nebenbei erfährt man auch noch einiges über andere ökonomische Zeitgenossen von Smith, Marx und Keynes.

So wird beispielsweise klar, dass Adam Smith durchaus andere Ansichten vertrat, als es eben aufgrund der verkürzten Darstellung seiner Ideen durch die Neoliberalen und oft aus dem Zusammenhang gerissener Zitate oft den Anschein hat, indem er das Soziale immer mitgedacht hat. Auch die Wichtigkeit von Friedrich Engels für das Entstehen von Marx‘ elementarem Werk wird betont, sodass auf angenehme Art die Menschen hinter den großen (und oft trocken-theoretisch anmutenden) Namen sichtbar werden.

Für mich persönlich am interessantesten ist dann der Abschnitt zu Keynes, der wohl als zeitlich Letzter der drei das größte Verständnis über die Mechanismen und Funktionsweisen des Kapitalismus entwickelt hat. Und letztlich war die Zeit, in der Wirtschaftspolitik nach seinen Ideen ausgerichtet wurde, die prosperierendste Epoche des Kapitalismus (vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1970er-Jahre), die Wohlstand für eine große Anzahl von Menschen und nicht nur für einige wenige geschaffen hat.

Doch leider ist Keynes ja nicht das Ende der Geschichte, sondern die im Gewand des Neoliberalismus daherkommende Neoklassik hat ja seit den 70ern zunehmend eine Vormachtstellung in Wirtschaftslehre, Politik und auch Medien eingenommen. Und das ist fatal, denn diese Theorien basieren auf vollkommen unrealistischen Vorstellungen von der Realität, sodass Krisen nicht nur nicht vorausgesehen, sondern sogar wissentlich mit verursacht werden – 2008 war das allzu deutlich zu beobachten.

Wer jedoch meint, dass sich Theorien, die sich in der Praxis als komplett untauglich erwiesen haben, doch im Grunde von selbst erledigen müssten, sieht sich leider getäuscht. Da nämlich vor allem die Vermögenden von einer an der Neoklassik orientierten Wirtschaftspolitik profitieren (was m. E. wohl auch intendiert ist, sodass quasi eine Art Refeudalisierung betrieben wird), nutzen diese all ihre publikativen und finanziellen Ressourcen, um der Wirtschaftswissenschaft nicht nur einen naturwissenschaftlichen (was schon kompletter Unfug ist – das wird von Herrmann auch gut begründet in dem Buch), sondern schon quasi religiösen Stand einzuräumen. Aussagen wie „There is no alternative“ von einer der Protagonistinnen der neoliberalen Wende, Margaret Thatcher, weisen schon seit Längerem deutlich darauf hin.

So ergibt sich folgendes Dilemma, was von Ulrike Herrmann auch klipp und klar benannt wird:

Der Kapitalismus entwickelt sich völlig ungesteuert, weil der Mainstream eine Theorie vertritt, in der dieser Kapitalismus nicht vorkommt. Es ist eine Theorie ohne Großkonzerne, ohne Produktion, ohne Kredite – ja ohne Geld. Zur Neoklassik zählen sich etwa 85 Prozent aller Ökonomen. Sie werden wieder scheitern und Kosten produzieren, die in die Billionen gehen.

Das klingt nun, wenn man die vorherigen Ausführungen Herrmanns nicht gelesen hat, schon mal sehr krass, ist aber keineswegs übertrieben, denn die Realitätsferne der Neoklassik ist m. E. wirklich nur noch als Idiotie zu bezeichnen. Doch blöderweise wird Wirtschaftskompetenz heute nahezu immer damit gleichgesetzt, diese absurden Theorien auch zu vertreten – exemplarisch am Beispiel der FDP zu erkennen, die als neoliberale Hardliner immer noch den Nimbus der Ökonomieexperten genießen. Was für ein Irrtum!

„Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ ist ein ausgesprochen erhellendes und dabei kurzweiliges Buch, das Pflichtlektüre an Schulen – und an wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulen sowieso – sein sollte. Aber auch für den „Hausgebrauch“ ist es absolut zu empfehlen, um sich auf kompakte Weise einen guten Überblick über die Ökonomie verschaffen zu können. Und das ist wichtiger denn je, denn der nächste Crash kommt bestimmt, zumal wenn weiterhin alle der untauglichen, realitätsfernen und letztlich idiotischen heutigen Mainstream-Ökonomie hinterherdackeln.

Ulrike Herrmann: Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung
Verlag Piper
287 Seiten
ISBN 978-3-492-31159-5

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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