Gutmensch trifft: Vegetarismus

Der mittlerweile zum Kampfbegriff mutierte Titel „Gutmensch“ wird auf vielseitige Art und Weise verwendet: Ob zum Diffamieren von ökologisch engagierten Menschen oder wie in diesem Fall zur überheblichen Selbstbetitelung eines Möchtegernweltretters. An dieser Stelle soll es aber nicht um den Gutmenschen an sich gehen, sondern um seine verklärte und pedantische Weltanschauung sowie seine gern belächelte oder beleidigte Weltverkomplizierung bis hin zur Selbstgeißelung.

Vor einigen Wochen durfte ich das erste Mal ein Krankenhaus als Patient zwecks Übernachtung besuchen. Ich bekam ein Blatt in die Hand, das nicht nach Vorerkrankungen, Glaubensfragen oder Schlafgewohnheiten fragte, sondern nach Zusammenstellung der drei Hauptmahlzeiten (Frühstück, Mittagessen und Abendbrot). Ja, des Deutschen Leib und Seele wird durch das Essen zusammengehalten! Entzückt stellte ich fest, dass es auch ein Ankreuzchen für Vegetarier gab, welches ich dann auch sogleich markierte.

Nun sei vorab erklärt, dass es auch in der Spezies der Vegetarier verschiedene Unterklassen gibt: Während einige sogar noch Fisch und Meeresfrüchte konsumieren, möchten andere nicht auf Milch und Eier verzichten, und wieder andere leben komplett vegan (komplett ohne tierische Erzeugnisse). Zu meinem ersten Abendbrot gab es Lachs (den ich nicht besonders vegetarisch finde), am kommenden Mittag Pudding mit Gelatine (ein Bindemittel aus gekochten Schweineknochen) und am nächsten Tag zu Mittag Backfisch mit Gemüse. Da die Portion durch das Weglassen des Fisches doch arg klein war, bat ich (das erste Mal) um eine Alternative zum Fisch (auf dem, wie die Tage zuvor, ein Plastikschild mit der Aufschrift „vegetarisch“ thronte). Die Antwort der Krankenpflegerin passte dann aber so schön ins Weltbild eines Gutmenschen, dass ich diese hier nicht vorenthalten möchte:

Ach, das mögen Sie auch nicht?

Gern hätte ich entgegnet:

Den meisten mir bekannten Vegetariern geht es beim Verzicht auf Fleisch oder alle tierischen Produkte nicht um den Geschmack. Ein geringer Teil tut dies aus gesundheitlichen Gründen, weil sie z. B. Rheuma oder andere Krankheiten haben, die durch eine vegetarische Ernährung abgeschwächter verlaufen. Dann gibt es die zweitgrößte Gruppe, bei denen der Umweltschutz das Hauptargument für den Verzicht ausmacht (die Herstellung von Fleisch verbraucht z. B. bei Rindfleisch achtmal so viel Getreide, wie am Ende pro Kilo dabei herauskommt … mal abgesehen von den 15.400 l Wasser und den 22 kg Treibhausgasen pro Kilo Rindfleisch). Der absolut größte Teil isst keine Tiere, weil diese Gutmenschen es einfach für unethisch halten, dass Tiere für ihr Ernährung getötet werden. Würde ich Ihnen eine gebratene Hauskatze servieren, würden Sie das wohl ekelig, abstoßend oder krank nennen. Ich nenne es Selbstbetrug.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen und jedem Menschen sein Fleisch! Und das meine ich so, wie ich es schreibe. Jeder soll doch essen, was moralisch, ethisch oder einfach geschmacklich vertretbar ist. Nicht ohne Grund haben wir noch Reißzähne, der ausgewogenen Ernährung über Jahrtausende wegen. Aber so gilt eben auch jedem Menschen sein Nicht-Fleisch. Und wenn der eigene Horizont eben nur bis zum eigenen Geschmack geht, dann ist auch das, wie es ist: okay. Natürlich kann ich mir etwas mehr Empathie und etwas weniger Anfeindung wünschen, vielleicht sogar hoffen, aber sicher nicht einfordern.

* Wie armselig meine unausgesprochene Argumentation gegenüber der Krankenpflegerin war, fand ich gerade bei Utopia, die mit „11 nachhaltige Gründe, Vegetarier zu sein“ einen Beitrag über ein Buch veröffentlicht haben, dass wiederum 111 Gründe hervorkramen soll.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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