Der Deutsche diskriminiert nicht!

Nachdem ja CDU-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer für ihren unsäglichen „Scherz“ auf Kosten von Intersexuellen (s. dazu hier) bei einer Karnevalsveranstaltung doch viel Zuspruch bekam, dass das ja überhaupt nicht diskriminierend sei (natürlich von Menschen, die selbst nicht zur diskriminierten Personengruppe gehören), habe ich gerade heute wieder ein bezeichnendes Beispiel dafür erleben müssen, wie sehr sich der Deutsche per se anscheinend für diskriminierungsresistent hält und anderen erklärt, dass sie sich nicht so anstellen sollen, wenn sie sich diskriminiert fühlen.

Auslöser dafür war ein Video von Zeit Online auf Facebook, in dem Deutsche, die nicht sehr deutsch aussehen, schildern, wie sehr es sie nervt und wie sie sich dadurch auch diskriminiert werden, dass sie andauernd oft gleich zum Anfang eines Gesprächs gefragt werden, wo sie denn eigentlich herkämen. Dieses Video wurde dann auch auf der politisch links stehenden Facebook-Seite Mensch und Politik heute geteilt, die eigentlich auch ein entsprechendes Publikum hat und wo rassistische Äußerungen und rechte User generell nicht geduldet werden.

Was sich dann dort allerdings überwiegend für Kommentare finden, ist schon recht erschreckend. Fast niemand nahm das Video mal zum Anlass, sein eigenes Verhalten zu reflektieren, da dieses ja anscheinend von anderen Menschen nicht so gut aufgenommen wird, und der Tenor war, dass die Personen in dem Video sich nicht so anstellen sollten.

Die „Argumente“ waren dabei vor allem ausgesprochen schwachbrüstig und eben nicht dem Sachverhalt entsprechend. Da wurde immer wieder darauf abgestellt, dass man im Urlaub ja auch mal gefragt würde, wo man denn herkäme – nur dass die Aussagen in dem Video eben alle nicht von Urlaubern, sondern von Deutschen, die hier geboren wurden, stammen. Ist schon mal ein sehr großer Unterschied, denn im Urlaub ist man irgendwo anders zu Gast, was man in seinem Heimatland eigentlich nicht sein sollte.

Auch wurde häufiger vorgebracht, dass man dann ja wohl am besten gar nicht mehr miteinander reden sollte. Klar: Wenn ich den vermeintlichen Ausländer nicht fragen darf, wo er herkommt, hab ich sonst auch nichts mit dem zu bereden, oder wie?

Und die beim Thema Diskriminierung gern vorgebrachte Täter-Opfer-Umkehr war natürlich auch ein paarmal zu entdecken: Was stellen die sich auch so an, wenn sie eine so harmlose Frage gestellt bekommen? Die sind ja selbst schuld, wenn sie so dünnheutig darauf reagieren, nur weil man sich dafür interessiert, wo sie herkommen (und damit eben nicht Paderborn oder Frankfurt meint, sondern irgendwas Exotisches).

Hinter diesen Aussagen steckt nicht nur ein ziemlich deutlich zutage tretender latenter Rassismus, der eben dann vorliegt, wenn man Menschen, die anders als man selbst aussehen, nicht so behandelt wie Menschen, deren Phänotyp überwiegend dem eigenen entspricht. Es zeigt sich eben auch wieder, dass nicht diskriminierte Menschen Diskriminierten erklären, wann diese sich gefälligst diskriminiert zu fühlen haben und wann nicht. Ich sehe das ja genau andersrum: Ob etwas diskriminierend ist, lässt sich nur von Diskriminierten selbst beurteilen und nicht aus der privilegierten Position des Nichtdiskriminierten.

Aber da am deutschen Wesen schon immer und anscheinend auch jetzt noch die Welt genesen soll, kommt der Deutsche natürlich nicht auf die Idee, dass seine Sichtweise auf ein Problem nicht der Weisheit letzter Schluss sein könnte. Und von Deutschen, die nicht so richtig deutsch aussehen, lässt er sich schon gar nichts erklären. Wenn Privilegierung mit einer solchen national dünkelnden Überheblichkeit zusammenkommt, dann ist eben Betriebsblindheit beim Thema Diskriminierung und latenter Rassismus vorprogrammiert.

Was ich vor allem auch erschreckend finde: Es war so gut wie nicht möglich, diesen Menschen mit rationalen Argumenten beizukommen (z. B. mit der offensichtlichen Aussage „Urlaub ist was anderes als Alltag zu Hause“).

Wenn man das jetzt noch auf andere Themen überträgt, dann sieht es recht finster aus: Es scheint auch bei Nichtrechten sehr verbreitet zu sein, das eigene Handeln nicht zu hinterfragen, die eigene Perspektive über die anderer zu stellen und nicht bereit zu sein, auf vorgebrachte Kritik nicht mit Abwehr zu reagieren, sondern vielleicht auch mal darüber nachzudenken, was da dran sein könnte. Und vor allem als Folge daraus: Es ist auch kaum jemand bereit, sein Verhalten zu ändern, wenn es ihm selbst keinen unmittelbaren Nutzen bringt, sondern nur von anderen positiv wahrgenommen würde.

So werden wir die riesigen Probleme unserer Zeit (s. hier) garantiert nicht ansatzweise lösen können …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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