Nicht einmal einäugig: Spitzenpolitik in Deutschland

Man sagt: „Unter den Blinden ist der Einäugige König“, aber ich sehe da für unsere „Spitzenpolitiker“ nicht mehr viel Land bzw. Augenmaß. Was da an Statements abgegeben wird (Karl hat ja einiges hier schon treffend ausgeführt), ist dermaßen weit der globalen politischen Realität entrückt, dass ich für eine flächendeckende Überprüfung der geistigen Gesundheit aller politischen Akteure europaweit plädiere (um nicht einzelne Fraktionen und Akteure zu benachteiligen).

Neben dem nun sehr prominenten YouTube-Video gab es Kritik an der politischen Uneindeutigkeit der SPD-Führung, am fehlenden Aufgreifen grüner Themen bei der CDU/CSU, am Unverständnis der Bürger, die Relevanz der Wirtschaft richtig einzuschätzen, und lauter Steilthesen, die in vielleicht einem Promille zum Greifen kommen. Aber das offensichtliche Versagen der etablierten Großparteien bleibt weiter von den „Spitzenpolitikern“ verdrängt und zerredet (wahrscheinlich nennt man sie so, weil sie es immer wieder auf die „Spitze“ des unsozialen, lobbyistengesteuerten Unfugs treiben … vielleicht stammt der Name aber auch von der „Spitze des Eisbergs“, die den geringen sichtbaren Teil ihrer Arbeit ausmacht, während unter der Oberfläche mit dem Kapital gemauschelt wird).

Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte hat mit der GroKo einen traurigen Höhepunkt erreicht, und mittlerweile passiert auch in Deutschland das, was bereits in den USA, in Ungarn, Polen, Italien und nun in Frankreich passiert: Die Gesellschaft rückt aus Existenzängsten heraus nach rechts. Die geschichtlichen Parallelen zu vergangenen Zeiten und dem damaligen Rechtsruck der Gesellschaft liegen offen: Wirtschaftskrise und sinkende Reallöhne machen weltweit das Gleiche mit den Menschen und ihren Ängsten. Und anstatt am neoliberalen System zu rütteln, suchen sich die (vor allem rechts denkenden Menschen) vermeintlich schwächere Gruppen (Migranten/Asylbewerber) und reagieren mit Gewalt (rechte Aufmärsche mit Auslängerbashing und Parolen wie „Absaufen!“). Mich erinnert das an den betrunkenen Mann, der nachts im Schein einer Laterne seinen Hautürschlüssel sucht. Ein Nachbar kommt vorbei und hilft suchen, bis er nach einer Weile fragt, ob der Betrunkene den Schlüssel denn sicher hier unter der Laterne verloren hätte. Der Betrunkene entgegnet: „Nein, das sei weiter da vorn gewesen, aber da sei es zu dunkel zum Suchen!“ Oder um es mit den Worten Homer Simpsons zu sagen: „Nur weil ich mir etwas einbilde, heißt es nicht, dass es nicht wahr ist!“

Kürzlich lief im Rahmen von Die Story (ARD) eine 45-minütige Doku mit den Parallelen zur Weimarer Republik, die einiges am derzeitigen Verhalten der Menschen erklärt. Wie schnell sich eine Gesellschaft radikalisieren lässt und vor allem auch wie schnell sich die Gewalt gegen das politische Establishment richten kann, sollte eigentlich jedem Politiker unter die Haut gehen. Tut es aber scheinbar nicht!? Heiter kopiert die CDU/CSU die markante und provozierende Sprache der AfD, und anstatt deren Wähler zu fischen, wechseln unentschlossene WählerInnen dann gleich „zum Original“ (wie abgeschmackt und unwahr deren Thesen und Provokationen auch sein mögen). Dass auch deren Parteiprogramm fast ausschließlich den kleinen Mann schröpft und der Wirtschaft in die Hände spielt: geschenkt.

Ich hätte nie gedacht, dass ich dies mal schreiben würde: Aber David Hasselhoff traf es bei Markus Lanz auf den Punkt (siehe hier mit 2 Minuten Vorlauf, Hasselhoff beginnt ab Minute 11). Es ist mittlerweile salonfähig, gegen die Interessen der eigenen WählerInnen zu regieren („So isser, der Schmidt“), sodass der Wähler dieses endlich auch einmal an der Wahlurne abgestraft hat (meistens werden solche offensichtlich demokratiefeindlichen Handlungen ja innerhalb von Wochen wieder vergessen, spätestens wenn man das nächste Mal seine „Stimme abgibt“). Es ist erstaunlich, wie stupide an solchen Wirtschaftsmarionetten festgehalten wird und die Leute stumpf ihr Kreuzchen bei den Großparteien machen.

Neulich hatten wir bei der Bandprobe eine Idee: So wie auf Zigarettenschachteln über tödliche Krankheiten aufklärt und wie es seit Jahren eine Forderung nach einer Lebensmittelampel auf Verpackungen gibt, genau so sollten auf politischen Plakaten einige Grundangaben vermerkt werden müssen: eingehaltene Wahlversprechen 17 %, Gesetze gegen die Bevölkerungsmehrheit 62 % … Allerdings ist der Konsument nicht wirklich mündig, und die Zigaretten gehen trotz markanter Bilder über die Ladentheke, und mit den Zuckerbomben wird es auch nach Einführung einer Lebensmittelampel nicht anders sein. Ja, da kommt er wieder, der Ruf nach einem starken Führer! Nur möchte jemand mit sozialem Engagement nicht führen, er möchte partizipieren, teilhaben und mitgestalten. Aber das würde ja für jeden Einzelnen von uns bedeuten, selbst Verantwortung übernehmen zu müssen … ja dann … dann doch lieber Augen zu und weiter wie gewohnt. Amen.

Druckansicht

Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

3 thoughts to “Nicht einmal einäugig: Spitzenpolitik in Deutschland”

  1. Mich kümmert es eigentlich nicht mehr, wer mit wem aus der Politik ins Bett steigt. Die Kinder, welche sie zeugen, werden sowieso fast alle häßlich sein, so wie sie seit nunmehr fast 30 Jahren fast nur hässliche Geburten zustande gebracht hatten, gleich wer mit wem rumgemacht hatte.

  2. Zu den „Ampeln“ auf Wahlplakaten:
    Der Vergleich mit Zigaretten und Süßigkeiten hinkt ein wenig – Nicotin und Zucker sind Suchtmittel. Ich glaube allerdings nicht, dass irgenwer eine Sucht auf Politiker oder Parteien entwickelt ;-). Von daher könnte so eine „Ampel“ auf Wahlplakaten durchaus mehr bewirken, als die Entsprechungen auf Tabak und Zuckerwaren. Ich würde mir davon auch keine überwältigende Wirkung versprechen, man müsste es einfach ausprobieren und selbst wenn es nur einen kleinen Anteil der Wähler anregt, wäre was gewonnen. Außerdem würde die kaum erträglichen Plattheiten, die auf den meisten Wahlplakaten prangen, durch etwas informatives vielleicht erträglicher ;-).

    1. Bei den Hinweisen auf Lebensmitteln geht es nicht unbedingt um Suchtmittel (Zucker, Fett, Konservierungsstoffe). Es geht eher um Warnungen über die Zusammensetzung und daher wäre eine Warnung über die Zusammensetzung von „Sagen und dann nicht machen“ eben ein Warnhinweis vor dem Inhalt, nicht mehr und nicht weniger.
      Am Ende hast Du natürlich Recht, es ist polemisch und wird bei keinem Promille der Wähler etwas ändern (denn die notorischen Großpartei-Kreuzemacher werden dies auch weiter ungeachtet dessen tun, was die Parteien da veranstalten). Solange die Lage nicht existenziell ist, bleibt der (gemütliche) Mensch bei seinen Gewohnheiten und Gebräuchen. Wie der Frosch, der angeblich im langsam aufhitzenden Topf bleibt, bis das Wasser kocht …

Schreibe einen Kommentar