Des Sparers Leid, die niedrigen Zinsen, ist seinem Geld(un)verständnis geschuldet

Wer den Kapitalismus auf die Zinsen für Anleger reduziert, hat den Kapitalismus nicht verstanden, hat von Geld keine Ahnung, reduziert Geld zur Ware. Geld ist aber mehr als eine Ware, und dieses Mehr ist entscheidend, soll Geld nicht zur Knute werden.

Was ist Geld?

Geld lebt vom Vertrauen, ist aus dem Geschenk entstanden, als der Mensch begann, mit dem Geschenk auch das Gegengeschenk, die Verpflichtung, zu verbinden. Geld gab es deshalb von Anbeginn der Sozialisation.

Geld ist deshalb schon immer Kredit gewesen, auch lange bevor er schriftlich fixiert und/oder durch Dinge wie Muscheln, Bernstein, Edelmetalle, später dann durch Münzen und Scheine und noch später durch Buchungen zum Ausdruck gebracht worden ist. Geld hat viele Formen, selbst Nägel hatte man in schottischen Dörfern als Geld benutzt, als Europa unter einer Münzknappheit litt in den Zeiten der Globalisierung durch die großen Entdeckungen, den Zeiten des Handelskapitalismus und des entstehenden Imperialismus.

Geld und Vertrauen sind zwei Seiten einer Medaille. Geld ist Schuld und Anspruch auf Einlösung der Schuld. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Geld ist ein soziales Konstrukt und unverzichtbar für das Zusammenleben. Umso schlimmer finde ich, dass man Geld nur auf seine Funktionen reduziert in unserem Denken, nicht auf seine Sinnhaftigkeit auch nur annähernd einzugehen gedenkt.

Wer Geld mit Zins verbindet, der macht Geld damit sogar zur Ware. Das kann man tun, allerdings nur dann, wenn man auch die soziale Komponente dabei nicht vergisst, und die drückt sich unmittelbar im Machtverhältnis aus. Geld ist deshalb immer eine soziale Angelegenheit, denn, wie gesagt, Geld ist Schuld und Anspruch auf Einlösung der Schuld, und es kommt sehr darauf an, welche Stellung dem Schuldner zum Gläubiger eingeräumt wird. Geld im modernen Sinne ist deshalb auch immer Ausdruck der Machtverhältnisse der Subjekte zueinander, welche in unserer Welt immer noch von der staatlichen Gewalt zu regeln sind, nicht delegiert werden dürfen, soll Geld mehr als nur Ware sein, seinen gesellschaftlichen Aufgaben auch nachkommen können. Die Unabhängigkeit der Zentralbank, ein deutsches Novum, nun auch in Europa bei der EZB durchgesetzt, ist deshalb ein sehr fragliches Novum, wenn man Geld als gesellschaftliches und nicht als nur rein ökonomisches Konstrukt zu verstehen weiß.

Geld hat nie nur eine Seite. Geld ist ein Verhältnis des Schuldners zu seinem Gläubiger, auch dann, wenn, wie heutzutage, die einzelnen Seiten des Verhältnisses nicht mehr eindeutig personifiziert werden können. Am Grundsätzlichen ändert sich nichts.

Geld nur ökonomisch verstehen zu wollen reicht deshalb auch für eine gedeihliche Gesellschaft nicht aus. Geld als Teil einer Tauschwirtschaft ansehen zu wollen, so wie es derzeit Mainstream ist, mag für Betriebswirte sinnvoll sein, aber nicht darüber hinaus. Geld muss in seinem Machtverhältnis betrachtet werden, in seinem Kern, den Schulden, ohne die Geld nicht existent sein kann. Und hierbei kann durchaus gerade die ökonomische Sicht im Verständnis helfen, auch wenn das jetzt widersprüchlich erscheinen mag. Ist es aber nicht, wenn man Geld auf den wichtigen Sachverhalt reduziert, dass Geld Kredit ist und dass es deshalb immer Kreditgeber und Kreditnehmer geben muss, man diese sektoral dann verorten kann.

Welche Sektoren gelte es zu beachten?

Im Wesentlichen sind es die Sektoren der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Die privaten Haushalte und der Staat, die Unternehmen und das Ausland. Geld kann nur dann entstehen und erhalten bleiben, wenn sich mindestens ein Sektor verschuldet, die Schuldnerposition einnimmt, damit die anderen in die Gläubigerposition überhaupt rücken können. Natürlich sind hier Salden ausschlaggebend und nicht einzelne Positionen. Natürlich kann ein Unternehmen durchaus Gläubiger sein und ein anderes als Schuldner fungieren, aber nicht mehr im Saldo des Sektors insgesamt. Da ist entweder die Schuldner- oder die Gläubigerposition zu diagnostizieren.

Was bedeutet das für den Kapitalismus?

Kapitalismus, seit Marx in der Gleichung G-W-G‘ erkannt, bedeutet, dass Geld eingesetzt wird, vornehmlich in der Realwirtschaft, um mehr Geld am Ende zu besitzen, als man vorher besaß. Diese Aufgabe obliegt laut Marx dem Kapitalisten. Man mag dazu stehen, wie man will, es unterschiedlich moralisch sehen, wie man will, um die Aussage und ihre Bedeutung allerdings kommt man nicht herum. Niemand wird in einer Handel treibenden, einer arbeitsteiligen Wirtschaft wirtschaften, wenn er sich nicht einen Gewinn aus diesem Wirtschaften versprechen kann, und diesen Gewinn drücken wir in Geld aus.

Wenn also Ziel des Wirtschaftens ein Mehrwert ist und dieser in Geld ausgedrückt werden kann, Geld Kredit letztendlich darstellt, Kredit ein Gläubiger-Schuldner-Verhältnis darstellt, so sind diese Verhältnisse letztendlich zu betrachten, um den Kapitalismus zu verstehen. Ein Verstehen müsste eigentlich auch noch die unterschiedlichen Ebenen betrachten, die unterschiedliche Notwendigkeit, in Geld zu denken, dabei mitbedenken, wenn es um das rein ökonomische Verständnis geht, aber das spare ich mir hier, des Verständnisses wegen, aber auch, weil die Zusammenhänge nun makroökonomisch von mir betrachtet werden sollen. Denn um das oft falsche makroökonomische Verständnis von Geld und damit die fast immer falschen Rückschlüsse auf die Gesellschaft geht es mir hier insbesondere.

Wir erinnern uns, wir haben vier Sektoren, und netto muss mindestens ein Sektor im Schuldnerverhältnis stehen, wenn Geld und Geldmehrung – wir erinnern uns an Marx – überhaupt entstehen respektive stattfinden sollen. Irgendein Sektor oder mehrere Sektoren haben die Last der Verschuldung zu tragen, ein, maximal drei Sektoren können die Gläubigerposition einnehmen. Alle Schuldner oder alle Gläubiger geht im Summenspiel nicht auf, nicht auf makroökonomischer Ebene. Wer anderes behauptet, behauptet auch die Quadratur des Kreises.

Nur wenn sich mindestens ein Sektor verschuldet, kann überhaupt Geld entstehen. Im besten Falle ist dies der Unternehmenssektor, der Geld investiert und damit am Ende des Produktions- und Distributionsprozesses neues Geld geschaffen hat. Investitionen sind also Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck, Kapitalakkumulation hat damit ihre Grenze auch in der Möglichkeit, neues Geld zu generieren. Denn was nützt die beste Produktion, das beste Produkt, wenn es keinen Käufer findet, der sich dann entweder seiner Ersparnisse entledigt, sein Einkommen verwendet oder sogar selbst Schulden macht, um die Produkte auch zu kaufen? Nichts, sogar reine Verschwendung von Geld und Ressourcen würde damit einhergehen, würde es nicht die ausreichende Nachfrage geben, die Bereitschaft, sich auch von privater Seite her zu verschulden.

Und hier kommt zum ersten Mal der Staat ins Spiel. Denn genau dafür wird er u. a. gebraucht. Ist die Bereitschaft der privaten Haushalte nicht gegeben, sich mehr zu verschulden, als sie schon verschuldet sind, sind die Möglichkeiten dazu sogar begrenzt, werden sie – was sie seit Jahren werden – ständig mehr eingeschränkt, so hätte diese Lücke der Staat zu füllen. Tut er es nicht, so wird Geld vernichtet, sind Investitionen unrentabel, wird desinvestiert oder, wie das deutsche Geschäftsmodell zeigt, muss das Ausland ran. Irgendwer muss die Verschuldung tragen, muss die Schuldnerlast tragen. Ohne geht es einfach nicht. Und seit Langem geht es Deutschland in der rein volkswirtschaftlichen Betrachtung auch deshalb so gut, weil die Bereitschaft des Auslandes so hoch war, die Lasten der Schulden zu tragen. Nur nimmt sie ab, auch deshalb, gerade in Europa, gerade in der EU, weil Deutschland als Gläubiger den Ton angibt und keinen guten Ton dabei gefunden hatte und hat, eher Misstöne produziert.

Kommt nun noch hinzu, dass der eigentliche prädestinierte Schuldner, die Unternehmen nämlich, ausfällt, der Staat quasi per Vertrag (Maastrich) gezwungen ist, die Lücke des fehlenden Schuldners nicht zu füllen, kommt das System an seine Grenzen, an Grenzen, die es sich selbst gezogen hatte, weil es die Gläubiger- und Schuldnerrollen eineindeutig meint zuordnen zu können, den Staat aus dem Spiel genommen hat. Wir haben seit Längerem das Phänomen, dass sich Unternehmen gar nicht mehr verschulden müssen, um ihren Aufgaben nachzukommen. Wir haben längst eine Geldakkumulation im Unternehmenssektor erreicht – die unsägliche Steuerpolitik im Lande und auf der Welt, der Trickle Down ist dafür verantwortlich -, die es dem Unternehmenssektor nicht allzu sinnvoll mehr macht zu investieren. Nicht einmal Ersatzinvestitionen werden in ausreichemden Maße vorgenommen. Es bringt halt nichts, noch mehr Geld in das Geschäftsmodell zu stecken, wenn es sowieso schon die Rendite abwirft, die man sich verspricht, wenn die Renditen sogar künstlich oben gehalten werden, Verluste sozialisiert werden können, Geschäftsmodelle direkt und indirekt subventioniert werden.

Was sind die Folgen?

Die wesentlichste Folge ist die Flucht in die Vermögenswerte. Gut zu sehen an den steigenden Mieten und Baukosten. Geld sucht eine Anlage, wenn es nicht zur Investition mehr von den Unternehmen, den Kapitalsammelstellen (Versicherungen, Banken, Fonds etc. pp.) in die Realwirtschaft genutzt werden kann. Man kauft sich ein, möglichst billig – der Staat hat genügend Allmende dafür bereitgestellt, wird sicherlich noch einiges bereitstellen können -, um dann über den Vermögenszuwachs die notwendigen Renditen zu erwirtschaften. Nur hier spielt im Grunde der Zins eine Rolle, eine grundsätzliche sogar. Ist der Zins doch für die Anleger der Orientierungspunkt, um die Verwendung des Geldes zu steuern. Zu mehr dient er nicht, zu mehr taugt er nicht.

Selbst negative Zinsen können hier steuern, auch den Geldzufluss. Denn letztendlich geht es nicht um das Geld, wenn man Zinsen betrachtet, sondern um Vermögen, die hier Basis des Denkens bilden. Es ist deshalb hier der Begriff der Vermögensinvestition unbedingt von der Realinvestition zu trennen. Vermögensinvestitionen sind in erster Linie auch auf den Erhalt des Vermögens gerichtet, und in Zeiten, in denen Vermögen gefährdet sind, sind oft auch Anlagen mit negativem Zins, aber hoher Sicherheit deshalb Anlagen mit positivem Zins vorzuziehen, wenn das Risiko zu groß erscheint. Zinsen drücken also das Risiko aus, auch das Verlustrisiko. Zinsen haben mit Rendite nur am peripheren Rand etwas zu tun, sind zur Steuerung der Gesellschaft also schon aus den benannten Zusammenhängen untauglich, und doch werden sie zunehmend als solches politisch, populistisch sogar, wie ich finde, ins Zentrum der Betrachtungen gestellt, auch um den Kapitalismus zu begreifen. Kann nur schiefgehen und geht auch schief, wie man unschwer eigentlich erkennen könnte, wenn man wollte, ein wenig tiefer in die Zusammenhänge eintauchen würde.

Flucht in die Vermögenswerte und Geld als Ware, welche Geldvermehrung ohne den Zwischenschritt der Produktion und Distribution möglich macht, sind damit wesentliche Ursachen des Scheiterns eines solchen rudimentären Denkens, welches Geld eben nicht in seiner vollen Breite und Tiefe zu betrachten weiß.

Wenn dieses Denken dann auch noch der demokratischen Kontrolle entzogen wird, wie wir es in Deutschland nach dem Kriege taten, oft falschen Narrativen geschuldet, mit eigentlich immer falschen Narrativen begründet, wie wir es mit den Verträgen in Europa getan haben – Maastrich, Lissabon II, etc. pp. -, in dem wir das Bundesbankdenken auf die EZB übertrugen – wir können Draghi dankbar sein, dass er nicht bereit war, sich in der Krise daran zu halten; wehe uns in der nächsten Krise, würde das deutsche Denken auch dort wirken können -, wenn also die demokratische Kontrolle fehlt, die Geldpolitik die demokratische Politik in den Staaten des Euros und seiner Peripherie sogar in enge Fesseln legen kann, die Schäubles des Systems den Ton angeben, quasi als Kerkermeister, ist ein Scheitern des Gesamtsystems unausweichlich und absehbar.

Wenn dann die Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse aufgelöst werden, weil Rezession auch Geldvernichtung mit sich bringt, dann gnade uns Gott, und mit uns meine ich die Schuldner. Die privaten Haushalte zuallererst, die, die verschuldet sind, aber auch die, die glauben, dass ihre kleine Gläubigerposition dann noch von großem Wert wäre – die allerdings lieber die niedrigen Zinsen beklagen, als sich wirklich kluge Gedanken zu machen, z. B. einmal über Zinseszinseffekte -, die damit das System im Grunde nur noch anheizen, ein schon drastisch überhitztes System. Die Parteien dafür wählen, die dieses System mit immer neuen liberalen Ansätzen auch noch anheizen wollen, gerade auch indem sie das Umlageverfahren in ein Kapitaldeckungsverfahren in den Sozialversicherungen umbauen wollen. Die damit dafür sorgen, dass ihre Klagen nur noch größer werden in Zukunft, ihr Verlust umso höher ausfallen wird …

Es kann schlimm werden, muss es aber nicht. Aber um es nicht allzu schlimm werden zu lassen, ist das Geldverständnis Voraussetzung, ist es wichtig, die Rollen wieder neu und ausgleichend zu verteilen, sind Vermögenspositionen abzubauen, insbesondere dort, wo sie aufgrund ihrer Macht längst zur Belastung geworden sind.

Aber alles Reden hilft nichts, solange nicht endlich wieder klar wird, dass man Geld nicht essen kann und Vermögen nichts wert sind, wenn man nichts zu essen hat. Das Geld dann nur zu Enttäuschungen, sogar zur gewalttätigen Entladung dieser Enttäuschungen führen kann. Im Grunde sind wir mittendrin in der Enttäuschung, wir adressieren sie nur meist falsch, wenn wir sie beobachten, und das auch, weil wir den Kapitalismus nicht als kulturabhängiges Wirtschaftssystem begreifen, meinen, mit Normen Kulturen nivellieren zu können. Aber das ist ein anderes, nicht minder interessantes Thema.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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