So wird das nichts

Es wird immer offensichtlicher, dass sich sehr viel ändern muss, wenn wir nicht auf eine totale Klimakatastrophe zusteuern wollen, die dann wohl auch das Ende der Menschheit bedeuten würde. Die Zeit wird immer knapper, die eh schon düsteren Prognosen der Wissenschaftler werden mitunter von der Realität überholt (s. beispielsweise hier), aber so richtig was passiert dann letztlich doch nicht, denn „Weiter so!“ scheint die politische Devise zu sein. Und das liegt nun nicht nur an den Politikern, sondern auch an vielen ganz normalen Menschen, die mir täglich so im realen und virtuellen Leben begegnen. Klar, da gibt es rechte Spinner, die ohnehin nicht daran glauben, dass der Klimawandel menschgemacht ist, aber eben auch viele, die eigentlich politisch ganz anders und eher links drauf sind – und sich dennoch als ziemliche Bremsen erweisen, was den Klimaschutz angeht.

Ich hab diese Leute mal in ein paar Kategorien einsortiert:

Die Auf-die-anderen-Zeiger

Generell ist diesen Menschen schon klar, dass sich einiges ändern muss. Aber bevor sie selbst was ändern, sollen doch bitte erst mal die anderen damit anfangen, und da lassen sich ja praktischerweise immer welche finden: Der SUV-Fahrer meint, dass man Kreuzfahrten verbieten sollte, der Kreuzfahrer hingegen findet die Vielfliegerei viel schlimmer, der Vielflieger sieht das Problem in erster Linie beim hohen Fleischkonsum und der Schnitzelliebhaber wirft ein, dass ja die fetten SUVs das größte Problem seien.

Und im Zweifelsfall, wenn man viel Fleisch isst und gerade mit dem SUV auf dem Weg zum Flughafen ist, damit man zum Startpunkt einer Kreuzfahrt geflogen wird, dann sollen eben erst mal die Chinesen oder die US-Amerikaner anfangen, die sind nämlich viel schlimmer als wir Deutschen.

Was auch immer gern erwähnt wird: Die Politik muss erst mal machen. Klar, bestimmte Sachen können nur politisch angegangen werden, aber dennoch hat jeder Einzelne auch Verantwortung für sein Tun, mal von der Vorbildfunktion und der eigenen Glaubwürdigkeit abgesehen. Und: Politiker werden letztlich ja auch von Einzelnen gewählt …

Mit dem Finger auf andere zu zeigen ist ja nun auch deutlich bequemer, als sich selbst zu ändern oder vielleicht sogar in seinem Konsum einzuschränken. Dass man hingegen am besten mit dem Kehren erst mal vor der eigenen Tür anfangen sollte, da man das nämlich auch am meisten beeinflussen kann, hören solche Leute dann eher nicht so gern.

Die Sozialbedächtigen

Klimaschutz ist ja gut und schön, aber das muss dann eben auch so hinhauen, dass es niemandem schlechter geht. Und das ist ja auch durchaus ein sinnvolles Ansinnen, denn nur so kann man die Akzeptanz von Klimaschutz auch bei den Menschen erhöhen.

Nun aber zum großen Aber: Auf diese Weise wird nicht nur verkannt, dass echt deutliche und massive Eingriffe in unsere bisherige Lebensweise stattfinden müssen, wenn wir irgendwie noch verhindern wollen, dass in ein paar Jahrzehnten menschliches Leben auf diesem Planeten noch möglich ist. Zum anderen wird dabei auch übersehen, dass diejenigen, die den Klimaschutz ausbremsen, meistens die Gleichen sind, die auch für soziale Verwerfungen verantwortlich sind. Und von beidem profitieren.

Insofern wird auf diese Weise eine Art Nebenkriegsschauplatz eröffnet, der vom eigentliche Kernthema ablenkt. Wenn man nämlich wirklich an die Hauptverursacher des Klimawandels ranwill, dann ergibt sich die soziale Komponenten quasi fast von selbst, da es ja dann darum gehen muss, diejenigen in die Verantwortung zu nehmen, die Natur und Mensch gleichsam hemmungslos für den eigenen Profit ausbeuten.

Wer also einwirft, dass Klimaschutz auch sozialverträglich sein muss, der sollte sich besser klarmachen, dass richtiger Klimaschutz automatisch sozialverträglich wäre, dass es hier um ein „und“ und nicht um eine „oder“ geht.

Die Alibisucher und Ablasskäufer

Es ist viel angenehmer, sich der Dinge zu vergewissern, die man richtig macht, als sich vor Augen zu halten, was man alles noch besser machen könnte. Das ist das Grundprinzip dieses Typs Mensch, der meistens auch sehr von sich überzeugt ist und deshalb gern zum Missionieren neigt.

Bei Veganern kennt das wohl jeder. Ich finde ja vegane Ernährung auch sehr sympathisch und esse selbst sehr wenig Fleisch, zudem versuche ich, tierische Produkte so oft wie möglich durch pflanzliche zu ersetzen. Was ich allerdings weniger sympathisch finde, sind Veganer, die aggressiv ihren Lebensstil vor sich hertragen und alle anderen abwerten. So was gibt es natürlich auch bei anderen Lebensstilen, allerdings fällt es mir bei Veganern zunehmend häufig auf (die echt lieben Veganer und Vegetarier, die ich kenne, mögen mir da hier jetzt mal verzeihen – Ihr seid damit nicht gemeint). So wirkt das Ganze dann für mich so ein bisschen, als wollte man sich auf diese Weise vergewissern, auch bestimmt das Richtige zu tun – und sich somit dann auch ein paar andere „Sünden“ erlauben zu können.

Denn eine Art Ablasshandel ist das m. E. in der Tat: Man fühlt sich gut und als Klimaschützer, wenn man kein Fleisch ist, sodass man dann auch ausblenden kann, dass die Avocado, die es jeden Morgen zum Frühstück gibt, um den halben Globus gekarrt werden muss. Genauso wie der Wein aus Südafrika. Und die eine oder andere Fernreise mit dem Flieger macht man ja auch ganz gern. Das Absurdeste, was ich diesbezüglich mal erlebt habe, war mal ein ausgesprochen aggressiv missionierender Vegetarier, der dann stolz postete auf Facebook, wie lecker doch der neue Veggie-Burger bei McDonald’s wäre …

Nicht falsch verstehen: Niemand ist perfekt, und das erwarte ich auch zumindest von niemandem. Nur ist es eben auch wichtig, den Klimawandel als eine multikausale Angelegenheit zu verstehen, und das machen meiner Erfahrung nach viele dieser Alibisucher nicht. Da wird sich dann versichert, dass es schon super sei, ein E-Auto zu fahren, keine Kreuzfahrten zu machen oder Secondhandklamotten zu kaufen, aber dann wird eben auch dabei stehen geblieben. Und um sich selbst zu vergewissern, ein guter Typ zu sein, wird eben das eigene Verhalten allen, die das nicht machen, aggressiv vor den Latz geknallt. Und das ist dann letztlich sogar kontraproduktiv, weil man damit dann andere Menschen von eigentlich sinnvollen Verhaltensweisen abschreckt.

Die Dogmatiker

Zum Thema Dogmatismus habe ich ja vor ein paar Jahren schon mal einen Artikel geschrieben und dort ausgeführt, dass diese Einstellung zur Inaktivität führt. Wer immer nur dann was machen will, wenn auch wirklich alles rundherum genau richtig ist und richtig gemacht wird, der macht letztlich gar nichts, weil diese Voraussetzung eben nie gegeben sein wird.

Dieser Typ Mensch ist so ziemlich das Gegenteil vom eben geschilderten Ablasskäufer, denn er fängt gar nicht erst an, in seinem eigenen Leben etwas zu verändern, weil ja andere Dinge eh nicht so laufen, dass das Sinn ergeben würde. „Was soll ich denn weniger fliegen, wenn andere Kreuzfahrten machen?“ „Was soll ich denn weniger Fleisch essen, wenn andere mit immer größeren Autos fahren?“ Und auch anderen wird das entsprechend vorgehalten: „Du fliegst nicht mehr in den Urlaub, weil das kacke fürs Klima ist? Aha … aber Du hast doch ein Auto!“

Also macht man dann einfach so weiter wie bisher – es nützt ja eh nichts, etwas zu verändern. Das ist natürlich aus vielerlei Hinsicht fatal, zumal ich auch den Eindruck habe, dass die meisten dieser Dogmatiker einfach nur viel zu bequem sind, um mal bei sich selbst anzufangen, und so dann zur Selbstlegitimation auf die Sinnlosigkeit des eigenen veränderten Tuns verweisen.

Die „Oberchecker“

Ein Obercheker weiß derbe Bescheid, und der würde nie etwas glauben, nur weil alle der Ansicht sind, dass es richtig ist.

Nun ist eine gewisse kritische Distanz zu Mainstram-Meinungen ja durchaus eine sinnvolle Eigenschaft, wenn das allerdings dazu führt, dass aus Prinzip auch wissenschaftliche Erkenntnisse, wie die zum Klimawandel, abgelehnt werden, weil sie eben von nahezu allen Wissenschaftlern geteilt werden, dann wird’s weniger sinnvoll. Dann steht man sich nämlich mit seinen eigenen Zweifeln selbst im Wege, weil man grundsätzlich nur das Abwegige für wahrscheinlich hält.

Das führt dann zu solchen schrägen Ansichten, dass der Klimawandel ja nur eine Inszenierung sei, da die Erneuerbare-Energien-Industrie so richtig viel Geld damit verdienen will. Der Oberchecker ist sich dessen ganz sicher – und die ganzen anderen Schafre kapieren es nur einfach nicht.

Dass die Konzerne, deren Geschäftsmodell auf dem Verbrennen fossiler Energieträger basiert, wesentlich mehr Geld machen und gemacht haben, kommt ihm dabei allerdings nicht in den Sinn – genauso wenig wie die Tatsache, dass er mit seiner Argumentation letztlich nur die PR dieser Konzerne weiterzuverbreiten hilft (s. dazu hier – leider nur als Bezahlartikel zu lesen, was sich aber sehr lohnt).

Die Systemkritiker

Systemkritik ist wichtig und wird ja auch von mir selbst oft genug geübt. Und mehr noch: Ich denke, dass wirklicher Klimaschutz in unserem derzeitigen marktradikalen System gar nicht möglich ist (dazu demnächst mehr in einem separaten Artikel).

Allerdings habe ich auch schon oft genug erlebt, dass Systemkritik vorgeschoben wird, um die eigene Untätigkeit rechtfertigen zu können. So nach dem Motto: „Erst muss sich das System ändern, denn vorher bringt es ja nichts, wenn ich mich ändere.“

Dass so eine Systemänderung nicht einfach so vom Himmel fällt, ist dabei natürlich durchaus intendiert, denn so kommt man dann ja auch nicht in Verlegenheit, selbst etwas an seinem eigenen klimaschädlichen Verhalten modifizieren zu müssen. Und wenn man darauf angesprochen wird, heißt es eben: „Das System, das System …!“

So was führt dann zu einer derartigen Verweigerung jeder Eigeninitiative, dass es solchen Menschen oft schon zu viel ist, überhaupt mal zur Wahl zu gehen. Denn damit würde man ja „das System“ unterstützen. Dass man mit Nichtwählen allerdings gerade die Teile des Systems unterstützt, die einem am wenigsten zusagen, leuchtet diesen Systemkritikern nicht so recht ein. Aber vermutlich ist es ihnen auch bequemer, am Wahlsonntag schön auf dem Sofa zu sitzen und sich in sozialen Medien über das Schweinesystem auszulassen, als selbst mal den Hintern hochzubekommen und zumindest einen Anflug von Aktivität an den Tag zu legen.

So wird das nichts …

Fast allen diesen Menschen ist gemeinsam, dass sie eigentlich einen richtigen Grundansatz verfolgen und auch nicht komplett unreflektiert durch die Welt gehen. Allerdings fehlt eben auch bei allen die Einsicht, dass sich wirklich viel ändern muss und dass jeder schon mal bei sich selbst anfangen sollte, damit überhaupt etwas vorangeht.

Ich habe den Eindruck, dass es da vor allem darum geht, irgendwie sein eigenes Verhalten, von dem man im Grunde schon weiß, dass es in vielerlei Aspekten falsch (im Sinne von: die Klimakatastrophe noch ein bisschen schneller herbeiführend) ist, vor sich selbst und anderen zu legitimieren.

Wie schon geschrieben: Niemand kann alles richtig machen, aber dann sollte man sich dessen zumindest mal bewusst werden. Das ist nämlich der erste Schritt dazu, sein Verhalten zu verändern. Mithilfe von oben geschilderten Verdrängungsmechanismen werden sonst nämlich auch Menschen, die schon eingesehen haben, dass unser klimaschädliches Gebaren so nicht weitergehen kann, zu Bremsen bei einem so dringen notwendigen Wandel.

Da dieser Wandel allerdings, wie ich hier vor einiger Zeit schon mal beschrieb, mit einigem Verzicht einhergehen würde, ist es für viele dann halt doch bequemer, sich diesen Erkenntnissen zu verschließen und darauf zu hoffen, dass spätere Generationen (wenn es diese denn noch geben wird) nicht ganz so hart mit ihnen ins Gericht gehen werden, da sie ja doch ein paar Punkte auf der Ich-hab-was-fürs-Klima-getan-Skala aufzuweisen haben.

Das dürfte allerdings nicht reichen …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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