E-Scooter – Wahnsinn mit Ansage?

Kann es sein, dass nicht der E-Scooter das eigentliche Problem ist, sondern der Verleih dieser Fahrzeuge, das Geschäft damit?

Sind dieses Geschäft und seine Folgen nicht sogar hinweisgebend, auf mehr sogar als nur diesen Missstand?

Kann es sein, dass dieses Sharing-Konzept zu größeren Problemen führt als die Probleme, die es zu lösen verspricht?

Kann es sein, dass hier geradezu auch eine Rechtfertigung des privaten Eigentums zu finden ist, des kleinen zumindest, für den eigenen Gebrauch?

Kann es nicht sogar sein, dass die Probleme mit dem E-Scooter gar keine neuen Probleme sind, diese durch das Geschäft mit dem Fahrradverleih in den Großstädten zumindest erahnbar gewesen wären?

Kann es deshalb auch sein, dass weder die Politik in Berlin noch die der Länder, auch nicht die der jetzt betroffenen Kommunen allzu überrascht sein dürfte von den nun offensichtlichen Problemen mit diesem E-Scooter?

Ich meine, dass man durchaus diese Fragen stellen muss. Mehr noch, vor der Genehmigung hätte man sie stellen sollen, weil man besser dann vielleicht auch gehandelt hätte. Noch wichtiger allerdings wäre, sich diese Fragen zu stellen, bevor man weiterhin unreflektiert auf ein ökonomisches Modell des Teilens setzt, es derart hypt wie derzeit, wie es auch von Ökonomen und Ökonominnen gehypt wird im Bereich der Energie- und Verkehrswende.

Dass das Sharing-Modell E-Scooter, schon das Sharing-Modell Fahrrad, Probleme verursacht, ist offensichtlich. Unfälle, Behinderungen des fließenden Verkehrs, Umweltprobleme und vieles mehr werden täglich in den Medien breitgetreten. Warnungen gab es genügend, aber die sind wieder einmal in den Wind geschlagen worden. Fußgänger, die die Lautlosigkeit und Geschwindigkeit beklagen, Autofahrer, die nun einem noch unübersichtlicheren Verkehr gegenüberstehen, noch dazu in Ballungsräumen, wo der Verkehr sowieso mehr steht als fährt, der Stresspegel höchste Höhen erreicht hat, waren die erwartbaren Folgen. Diese hätten bedacht werden müssen, bevor diese Entscheidung, die E-Scooter als Verkehrsmittel zuzulassen, getroffen worden war. Ja, das Schlimmste ist verhindert worden: Man hat den Strahlemann Scheuer ausgebremst, ein wenig zumindest. Dennoch sind die Folgen nach kurzer Zeit schon für viele Mitbürger eingetreten, meist für die, die selbst diese Dinger gar nicht nutzen. Die E-Scooter, wie vorher die Fahrräder, liegen rum an Stellen, wo sie oft gefährlich für die Menschen sein können, an Treppen, auf den Fußwegen, achtlos weggeworfen, nutzlos eben für den vorherigen Nutzer. „Nach mir die Sintflut.“ „Sollen sich andere darum kümmern. Ich habe ja schließlich für die Nutzung bezahlt.“ „Ich, ich, ich und nochmals ich.“

Wobei wir nun schon die erste Frage beantworten können. Es ist das Geschäft mit dem E-Scooter, welches die Probleme verursacht. Nicht das Geschäft an sich, sondern die Basis, auf der dieses Geschäft stattfindet, dem Gedanken des vernünftigen, rücksichtsvollen Individuums, welches jede technische Neuerung verantwortungsvoll zu nutzen wüsste. Die Naivität, an ein solches Individuum in der Mehrheit der Menschheit noch zu glauben, scheint ungebrochen, scheint nicht nur den Lindners vorbehalten zu sein.

Warum mache ich das Geschäftsmodell hauptverantwortlich? Niemand Vernünftiges käme auf die Idee, mit seinem Eigentum so umzugehen, wie es hier mit fremden Eigentum geschieht. Wen wundert es, wenn die durchschnittliche Haltbarkeit eines verliehenen E-Scooters nur etwa ein Vierteljahr beträgt? Mich nicht und die Verleiher auch nicht, denn die haben diese Ressourcenverschwendung schon mit eingepreist. Hätten sie es nicht, so wären sie schnell pleite. Mindestens sie sind nicht naiv im Glauben an die Kraft des allseits Guten im Menschen.

Auch die zweite Frage ist schnell beantwortet. Ja, dieses Sharing-Konzept führt zu größeren Problemen, als es sie lösen kann. Wobei ich nicht einmal sicher bin, dass das E-Scooter-Sharing überhaupt irgendwelche Probleme löst, eher glaube ich, dass es nur geeignet ist, diese zu schaffen. Wer leiht sich schon einen E-Scooter für die letzte Meile von Bus und Bahn zur Arbeitsstätte und zurück? Kaum jemand. Diese Mär ist doch von vornherein eine Mär gewesen. Es geht um Spaß, es geht um das Geschäft mit dem Spaß, wie so oft in unserer Gesellschaft.

Die Frage nach dem Eigentum, habe ich eigentlich schon beantwortet bei der Beantwortung der ersten Frage. Ja, das private Eigentum erfährt hier eine gewisse Rechtfertigung, weil es Verantwortung schafft und Einsicht in diese Verantwortung. Niemand wird sich ein teures Gut anschaffen, um es dann so achtlos zu behandeln, wie es hier behandelt wird. In gewissen Grenzen ergibt Eigentum also Sinn, ist es sinnvoller, als Eigentum anderer zu mieten oder zu pachten. Dann nämlich, wenn die notwendigen Einsichten fehlen, wenn die Möglichkeiten fehlen, diese Einsichten auch über Sanktionen herzustellen.

Nun zur Frage danach, was man hätte wissen können. Ja, man hätte es wissen können, im Bund, in den Ländern und in den Kommunen. Die nun hervorgezauberte Überraschung ist wohlfeil. Man hätte es sehen können, wenn man sich angeschaut hätte, welche großen Probleme schon der Fahrradverleih in den Großstädten verursacht, wie wenig wertschätzend das Eigentum der Verleiher von denen behandelt wird, die ausleihen. Nein, hier Überraschung nun zu vermelden, das ist Heuchelei.

Ob eine Sharing-Ökonomie also funktioniert, wenn Sharing Miete ist, wenn Sharing das Eigentum Dritter verwendet, wage ich immer mehr anzuzweifeln. Sharing braucht Regeln und Verantwortung und nicht reines geschäftliches Denken. Ich wage sogar zu behaupten, das die Ressourcenverschwendung noch zunehmen könnte, würde auf ein solches ökonomisches Sharing zukünftig gebaut werden. Es mag beim Auto noch funktionieren, aber beim E-Scooter und beim Fahrrad funktioniert es nicht.

Das Auto als teures Wirtschaftsgut zu sichern scheint im Interesse der Verleiher zu sein, weshalb ich durchaus annehme, dass ein Carsharing unter gewissen Bedingungen sinnvoll sein kann, aber nicht sein muss. Je niedriger allerdings die Anschaffungskosten sind, die Kosten der Wiederbeschaffung, desto höher allerdings die Kosten der Eigentumssicherung im Verhältnis zu den Wiederbeschaffungskosten, umso eher die Idee, die Verluste hinzunehmen, einzupreisen. Insofern führt diese Sharing-Ökonomie auf den direkten Weg in die Wegwerfgesellschaft. Ein klimapolitischer, ökonomischer Fauxpas erster Ordnung, den sich die Politik, die Verkehrspolitiker hier wieder geleistet haben. Klimapolitisch, weil die Ziele damit konterkariert werden. Ökonomisch, weil wir als Gesellschaft wieder auf den Kosten hängen bleiben, die der Individualismus, dieses Ich zuerst, hier verursachen.

Neu denken, anders denken, besser denken, auch hier wieder als Forderung von mir aufgestellt. Weniger Markt und mehr Vernunft ist endlich auch von den Politikern zu fordern, die auch diesen Irrsinn in Städten hätten leicht verhindern können, hätten sie sich die Mühe des Denkens im Vorfeld schon gemacht und nicht wieder erst im Nachhinein.

Fazit: Der E-Scooter als Sharing-Modell ist Ausdruck des politischen Versagens von Berlin bis hinunter in die Kommunen. Eines wiederholten Versagens, wie die Probleme beim Fahrrad-Sharing zeigen. Ein zwangsläufiges Versagen, eben weil nur dem Angebot im Denken Rechnung getragen wird, die Nachfrage als Masse, die sich dem Angebot anzupassen hätte, betrachtet wird und damit die Gesellschaft als Ganzes ignoriert wird. Zwangsläufig und wiederholend, einer neoliberalen Denkweise in Politik und Verwaltungen geschuldet, die dem Angebot und dem Anbieter alle Vorrechte einzuräumen geneigt ist.

Das Fragezeichen in der Überschrift ist damit auch obsolet, kann gedanklich gestrichen werden. Mehr noch, muss ich immer mehr an Shakespeare denken dieser Tage: „Das ist die Seuche unserer Zeit: Verrückte führen Blinde.“ (König Lear)

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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