Hipster und mangelndes Selbstwertgefühl als Zielgruppe

Die Welt steht vor großen Herausforderungen, denn der Klimawandel kommt, ob wir das nun wahrhaben wollen oder eben nicht. Er kommt schleichend, viele von uns werden das Ausmaß zu Lebzeiten nur teilweise mitbekommen und können sich deshalb in eine egoistische Haltung fallen lassen: Mir doch egal, mir geht es ja gut. Viele der Dinge, die für uns zivilisatorisch nötig waren, sind heute ein Teil des Problems (PKWs, Flugreisen, Beton & Bau, industrielle Fertigung …). Andere waren schon immer reine Verschwendung und Augenwischerei für Leute, die sich darüber definieren: Marketing.

Ich las es einmal auf einer der beliebten Edgar Freecards: „Wir kaufen keine Produkte, wir kaufen bessere Versionen von uns selbst.“ Das ist es im Kern, was ich auch erlebe: Wenn ich mein Äußeres durch modische Kleidung, Tattoos & Piercings, auffällige Frisuren & Bärte, Brillen und sonstige Accessoires (von Mobiltelefonen über Modeschmuck bis zu fetten Autos) aufwerte, dann deshalb, weil ich mich eben damit als wertvoller (männlicher/weiblicher) fühle. Ich lasse natürlich an dieser Stelle auch das „Aufpumpen“ und „Aufspritzen“ als Selbstoptimierung nicht außen vor. Es ist gerade für den scheinbar sensibilisierten Charakter schwer zu akzeptieren (ich habe auch ein Nasenpiercing und werte mich damit seit fast 30 Jahren in meiner Selbstwahrnehmung auf), und ich habe es bisher noch nicht versucht, einen fremden aufgepumpten, am Hals tätowierten „Macker“ mit imposantem Vollbart in seinem SUV sitzend auf seine vorgespielte oder überzeichnete Männlichkeit anzusprechen. („Hey, warum machst du eigentlich so einen auf Macker? Fehlt es dir an Eiern in der Hose oder ist eine problematische Kindheit das Problem?“)

Aus meiner (bewusst auch provokativen) Sicht könnte man also Werbung im weitesten Sinne komplett abschaffen und damit der Welt einen großen Gefallen in Sachen unnötigem Konsum und falschen Wertvorstellungen ersparen. Sobald man Charakterstärke und Selbstwert in einer Gemeinschaft lernt und lebt, bleibt von der Selbstvermarktung nichts mehr übrig, und wir können die (un-)sozialen Medien ohne permanente Selbstdarstellung zur Kommunikation nutzen und die Produkte zur Aufwertung des Ichs als das wahrnehmen, was sie sind: Schein und Trug.

Um das Bild noch etwas zu komplettieren, hier noch ein paar aktuelle Beispiele, wo die Hipster (Menschen, die sich mit Produkten und Trends versuchen aufzuwerten) aufspringen und damit für mich kaum mehr oder weniger als dankbare Abnehmer für unnötige Produkte von unnützen Marketingstrategen sind:

  • Mit der E-Mobilität kommt der Selbstdarsteller von Heute mit E-Rollern oder E-SmartCar von A nach B, da kann man sich sogar selbst darstellen, während man von A nach B muss (wen interessiert schon, dass bei der Gewinnung der Ressourcen, dem nächtlichen Umparken mit Dieselfahrzeugen oder durch ordinäre Verkehrsunfälle die Welt unter dem Konsum leidet?).
  • Aktuelle Smartphones mit so coolen Features, von denen man vorher nicht einmal erahnt hat, dass man sie ja unbedingt brauchen würde (natürlich um sich und seine Coolness damit darstellen zu können, nicht um diese Features sinnvoll zu nutzen).
  • Mit aktuellen Ernährungstrends wie Smoothies, Bubble Tea, Irgendwas-To-go, Himalaya-Salz, Quinoa & Chia oder Healthy-/Power- & Superfood werden Tonnen Verpackung generiert und Lebensmittel um die halbe Welt gekarrt, die es hier in ähnlicher Form oder mit gleicher Wirkung lange aus regionalem Anbau gibt.
  • Besonders verrückt sind die Alt-Hipster (z. B. in der Esoterikerszene oder die ewiggestrigen Harley-Hipster), die dann so stupide Ideen wie vegane Kreuzfahrt machen. Um die halbe Welt fliegen und dann mit einer Dreckschleuder über die Ostsee, mit Handtüchern und Kosmetik aus biologischem Anbau. Greenwashing in Reinkultur.
  • Als Mode- und Trendopfer darf natürlich auch ein (Un-)Social-Media-Auftritt nicht fehlen! Dort kann man dann sein neues und verbessertes Ich präsentieren, um sich auch selbst zu beweisen, was man nicht alles erreichen kann, wenn man nur fest dran glaubt und andere einem sogar noch einen Daumen hoch spendieren! Das sind wahre Freundschaften.

 

Und nun?

Ja, nichts und nun! Die Kindheit ist vorbei, und fehlendes Selbstwertgefühl kann man auch nicht online über das neueste Smartphone kaufen, auch wenn es Marketingfachmänner und -frauen auf der ganzen Welt täglich versuchen so zu verkaufen und dabei auch viele gläubige Abnehmerinnen und Abnehmer dafür finden. Leider. Und Kritik hat bei weniger gefestigten Charakteren kaum eine Chance, auf fruchtbaren Boden zu fallen, da sie schon im Keim abgeschmettert wird, um das zarte Ich zu schützen. Da auch keine radikale Wende im Umgang mit Ressourcen zu erwarten ist und die Markthörigkeit in den oberen Etagen der Konzerne, Investoren und der Politik weiterhin auf Wachstum und Egoismus setzt, wird es genauso weitergehen wie bisher.

Für den unwilligen Konsumenten hier noch ein paar Worte, an denen er Produkte erkennt, die ziemlich sicher weder nachhaltig oder nötig sind: in, hip, Must-have, cool, jetzt neu, to-go, verbessert, Premium, de luxe, endlos, grenzenlos, brand, Work-Life-Balance, ich liebe es, just do it, genau für mich, meins, nur für kurze Zeit.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

One thought to “Hipster und mangelndes Selbstwertgefühl als Zielgruppe”

  1. Genauso ist es. Wir leben in einer Scheinwelt des Konsums. Wir streben nach dem Ideal, welches uns täglich vom Marketing vorgegeben wird, welches immer mal wieder variiert wird (Mode), dienen damit einem neuen Göttlichen, sind eben nicht von der Aufklärung befreit worden, nur in neue Abhängigkeiten geführt worden.

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