Buchempfehlung

Wer wirklich den Rechtsruck, das Erstarken der AfD, Trump, Erdogan, Orban, Johnson und wie sie nicht alle heißen, verstehen will, wer die Verwerfungen dieser Gesellschaft nicht nur verstehen, sondern auch heilen will, kommt um Karl Polanyi nicht herum. Sein Buch

„The Great Transformation: Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)“
ISBN-13: 978-3518278604

ist ein Schlüssel zum Verständnis und damit auch zu den Lösungen, die gefunden werden müssen.

Wenn man, wie ich, den Kapitalismus nicht als System begreift, welches intellektuell erarbeitet worden ist – wie beispielsweise der Sozialismus, der Faschismus oder der Marktradikalismus eines Ludwig von Mises oder eine mehr oder weniger marktkonforme Gesellschaft á la Hayek -, sondern als ein kulturelles, intellektuell maximal bearbeitetes System, dann braucht man Polanyi wohl nicht, um zu erkennen, warum es gerade abwärts geht, warum die Gesellschaft sich derzeit selbst zerstört, eben weil eine Marktgesellschaft diese Zerstörung als Keim in sich trägt, Marktgesellschaft und Demokratie nicht gemeinsam zu denken sind. Für tiefere Erkenntnisse allerdings ist die Lektüre unverzichtbar, seine Sicht auf Wirtschaft und Gesellschaft, eine zusammenführende und nicht trennende, wie die derzeitige. Für alle anderen, für die Ideologen des Marktes, wie für die, die Auswege suchen, diese in ihren Ideologien meinen gefunden zu haben, empfehle ich Polanyi zu lesen.

Ein Wirtschaftshistoriker, der leider in meinen Studienzeiten keine Rolle spielte, den ich erst sehr spät entdeckte, der nicht einmal – ich habe meine umfangreiche Bibliothek durchforstet – in den Lehrbüchern zur Ökonomie im Personen, geschweige denn Sachregister Erwähnung findet. Auf der Welt hoch anerkannt, als Jahrhundertwerk sogar bezeichnet, findet er in Deutschland leider kaum Beachtung, was mir die Ratlosigkeit auch erklärt, die hier in Politik und Gesellschaft vorherrscht.

Mir war, vor Polanyi klar, dass es immer zu einer Bewegung eine Gegenbewegung gibt, aber seit Polanyi sehe ich dies als bewiesen an, sehe ich in ihm den Denker des 20. Jahrhunderts, der Gesellschaft und Ökonomie wieder zusammenführen helfen kann, die Irrtümer eines erneuten Marxistischen Versuches oder gar eines neuen Faschismus verhindern könnte und dennoch die Marktgesellschaft beenden könnte. Denn darum muss es gehen oder wie Polanyi sagt „das Wirtschaft in Gesellschaft und Natur (wieder) eingebettet ist“, der Ökonomismus ein Ende findet.

Ich empfehle nicht oft Bücher, aber dieses empfehle ich ausdrücklich, denn in diesem Buch sind die Schlüssel zu finden, nicht die Lösungen, die aber dann die Türen zu den Lösungen aufschließen könnten. Marx und Keynes werden damit nicht unbedeutend, im Gegenteil, ihre Antworten würden dann auch wieder zentraler werden können, gerade deshalb in der Politik wieder Beachtung finden. Polanyi hat mir weder Marx noch Keynes genommen, er hat mir gegeben und zwar mehr als ich vor der Lektüre des Buches erwartet hatte, viel mehr sogar.

Mein Fazit: Debatten ohne Polanyi zu führen, ist sinnlos. Erst Polanyi öffnet den Horizont weit genug, der ideologisch derzeit im Nebel liegt.

print

Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

Schreibe einen Kommentar