Die Herrschaft des Niemands unserer Tage

Die Marktwirtschaft ist die aktuelle Form der Herrschaft des Niemands unserer Tage, wie Hannah Arendt sie eigentlich für den Totalitarismus nachgewiesen hatte. Der Preis beherrscht das Geschehen, und niemand ist direkt verantwortlich dafür, weil der Preis sich bildet, aber nicht mehr ausreichend gesellschaftlich sich rechtfertigen muss. Reine Preisbildungsmechanismen haben die Deutungshoheit gewonnen, an denen sich der Legalismus unserer Zeit zu orientieren hat. Der anonyme Preis ist das Mittel, der Zweck und gleichzeitig der Verantwortliche. Er ist der Niemand, der uns heute beherrscht, die vielen anderen Niemanden für sich „arbeiten“ lässt, um seine Macht zu behaupten.

Der Niemand in den Büro-Kratien ist deshalb wieder einmal der eigentliche Herrscher, der sich dadurch hinter den Preisen verstecken kann, keine Verantwortung mehr zu tragen hat. Hannah Arendt ist deshalb in ihrer Analyse und Aktualität ebenso zu bedenken wie in ihren Warnungen.

Der Niemand herrscht auch in der Politik, seitdem die Politik sich an den Preisen orientiert und den vermeintlich wissenschaftlichen Notwendigkeiten, die sich aus den Preisen meist ergeben, allerdings nicht aus den eigentlichen Notwendigkeiten heraus. Pflegenotstand, Verkehrsnotstand, alle Notstände sind nur die direkte Folge davon. Sie sind entsprechend der Preisbildung entstanden, nur deren Mechanismen geschuldet. Der Lobbyismus wäre ohne den Niemand machtlos, ist aber der falsche Adressat, wenn es um die Herrschaftsfrage geht. Der Lobbyismus ist auch diesen Mechanismen geschuldet, dem Anspruch alles, aber auch alles über den Preis regeln zu wollen, wie es der Anspruch der Marktwirtschaft letztendlich immer ist, will sie wirklich sich entfalten. Karl Polanyi – ich verwiess letztens hier auf sein epochales Buch – hat deshalb recht, wenn er behauptet „die Marktwirtschaft braucht eine Marktgesellschaft“, und in einer solchen Marktgesellschaft leben wir längst. Der Preis und nur der Preis ist heiß, die Büro-Kratie, die vielen Niemands sind damit die eigentlichen Machthaber geworden, die sich nur an einem zu orientieren haben, an den Gesetzen, die der Preis immer mehr bestimmt, seit wir uns den Märkten und ihren Anforderungen unterworfen haben.

Die Marktwirtschaft mit ihren inhärenten Ansprüchen, die Gesellschaft indirekt über die Preise zu lenken, ist deshalb für mich nichts anderes als eine zwangsläufig erneuerte Form der Herrschaft des Niemands, und man kann nur hoffen, dass sie nicht am Ende auch wieder zur Banalität des Bösen führen wird. Wobei erste Anzeichen dazu meine ich schon erkennen zu können.

Die Sanktionen in den Jobcentern beispielsweise, die Herrschaft des Niemands im Büro der Jobcenter über den Betroffenen einschließlich seiner direkten Angehörigen, auch der Kinder, die sogar so weit gehen darf, dass der Betroffene seines Lebensunterhaltes (Wohnung, Kleidung, Nahrung, Heizung etc. pp.) beraubt werden darf, ist für mich schon seit Langem Ausdruck der Herrschaft der Niemands. Hauptsache legal, ist das Credo des Niemands, und wenige der Niemands dort sind bereit, mehr zu denken und zu tun, als diesem Credo zu folgen. Sie herrschen und erfüllen den Herrschaftsanspruch des Preises und damit des Marktes gleichzeitig.

Sie tun das gerade auch deshalb, weil einige Wissenschaftler und die meisten Politiker diese Sanktionen immer noch für notwendig halten, sie verteidigen, als alternativlos behaupten, damit legal halten, um über einen „Arbeitsmarkt“ – schon der Begriff erfüllt mich mit Abscheu, sind es doch Menschen und ihre Schicksale, die hier gehandelt werden – die menschliche Arbeitskraft auch vermarkten zu können. Sie alle und ihre Vorgaben sind für mich lange schon Anzeichen dafür, dass die Banalität des Bösen nicht erst den Totalitarismus braucht, um wieder Wirklichkeit zu werden. Die Banalität des Bösen wächst und gedeiht seit Langem, ist immer noch im Wachsen begriffen!

Druckansicht

Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

Schreibe einen Kommentar