Die Rente – eine unendliche Geschichte

Ganz aktuell fordert Altmaier, seines Zeichens Bundeswirtschaftsminister, dass die Renten nicht steigen dürfen in Zukunft, vor Kurzem erst forderte er, eine Sozialstaatsquote analog zur Schuldenquote ins Grundgesetz zu schreiben. Der BDI fordert, das Renteneintrittsalter zu erhöhen, die Bundesbank erneuerte diese Forderung erst dieser Tage. Man streitet sich noch, ob nun 69 oder 71 für die Regelaltersrente gelten sollte, aber man ist sich einig, dass dieser Reichtum, der unzweifelhaft in diesem Land herrscht, nicht allen zur Verfügung gestellt werden soll. Es geht um Kürzungen und nichts anderes. Der Wirtschaftsstandort Deutschland wäre ansonsten nicht zu erhalten, hört man fast täglich tönen, es sei denn, wir, die wir von unserer Hände und Köpfe Arbeit leben, schnallen den Gürtel im Alter enger, schnallen ihn heute schon enger, denn auf Konsum sollen wir ja auch verzichten, über Sparen nämlich, weil der Staat, die Gesellschaft sich angeblich die Alten in Zukunft nicht mehr leisten könne. Eine unsägliche Debatte, nicht neu, aber scheinbar endlos. Eine Debatte, die der Marktwirtschaft geschuldet ist, dem Denken in dieser Wirtschaftsform auch in gesellschaftlichen Fragen. Eine Debatte, die vor Unkenntnis und Inkompetenz nur so strotzt, die von Fahrlässigkeit getrieben ist.

Marktwirtschaft bedeutet, dass nur das von Wert ist, was auch einen Preis hat, und einen Preis hat nur das, was auch gehandelt werden kann. Die Freiheit des Menschen ist ihr dabei egal. Altmaier, der BDI, die Bundesbank, Lindner und Co. oder wer auch immer gerade von einem zu großen Sozialstaat quatscht, quatscht deshalb auch davon, die Freiheit zu beschränken, nicht sie zu erhöhen.

Solange die Marktwirtschaft in ihrer Gänze weder in der Gesellschaft noch in der Politik – vor allem Linke und Progressive wären hier gefordert – verstanden wird, wird die Marktwirtschaft das tun, was sie seit Langem tut: Sie wird die Lebensbedingungen der Menschen über Preise so gestalten, dass die Ressourcen möglichst billig gehalten werden können, die Schäden dadurch ignoriert werden können, und wo sie nicht mehr ignoriert werden können, werden sie sublimiert, entweder durch Ersatzbefriedigungen oder, wenn das nicht mehr ausreicht, durch innere und/oder äußere Feindbilder. Hilfreich dazu sind auch immer noch die vielen Möglichkeiten zur Triebbefriedigung, auch dann, wenn sie der Gesellschaft und der Natur großen Schaden zufügen. Der Rest wird weiterhin verdrängt werden.

Neurosen, Psychosen werden immer sichtbarer werden in der Gesellschaft

Währenddessen wird es zu immer mehr Neurosen kommen, welche die Gesellschaft längst schon ausgebildet hat, denn Verdrängung hat Neurosen und Psychosen zur Folge. 5,3 Millionen an Depressionen hier erkrankte Menschen, Tendenz steigend, sind schon lange mehr als nur ein Alarmzeichen. Mehr noch, immer mehr Psychosen werden entstehen, und die, die schon da sind, werden immer bedeutender werden. AfD und Rechtsterror, aber auch die Behauptung von Wohlstand im Lande trotz Tafeln, trotz Zwang bis hin zu Sanktionen in Jobcentern, trotz Pflegenotstand und vieler anderer Notstände hier haben längst einen psychotischen Charakter angenommen, sind als gesellschaftliche Psychosen zu erkennen.

Diese Neurosen, vor allem aber diese Psychosen sind es letztendlich, welche verhindern, weiterhin verhindern werden, dass die Marktwirtschaft in ihren Wirkungen noch rechtzeitig eingeschränkt werden kann. Denn abschaffen müssen wir sie nicht, aber einschränken, einhegen, das wäre lange schon angesagt. Getan wird das Gegenteil. Weshalb wir erneut auf dem Weg in eine gewaltige Krise sind, eine erneute Krise, eine diesmal vielleicht sogar viel größere Krise als die, welche die Marktwirtschaft hier schon einmal verursacht hatte, die dann mit dem Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichte. Polanyis Analyse und Warnungen sind hier immer noch aktuell, aktueller denn je.

Ich weiß, das klingt recht negativ und ist es auch, und wer es nicht lesen mag, der sollte es auch nicht tun, und wenn er es dennoch tat, schnell wieder vergessen, verdrängen oder sublimieren. Aber wer wirklich meint, der Realität nicht ins Gesicht schauen zu wollen, sollte sich dann auch überlegen, zu welcher Gruppe er gehört. Zu den Verdrängern, zu den Sublimierern, denn zu den Realisten gehört er nicht.

Die Freiheit der Menschen wird immer mehr eingeschränkt werden, zu Markte getragen werden

Zu denen, welche die Freiheit als höchstes Gut betrachten, übrigens auch nicht. Denn die größte Freiheit, die man den Menschen hier schenken könnte, wäre die Freiheit, nicht mehr sparen zu müssen, weil sie nicht sparen müssen, um in Zukunft noch überleben zu können. Die Marktwirtschaft verlangt das Gegenteil von dieser Freiheit, verlangt von denen, die noch sparen können, das Sparen, als Zwang allein, weil sie selbst nicht dafür Sorge tragen will, den Sozialstaat als unnütze Ressource ansieht, ja, nicht einmal mehr begreift, dass er auch eine wirtschaftliche Ressource ist. Er hat eben keinen Preis, ist nicht handelbar und damit wertlos für die Marktwirtschaft und die, die sie vertreten, und nur sie allein, wie Altmaier, der BDI, neuerdings die Bundesbank und seit Langem schon die FDP unter diesem verkappten Fotomodell Lindner.

Die einzige Freiheit, die wirklich wichtig wäre, weil sie die anderen Freiheiten nämlich erst ermöglicht, die nämlich, die Sicherheit von heute auch im Morgen garantieren zu können, ist hier zu suchen, im Sozialstaat, in der Fürsorge der Gesellschaft für das Individuum. Wer diese Freiheit nicht anstrebt, strebt gar keine Freiheit an, strebt Zwang an, den Zwang nämlich, der daraus entsteht, dass die Sicherheit des Heute im Morgen nicht mehr garantiert wird.

Weniger Sicherheit ist hier, im Sozialen, nämlich der Freiheit wahrer Feind, und weil es der Marktwirtschaft nicht dienlich ist, genau diese Sicherheit herzustellen, sie die Unsicherheit geradezu braucht, um die Ressourcen möglichst billig zu halten, ist sie der Feind der Freiheit, ein Feind, den man nicht zu stark werden lassen darf, dem man deshalb die Flügel zu stutzen hätte, wollte man mehr als nur die Freiheit der Gewinner auf den Märkten erhalten, sondern auch die Freiheit aller anderen gewährleisten wollen. Abschaffen geht nämlich nicht, denn (noch) ist sie die Blaupause der Globalisierung, und der können wir uns nicht entziehen. Aber ihre Ansprüche an uns könnten wir in Grenzen halten, ihre Folgen abmildern. Nur eben nicht mit den inkompetenten und fahrlässigen Menschen, die derzeit hier den Ton angeben, wie Altmaier, wie Lindner, wie der BDI, wie die Bundesbank. Die werden die Freiheit uns rauben, nicht erhalten und schon gar nicht erhöhen können.

Freiheit für alle ist in der Marktwirtschaft nicht zu gewährleisten, wenn die Marktwirtschaft weiterhin über allem und allen steht, wir uns nur ihr entsprechend verhalten müssen, wenn wir sie als alternativlos weiterhin betrachten, mit dem Attribut „sozial“ sogar noch verharmlosen, wie wir es seit 1949 zu Unrecht tun. Die Rente wird deshalb so lange auch eine unendliche Geschichte bleiben, bis es sie gar nicht mehr gibt, sie der Marktwirtschaft ganz zum Opfer gefallen sein wird und damit auch die Freiheit der vielen.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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