Narren und Narranesen

So wie die Flüchtlinge 2015 auf den Hartz-Staat getroffen sind und die vielen Mahner ungehört blieben, auch dann, wenn sie nur forderten, dass man jetzt hier das Hartz-System entschärfen müsste, um das Ausspielen von Arm gegen ganz Arm zu verhindern, weil Moral mal wieder vor Verstand ging, es dann doch unterließ und dann eintraf, was nicht hätte eintreffen müssen, nicht hätte eintreffen dürfen, so werden die vielen Tausend Schwersterkrankten, welche monatlich zu erwarten sind, auf ein völlig überfordertes System treffen, und hinterher will natürlich wieder niemand dafür dann die Verantwortung tragen.

Die Situation und was zu befürchten ist

Als Arzt und Wissenschaftler habe ich keinerlei Zweifel daran, dass die jetzige Situation eine beispiellose globale Bedrohung ist, die eine beispiellose Reaktion erfordert.

JEREMY FARRAR, Epidemie-Experte, in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel

und weiter

Wir müssen davon ausgehen, dass diese Coronavirus-Epidemie verheerend sein kann. Wir müssen alles in unserer Macht stehende versuchen, um sie weniger verheerend zu machen. Dafür brauchen wir vor allem eines: größere, schnellere, einheitlichere und entschlossenere multilaterale Anstrengungen. Und wir müssen dabei sicherstellen, dass kein Land im Stich gelassen wird.

JEREMY FARRAR, Epidemie-Experte, ebenda

Im worst case – und den gibt es immer zu bedenken, wenn man sich auf dem Weg in die Krise hinein befindet; der best case führt hier gefährlich in die Irre – müssen wir mit 56 Millionen Infizierten rechnen bei einer inländischen Bevölkerung von 80 Millionen. Dies sind keine Zahlen, welche einfach so aus der Luft gegriffen sind, sondern sie basieren auf den Aussagen des Virologen Drosten von der Charité – mehrfach geäußert und niedergeschrieben, u. a. hier. Die Toten sind bedauernswert, aber gar nicht der springende Punkt, weshalb ich die hier mal außer Acht lasse. Die Schwersterkrankten sind relevant. Denn im Unterschied zur Grippe müssen die meist stationär behandelt werden, brauchen Beatmungsgeräte und Betten sowie Ärzte und Pfleger.

Im Falle, dass der Virus zwei Jahre braucht, um die 70 % Infizierten zu erreichen, bedeutet dies, dass wir mit bis zu 15 %, sprich 350.000, Schwersterkrankten zu rechnen haben werden (wieder Aussage von Herrn Drosten und man bedenke: worst case), und das monatlich immer wieder aufs Neue. Mit jedem Monat, den wir verlieren, wird die Zahl größer. Sollten wir nur noch ein Jahr zur Verfügung haben, so sind es im worst case 700.000 Schwersterkrankte pro Monat. Es liegt also an uns, ob ein oder zwei Jahre Zeit zur Verfügung steht.

Nun mag es nicht zum worst case kommen, so oder so ist aber jetzt schon klar, dass wir auf eine bedeutende Krise zuschlittern werden. Wie schnell wir dann auch in die Überforderung schlittern könnten, zeigt heute schon der Kreis Heinsberg, das bisher einzige „Notstandsgebiet“ der Republik.

Ach ja, Panikmache, ich vergaß, mehr ist das alles ja nicht

Es wird schon nicht so schlimm werden. Mag sein, dass es nicht so schlimm kommen wird und dass ich hier zur Panik beitrage, wenn auch unbeabsichtigt und auch nur deshalb, weil meine jahrelangen Warnungen vor der Überhitzung der sozialen Infrastruktur von fast allen Verantwortlichen, die ich darauf hinwies in den letzten Jahren, in den Wind geschlagen worden sind, die es immer besser wussten als ich und die es vielleicht auch diesmal wieder besser wissen werden. Vielleicht, aber sicher können auch sie nicht mehr sein.

Beim letzten Mal, als sie sich irrten, als sie unvorbereitet waren und ins Chaos zu rutschen drohten, als die Flüchtlinge auf den Hartz-Staat trafen, die Armen vor Ort sich durch die Flüchtlinge schnell bedroht sahen in ihrer eigenen Existenz, konnte ich noch helfen, wie viele andere auch, die sich bemüht haben, die Lücken zu füllen, die man gerissen hatte. Nur diesmal kann ich nicht helfen wie bei den Flüchtlingen. Diesmal gehöre ich selbst zur Risikogruppe und bin froh, wenn ich es schaffe, zu den 30 % am Ende zu gehören. Denn wenn ich mich infiziere, so kann ich fast sicher davon ausgehen, dass es nicht bei einer einfachen Erkältung bei mir bleibt.

Ach, schon wieder vergaß ich, Einzelschicksal und Angst darf man ja auch nicht mehr haben in diesem Lande, nicht um sich und schon gar nicht um die älteren Angehörigen, und wenn man sie doch hat, dann ist man eben der Panische, der Narr, über den man sich lustig machen kann, sich erheben darf. Hoffen wir, dass nicht so mancher und so manche hier auch am Ende sich als Narr oder Närrin erweist, sich selbst als Narr oder Närrin erkennen muss.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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