Wer das Was dem Wie vorzieht

Mit dem Finger sind wir Menschen gerne schneller als mit dem Kopf. Und oft geht es dabei um einen scheinbar angeborenen Reflex, Mitschuld und Mitverantwortung von sich zu weisen. Dabei geht es oft eben nicht um das Wie, sondern nur um das plakative und oberflächliche Was. So zeigen die Vegetarier auf die Fleischesser, die Familienwagenbesitzer auf SUV-Fahrer und die Ressourcenverschwender auf Familien mit Kindern, das Wie spielt dabei kaum eine Rolle.

Dabei sollte es doch häufiger eher um das Wie gehen, wenn wir Dinge tun. Doch verurteilen ist immer einfach, denn differenzieren verlangt, zu überlegen und abzuwägen, sich Gedanken zu machen und auch das eigene Wie zu hinterfragen. Kaufe ich mein gelegentlich konsumiertes Fleisch beim örtlichen Bauern, der ökologische Landwirtschaft betreibt und den Tieren ein würdiges Leben erlaubt, dann handle ich überlegter und ökologischer als der McDoof konsumierende Veggieburgerkonsument, der auch vor Salz aus dem Himalaya nicht zurückschreckt und denkt, seine Bio-Ananas, Bio-Avocado und Bio-Weine aus Australien seinen Teil seines (teilweise vorgetäuschten) Ökoaktivismus.

Wenn man die reine Ökobilanz von Kindern nimmt (die eben ihr Leben lang Ressourcen verbrauchen werden), dann sind Eltern mit die schlimmsten Verursacher von CO2 und verbrauchen auf Jahrzehnte übermäßig viele Ressourcen. Sobald ich aber eine nachhaltige Erziehung betreibe, können Kinder, ohne den Konsumwahn der heutigen Gesellschaft nachzuäffen, einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit liefern, die Welt (und die unsozialen Medien) ein Stück sozialer machen und den (nicht so egoistischen) Fortbestand der Menschheit sichern.

Oder nehmen wir das Internet: Ich kann den ganzen Tag lustige Katzen- und Fremdschämvideos schauen und teilen, meinen Hass und meine Angst auf und vor den Menschen in die Welt rotzen und den Rest der Zeit ein Held in einer virtuellen Welt sein, um mein ansonsten (leider allzu oft) unausgeprägtes und wenig entwickeltes Selbstbild zu stärken, auch hier macht das Maß die Dosis. Oder ich versuche, mit einem konstruktiven Blog einen Beitrag zur gesellschaftlichen Gestaltung zu leisten und Menschen in den unsozialen Medien zu verknüpfen und zu einen, anstatt diese zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen.

Einmal mehr möchte ich also die Kultur der Selbstreflexion anheizen, dazu auffordern sich als Erstes mal Gedanken über das eigene Handeln zu machen, bevor ich auf ein vermeintlich schlechteres Beispiel als mich selbst verweise (wie ich es gerade tue, danke für den Kommentar, Tina). Meiner Erfahrung nach ist das Vorleben positiver Verhaltensweisen auch meistens befruchtender meinen Mitmenschen gegenüber, als das anprangernde Zuweisen von Schuld durch Vorwürfe und Anfeindung. Wer angegriffen wird, verbal oder körperlich, der wird sich reflexartig verteidigen (oder eben auf jemanden verweisen, der ja noch viel gemeiner und schuldiger ist, zumindest oberflächlich).

Und wieder fühle ich mich ein bisschen besser auf Kosten der Gruppen und Menschen, denen ich nicht angehören möchte und auf die ich meine Mitschuld abwälzen kann. Meine Mitverantwortung behalte ich gerne und freue mich über die Option, ab und zu über den Tellerrand des Egoismus hinausschauen zu können, weil ich die zeitlichen und ökonomischen Voraussetzungen dafür in den Schoß gelegt bekommen habe und das Glück hatte, mir Gedanken über mein soziales Umfeld machen zu können, anstatt in Existenzängsten und Fremdenhass zu ertrinken. Und auch hier zählt für mich das Wie und nicht so sehr das Was …

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

4 Gedanken zu „Wer das Was dem Wie vorzieht“

  1. Lieber Dirk, ein schöner Beitrag von Dir.
    Deiner Grundaussage stimme ich absolut zu. Es gibt eben immer mehr, als das, was wir oberflächlich sehen oder sehen wollen.

    Es hätte mir insgesamt aber noch besser gefallen, wenn Du bei Deinen Beispielen allgemeiner geblieben wärst. Denn so, wie Du es schreibst, tappst Du selbst in die Falle des Finger-Zeigens, in dem Du detailliert Dinge anprangerst, die Du als weniger nachhaltig einschätzt. Ich sage „einschätzt“, weil auch hier mehr dahinterstecken kann, als Du ahnst oder weißt.
    Stichwort „Bio“ bzw. Produkte aus Übersee. Diese können sehr wohl eine besser Ökobilanz haben als regionale Produkte. Das klingt unlogisch oder gar verrückt, aber ich habe gelernt, dass man auch da ganz genau hinschauen sollte. Es kommt eben, wie Du ja auch sagst, „immer darauf an“.

    Ich mag Menschen im Allgemeinen, die sich Gedanken machen und genau das machst Du hier. Aber ein wenig besteht bei uns allen die Gefahr, dass man – als Resultat der Selbstwahrnehmung als einen reflektierten Menschen – seinen eigenen Lebensstil erhöht und – quasi automatisch – andere dann doch wieder in „besser“ / „schlechter“ unterteilt. Ich lese das hier durchaus raus.
    Vielleicht geht es gar nicht anders, ich bin mir da nicht sicher. Vertrackte Sache!

    So oder so danke für die gedanklichen Anregungen und viele Grüße!
    Tina

  2. Moin Tina,

    danke für Deinen netten Kommentar. Ich dachte der letzte Absatz macht klar, dass ich genau das auch refektiert habe: Mich auf Kosten anderer etabliert und mich damit wertend auf die Seite „der Guten“ stellend. Das Wie hat viele Gesichter und wollte nicht von meinem Was ablenken, deshalb der selbstkritische letzte Absatz.

    Das BIO-Äpfel aus Übersee bessere CO2-Bilanz haben können, als hier in Kühlhäusern gelagerte, das habe ich auch schon gelesen. Das gilt wohl auch für andere Dinge in Sachen CO2-Bilanz, aber „konkret“ wollte ich dringend sein! Denn erstens heißt der Blog ja nicht umsonst „Meinung statt Mainstream“ und zweitens fühlt der/die Leser*in sich so eher angesprochen, als von philosophischen Bildnissen … hat doch auch bei Dir geklappt, oder ;)

  3. Huhu Dirk,
    stimmt – hast mich erfolgreich angetriggert, hihi. Ich reagiere mittlerweile sehr allergisch auf „ich bin besser als du“-Gedanken oder generell auf „ich rette die Welt“ -Phantasien. Pawlow lässt grüßen ;-)
    Deinen letzten Absatz habe ich irgendwie komplett anders verstanden, tsss..
    Und sicher: Meinung ist hier Thema und das ist auch gut so. Also von mir aus ist alles gut :-)
    Auf bald und viele Grüße

  4. Moin Tina,

    ich finde Deine Kritik absolut angemessen (danke!) und ertappe mich auch immer wieder, dass ich bestimmtes, menschliches Verhalten abwerte und ertappe mich oder meine Kinder hinterfragen es gekonnt und stoßen mich mit der Nase voll drauf.

    Schade, dass ich meinen letzten Absatz nicht so deutlich geschrieben habe, dass man den Vorwurf, den ich mir dort selbst mache, klar erkennt. Ich bin kein guter Schreiberling, aber so viele Leser müssen das ja auch nicht ertragen und zum Glück lesen sie es freiwillig (hoffe ich zumindest).

    Herzliche Grüße auch an Dich und alle, die diese Zeilen gerade lesen (müssen) …

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