Technik: Fluch und Segen

Kürzlich las ich eine Meldung der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die in Kiel einen Prozess gegen die Landesregierung von Schleswig-Holstein gewonnen hat. Darin ging es um die Luftqualität, die in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt am Theodor-Heuss-Ring so mies war, dass dort die Stickoxid-Grenzwerte regelmäßig und seit Jahren überschritten wurden. Dem sollte nun mit Luftreinigungsanlagen beigekommen werden – großen Kästen, die mittels Filtertechnik die Luftqualität verbessern sollten. Das Gericht stimmte der DUH zu, dass es sich dabei wohl eher um unerprobten Mumpitz als um eine tatsächlich effektive Maßnahme für bessere Luft handeln dürfte. So weit, so gut. Darüber hinaus zeigt dieses Beispiel allerdings auch noch, was für eine mitunter groteske und wenig zielführenden Technikgläubigkeit heutzutage besteht.

In Kiel gibt es also ein Problem, das aufgrund von zu hohem Ressourcenverbrauch besteht, der dort lokal zu gesundheitsschädlicher Verunreinigung der Luft führt. Und wie will man diesem Problem nun beikommen? Indem große technische Kisten aufgestellt werden – die wieder in der Herstellung und auch im Betrieb Ressourcen verbrauchen. Das ist schon ein wenig absurd, oder?

Anstatt also eine wirkliche Änderung, die auch mit Verzicht einhergeht, in die Wege zu leiten, wird auf eine technische Lösung fokussiert, mit der man dann ja schön so weitermachen kann wie bisher – super bequem, die Technik regelt das schon. Leider ist dieses Denken sehr weit verbreitet und findet sich nicht nur bei der Landesregierung Schleswig-Holstein.

Dabei kann Technik ja durchaus sehr sinnvoll sein, um die Natur zu schützen, wenn sie dazu führt, dass weniger Ressourcen verbraucht werden. Videokonferenzen sind beispielsweise deutlich umweltfreundlicher, als wenn Menschen weite Strecken zurücklegen müssen, um sich persönlich zum Konferieren zu treffen. Und Lampen mit LEDs verbrauchen weniger Strom als solche mit anderen Glühbirnen. Wobei dann auch schon wieder berücksichtigt werden muss, wie es mit dem Ressourcenverbrauch bei der Herstellung aussieht. Und der Rebound-Effekt muss beachtet werden. Dieser besagt, dass eine Sache umso mehr benutzt wird, je sparsamer sie ist – was dann unter Umständen doch wieder zu einem erhöhten Energieverbrauch führen kann.

Und dann ist es ja nicht nur die Herstellung von neuen (energieeffizienteren) Produkten, die Ressourcen verbraucht, sondern auch deren Entwicklung. Ist also nicht so ganz einfach, mit neuer Technik tatsächlich einen niedrigeren Ressourcenverbrauch zu erreichen.

Was noch hinzukommt: Technische Innovation steht oft einer wirklich fortschrittlichen Entwicklung im Wege, weil sie eben nur auf der technischen Ebene Neues denkt, aber dabei oft das große Ganze nicht im Blick hat. Ein gutes Beispiel dafür sind E-Autos.

Dass deren Herstellung deutlich mehr Ressourcen verschlingt als die von Autos mit Verbrennungsmotor, ist ja mittlerweile hinreichend bekannt, genauso wie die Tatsache, dass die eben keine null Emissionen im Betrieb produzieren, wenn sie mit Strom aus fossilen Quellen geladen werden. Was mir in dieser Diskussion oft fehlt, ist der Verweis darauf, dass auch E-Autos letztlich eben dem motorisierten Individualverkehr zuzurechnen sind. Und damit verursachen sie nicht nur Feinstaub über Abrieb von Bremsen und Reifen, sondern verstopfen auch die Straßen, verursachen Unfälle und beanspruchen generell viel Platz in den Städten. Und sind eben ein bis zwei Tonnen Material, was bewegt wird, um oft genug gerade mal einen Menschen mit nur geringem Gepäck zu transportieren.

Der motorisierte Individualverkehr ist meines Erachtens ein Auslaufmodell, von dem wir uns so schnell wie möglich verabschieden sollten. Stattdessen wären mal wirklich progressive Verkehrsmodelle sinnvoll, bei denen Fahrräder Priorität bekommen (gern auch mit Stadtrad-Konzepten) und die öffentlichen Verkehrsmittel endlich mal dem tatsächlichen Bedarf nach günstiger (oder sogar kostenloser), zuverlässiger und flexibler Mobilität angepasst würden. Doch darüber macht sich niemand Gedanken, solange die E-Autos die Diskussion dominieren, vielleicht sogar noch als von einer KI gesteuerte Variante. Was für ein technischer Aufwand da betrieben wird, anstatt dass technisch schon lange umsetzbare Lösungen vorangetrieben werden (die aber natürlich der Autoindustrie und damit auch den dieser hörigen Politikern nicht schmecken würden).

Apropos KI: Dirk hat ja neulich schon eine Empfehlung für den Film „iHuman“ hier veröffentlicht, und da sieht man wirklich, welche absurden Blüten technischer „Fortschritt“ treiben kann, wenn doch die Entwickler tatsächlich davon sprechen, dass die Menschheit so „überwunden“ werden könnte. Geht’s noch? Sollte Technik nicht eigentlich dem Menschen dienlich sein? Na ja, das dachte ich ja von der Wirtschaft eigentlich auch …

Und auch in dieses KI-Gedöns fließen erst mal wieder immense Ressourcen, die dann vielleicht mal irgendwann dazu führen sollen, Ressourcen einzusparen – wenn es denn keinen Rebound-Effekt gibt (was eben zu erwarten ist).

Ein weiteres Beispiel für die Verselbstständigung von Technik sind die unsäglichen E-Scooter. Da wird ein Berg Elektroschrott produziert für eine Fortbewegungsmethode, die zu 98 Prozent überflüssige Gaudi ist statt einer energieeffizienten Methode, um in Städten schnell von A nach B zu kommen.

Da wird Technik dann zum Selbstzweck: Es wird etwas entwickelt, weil es eben geht, ob das nun sinnvoll ist oder nicht, wird erst mal nicht gefragt. Und da erwarten nun ernsthaft viele Leute, dass auf diese Weise schon irgendwie unser derzeit größtes Problem, die drohende Klimakatastrophe, gelöst bzw. abgewendet werden kann?

Technische Entwicklungen können zwar dabei helfen, aber sie ersetzen nicht den generellen Wandel, den unsere Lebensweise erfahren muss – und der vor allem auch darin besteht, weniger statt immer mehr zu produzieren und zu verbrauchen. Da dies natürlich dem Wachstumsdogma, das dem Kapitalismus immanent ist, widerspricht, ist diese Ansicht leider nicht sonderlich populär bei den Verfechtern und Profiteuren des aktuellen Systems – und insofern wird dann lieber auf die Technik als mitunter schon fast götzengleiches Allheilmittel verwiesen.

Und in dem Fall stellt sich Technik dann wirklich mehr als Fluch denn als Segen heraus – zumindest wenn man das Überleben der Menschheit als Maßstab nimmt.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 Gedanken zu „Technik: Fluch und Segen“

  1. Moin Karl,
    ich fühle da voll mit Dir, manchmal bin ich mir auch der Sinnhaftigkeit des Internets so gar nicht gewiss. Wie las ich eben: „Der messbare Teil der Welt ist nicht die Welt, er ist der messbare Teil der Welt“ (was auf das Internet mehr als auf alle andere Technik anwendbar ist).
    Auch schön ist eben der Gedanke, dass Zukunft nicht passiert, sondern sie wird gemacht (sofern man unter Zukunft nicht einfach die kommende Zeit meint, sondern die Entwicklung in der kommenden Zeit). Sie wird aber eben nicht von der Politik gemacht/gestaltet, die reagiert nur noch auf Themen, die andere für sie auf den Tagesplan holen (Finanzkrisen, Corona, was auch immer).
    Es gibt in der Politik keine Strategie mehr, nur noch Taktik (las ich auch eben und möchte allen Leser*innen hier wärmstens „Jäger, Hirten, Kritiker“ von Richard David Precht ans Herz legen, obgleich ich gerade erst ein Sechstel gelesen habe.)

  2. Vergangenen Sonntag bei ttt (ARD) ein 4-minütiger Bericht über das Buch „Technophoria“ von Miklas Maak, dass mit erschreckenden Zukunfsszenarien aufwartet und zeigt, wie sehr sich Menschen in technische Allmachtsphantasien verlaufen können. Smartcitys von google und andere Datensammler-Projekte, die den Menschen gläsern machen wollen, um die Energieeffizienz zu erhöhen.
    Der Bericht macht mir Appetit auf den Roman, der mit den Vorstellungen und Visionen der Menschen spielt und auch vergangene Visionen beleuchtet, die heute von der Realität eingeholt wurden.

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