Unheimliche Heimchen

Wenn Zeiten unruhiger werden – ob real oder gefühlt -, wie reagieren wir dann? Werden wir erfinderisch oder besinnen wir uns lieber auf Früheres? Vielleicht liegt die Antwort irgendwo in der Mitte. Was mich angeht, so nehme ich derzeit verstärkt wahr, dass der Wunsch nach Verspieltheit, Harmlosigkeit und Einfachheit bei Frauen Trend ist. Ecken und Kanten sind out – Ungefährliches ist in – und natürlich wird „wieder ganz viel selbst gemacht“. Und so gruselt es mich ein wenig, wenn mir die fröhlichen und hübsch zurechtgemachten Heimchen wieder einmal begegnen.

 

Eine schleichende Erkenntnis

Die allergische Reaktion kam nicht sofort. Ich bin von jeher gerne kreativ und habe zahlreiche Hobbys in dieser Richtung. Das Internet ist ja auch eine schier unbegrenzte Inspirationsquelle für kreative Ideen, und schnell finden sich Gleichgesinnte. Großartig. Daneben gibt es natürlich noch massenhaft Bücher, Zeitschriften, Fernsehsendungen etc.

Viele aktuelle Trends kommen mir persönlich einfach sehr entgegen. Ich freue mich, dass immer mehr Menschen Themen wie Upcycling und do it yourself mögen, denn umso mehr wird ja auch zu solchen Themen veröffentlicht und geteilt, und ich habe dadurch weitere Inspirationsquellen. So weit, so gut.

Wenn man aber tiefer buddelt, wie ich es in den vergangenen Monaten und Jahren gemacht habe, so fällt es einfach auf, wie profan das meiste ist. Ich möchte dabei gar nicht über persönlichen Geschmack reden, das ist hier nicht Thema, sondern eher darüber, wie Frauen sich darstellen und wofür sie sich interessieren. Zusammenfassend sehe ich in der Hauptsache: Altbackenes.

Wir machen es uns muckelig

In der kreativen Community, so wie ich sie durch Recherche diverser Medien wahrnehme, dreht sich die Zeit oft rückwärts. Gerade auch bei jüngeren Frauen. Frau interessiert sich wieder für Rezepte, Homedeko und Selbernähen und präsentiert ihre Werke stolz im Netz, gerne unter einem absurd-niedlichen Pseudonym. Markt reibt sich die Hände und verkauft Bücher, Bastelsets, Braut- und Backsendungen. In der Mode ist der Romantik-Look mit voller Wucht zurückgekommen, Rüschen und Spitze überall.

Alles ganz harmlos?

Sicher, das alles ist irgendwie unverfänglich, tut ja keinem weh, also wozu die Aufregung? Ich sage: Genau DAS regt mich ja auf. Harmlos, niedlich, verspielt. Es ist sicher und kuschelig und riskiert absolut nichts.

Dabei ist es nicht so, dass es mir an Verständnis mangelt. Das Leben ist tough genug, und man braucht auch gerade dann Rückzugsmöglichkeiten. Kreatives Werkeln, Kochen, Malen, Nähen, Basteln und Sonstiges sind wunderbare Möglichkeiten, die eigene Welt zu bereichern. Da bin ich ja auch selbst voll dabei!

Aber: Zeit kann man niemals zurückdrehen. Auch wenn Vergangenes seit jeher immer wieder neu aufgekocht wird, so wird es in der ursprünglichen Form aber (zum Glück) nicht wiederkommen. Als Inspiration kann es freilich dienen, um das Leben im Hier und Jetzt zu gestalten. Das Verkriechen in alte Rollenbilder ist m. E. aber nicht wirklich dienlich. Was wir oft sehen und selbst kommunizieren, prägt unsere Denke. Wenn wir uns selbst als Heimchen sehen, uns öffentlich so darstellen, uns an anderen Heimchen orientieren, wohin führt uns das – außer in die Realitätsverweigerung?

Dumm gelaufen: Reality is waiting

Der Spagat aus Arbeit und Familie wartet weiterhin darauf, gemeistert zu werden. Frauen müssen weiterhin die Verantwortung für ihr Leben zunächst einmal selbst übernehmen, einen Beruf ausüben, Geld verdienen. Frauen sind auch weiterhin in vielen gesellschaftlichen Bereichen benachteiligt. Wir müssen weiterhin laut und unbequem und politisch sein, auch mal etwas riskieren.

Es ist o. k., sich das Leben bunt und schön zu machen, auch ich werde das weiterhin tun. Sollte ich aber eines Tages auf die Idee kommen, einen Instagram-Account „fräulein_tinibinis_wunderbares_nähstübchen“ anzulegen, so hoffe ich auf mir wohlgesinnte Menschen, die mein Handy in die Elbe schmeißen.

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Tina

Jahrgang 1972, Linkshänderin, mal nett, mal launisch, mag Nudeln, Vodka und Hunde. Meine Texte sind abhängig von Tagesform (siehe Stichwort "launisch") und Tagesaktualität. Grundsätzlich treiben mich Themen wie "Gerechtigkeit" und "Gemeinschaft" um bzw. wie wir als Gesellschaft gut miteinander leben können, ohne Hackordnung, ohne Menschen zurückzulassen.

3 Gedanken zu „Unheimliche Heimchen“

  1. Gerade in Zeiten von Corona und Homeworking geht ja der Trend wieder zur traditionellen Rollenverteilung der Hausfrau, das spielt Deinem „Altbackenes“ in die Hände. Ich sehe das in meinem Umfeld nicht, aber die Anzahl meiner privaten Kontakte zu Frauen ist begrenzt und bei meiner Arbeit habe ich eher mit den „starken Frauen“ zu tun, die in gemeinnützigen Organisationen für die Rechte schwächerer Gruppen eintreten, so gar nicht dem „Frauchen“ Bild entsprechen wollen. Du bist also die erste, von der ich das lese/höre, dem werde ich auch mal auf den Grund gehen, danke.
    Das Mobiltelefon gehört für mich zu einem der gefährlichsten Werkzeuge unserer Zeit und ich würde es, wenn schon nicht in der der Elbe, gerne wieder entsorgt wissen. Es ist das Werkzeug für oberflächliche Selbstdarstellung (eines sterilen Idealbildes, was andere Menschen für real halten und daran zerbrechen sich daran zu messen), Gedächtnisabbau (man findet ja alles und fast jederzeit), unverbindliche (Termin-)Absprachen und anonymem Hass und Hetze im Internet. Okay, anderes Thema ;)

  2. Hallo Dirk,
    das sind wieder mal so Themen, die sehr widersprüchlich in sich sind.
    Auf der einen Seite ist Selbermachen schon seit Jahren Trend, mit steigender Tendenz. Ich denke, da spielen viele Gedanken mit rein. Der Wunsch, anders zu leben, selbstbestimmter, vielleicht auch naturnaher, umweltfreundlicher, weniger kaufen etc. Ist ja auch eine super Sache.
    Vielleicht gehen solche back-to-the-roots-Gedanken bei einigen aber noch weiter, eben zu der von Dir genannten Rollenverteilung. Und dies womöglich ganz bewusst.
    An Rollenverteilung klassisch, ob Hausfrau oder Hausmann, ist ja nun auch nichts auszusetzen, warum auch? Solange auch andere Lebensmodelle gesellschaftlich akzeptiert werden.
    Vielleicht bin ich zu kristisch, aber eine gewisse generelle gesellschaftliche Verschiebung hin zu Nationalismus und Patriotismus nehmen wir ja auch anderswo wahr und vor diesem Hintergrund beäuge ich Manches natürlich schon mit Sorge.
    Und hier ganz besonders Frauen, wie sie sich selbst sehen, bzw. von anderen gesehen werden.
    In meinem direkten, persönlichen Umfeld sieht das auch anders aus. Zum Glück!
    Ich bin aber durch mein Bestreben, das Schneidern zu erlernen, vor rund zwei Jahren in eine neue Welt eingetaucht. Angefangen mit zwei Kursen (also in echt, mit echten Menschen), hangele ich mich seitdem auf der Suche nach Input und Anleitung sehr intensiv durch die diversen Medien und was da so zutage kommt, hat mich selbst dann auch überrascht ;-)

  3. Auf Angst und das Gefühl der Unsicherheit reagieren viele Menschen mit Konservativismus, dem Rückzug ins Private, das dann möglichst wie eine „kleine heile Welt“ gestaltet werden soll, und Skepsis gegenüber Neuem.

    Da wir gerade Zeiten erleben, in denen zunehmend mehr Menschen Angst und Unsicherheit als Dauerzustand erfahren, würde das von Dir beschriebene Phänomen also schon sehr gut zu diesem Zeitgeist passen …

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