Samstagmorgen, 6.50 Uhr …

… und das Telefon klingelt. Voll Schreck fahre ich aus dem Schlaf, eile zum Apparat und rechne mit Schlimmem. Um diese Zeit ruft man ja schließlich nur irgendwo an, wenn etwas wirklich Wichtiges passiert ist.

Eine Nummer aus Leverkusen wird angezeigt. Leverkusen? Da kenn ich niemanden. Sollte das etwa …?

Und der Verdacht bestätigt sich. Nach dem Annehmen des Gesprächs erst mal eine kleine Pause. Dann ein Klicken. Dann Hintergrundgeräusche von vielen redenden Personen. Dann eine Frau auf Englisch mit starkem Akzent, könnte indisch oder so sein: „Hello, my name ist Juraya, I am calling you from …“

Ich beendete das Gespräch dann schnell und wenig freundlich mit der Frage, ob sie noch ganz dicht sei, mich wegen so einer Kacke um diese Zeit anzurufen. Und wünschte ihr keinen schönen Tag.

Ich weiß, solche Leute sind arme Schweine. Die dürfen sich wahrscheinlich dauernd wenig Freundliches anhören, wenn sie ungefragt Leute anrufen, um diesen irgendwelchen Rotz anzudrehen. Zudem hat so ein Job nun auch überhaupt keinen gesellschaftlichen Nutzen, denn Leuten etwas zu aufzuschwatzen, was sie nicht haben wollen, ist schon ziemlicher Bockmist. Eine Art von Bullshit-Job halt. Aber wenn ich am Wochenende direkt aus dem Schlaf geschreckt wurde, setzt mein Bedauern mit denen, die diesen Mist tagtäglich machen müssen, eben mit etwas Verzögerung ein.

Was für mich das Ganze aber komplett unverständlich macht: Es muss ja Leute geben, die dann daraufhin etwas am Telefon erwerben. Und zwar nachdem man von irgendjemandem ungebeten angerufen und nicht mal in seiner eigenen Muttersprache mit einer auswendig gelernten Floskel vollgesülzt wurde.

So blöd kann doch eigentlich niemand sein, oder? Na ja, offensichtlich schon, denn solche Anrufe werden ja nicht getätigt, um Menschen zu verärgern, sondern weil die Masche funktioniert.

Das ist genauso wie bei Spam, den man per E-Mail bekommt. Sei es der nigerianische Prinz, der einem Millionen verspricht, vier Mal die gleiche Mail mit irgendeinem obskuren Gewinnspiel oder neuste Nachrichten vom „Sexologen“ – es ist doch eigentlich klar, dass das Müll ist und gleich gelöscht gehört. Aber es muss ja Leute geben, die das ernsthaft lesen und die Offerte für eine tolle Sache halten. Sonst würden solche Spam-Mails ja nicht verschickt werden, denn niemand macht sich solchen Aufwand, nur um andere ein bisschen zu ärgern, zumal man die verärgerte Reaktion ja auch gar nicht mitbekommt.

Eine der ersten Sachen, die ich vor 20 Jahren oder so gelernt habe beim Einstieg in die Internetnutzung: Öffne keine Anhänge von Mails, deren Absender Du nicht kennst, die Du nicht selbst angefordert hast oder die nicht hundertprozentig vertrauenswürdig sind. Und trotzdem machen dass allem Anschein nach immer noch haufenweise Leute, denn auch hier kann man feststellen: sonst würde das ja nicht gemacht werden.

Stellt sich die Frage: Wie verblödet müssen wir als Gesellschaft eigentlich sein, dass solche Phänomene massenhaft vorkommen bzw. sogar schon zu einer Selbstverständlichkeit werden?

Und wenn man dann mal einen Schritt zurücktritt und das Ganze etwas allgemeiner betrachtet, dann ergibt sich ein sehr bezeichnendes Dilemma: Das kapitalistische Wirtschaftssystem kann im Grunde nur dann einigermaßen funktionieren, wenn es auf mündigen, das heißt in diesem Fall als selbstbestimmte und reflektierte Konsumenten agierenden, Bürgern basiert. Dann haben diese nämlich die Möglichkeit, über ihre Nachfrage menschenverachtendes, umweltschädliches oder anderweitig unmoralisches Verhalten der anbietenden Unternehmen zu sanktionieren. Zum Beispiel in Form von Boykotten, Konsumverzicht, Anbieterwechsel usw. Die nachfragenden mündigen Bürger hätten also eine Korrektivfunktion – und uns wird ja auch immer erzählt, dass es eben genau so sei.

Dass hierbei die Ressourcen natürlich unfair verteilt sind und Unternehmen, je größer sie sind desto mehr Geld und Arbeitskraft in die Manipulation der Nachfrager investieren können (Werbung, Marketing usw.), ist natürlich ein Ungleichgewicht, das es immer schon gab (s. dazu hier) und das sich in der neoliberalen Ausprägung des Kapitalismus, welche die Bildung von Monopolen begünstigt, noch mal deutlich verschärft hat.

Was erschwerend hinzukommt: Ein wichtiges Anliegen des Neoliberalismus ist ja gerade die Entmündigung (oder etwas schärfer ausgedrückt: die Verblödung) der Menschen. Das Bildungssystem wird demontiert, sodass die Menschen zu gut funktionierenden Humanressourcen und unkritischen Konsumäffchen erzogen werden, die Kultur verflacht durch eine Mainstreamisierung, die Medien präsentieren zunehmend weniger anspruchsvolle politische und gesellschaftsrelevante Inhalte, sondern vermehrt Castingrotz und Dschungelcamp, statt wirklicher Nachrichten gibt es immer mehr oberflächliche News usw.

Und die auf diese Weise jahrzehntelang berieselten (oder etwas schärfer ausgedrückt: indoktrinierten) Menschen fallen dann eben auch auf Spam-Mails, Outbound-Callcenter-Anrufe und andere blödsinnige Werbemaschen rein – oder kaufen nach wie vor bei Amazon, weil es ja so schön bequem ist, obwohl man genau weiß, welch fieser Geschäftspraktiken sich dieser Laden bedient.

Insofern sind Anrufe wie der von heute Morgen ein Symptom unseres Zeitgeists. Und zeigen, dass unser Wirtschaftssystem mittlerweile vollkommen aus dem Ruder gelaufen ist, weil die immer wieder proklamierten Grundvoraussetzungen schon längst nicht mehr zutreffen.

Wird ja vielleicht mal Zeit, sich Gedanken über ein neues Wirtschaftssystem zu machen, das sich tatsächlich mal an den Bedürfnissen der Menschen und der Allgemeinheit orientiert, oder?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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