Pauschalisierung, der Zwilling der Radikalität

Gerade tobt auf den NachDenkSeiten ein Shitstorm wegen des Beitrags „Danke Nena!“, und auch hier im Blog (und dessen Ableger bei facebook) waren sich einige Leute nicht zu schade, die Kritik an den Corona-Maßnahmen mit einer AfD-Nähe in Verbindung zu bringen. Ich selbst habe auch zu Beginn der Anti-Corona-Demos einige Leute wegen ihrer Teilnahme an Demos als Schwurbler:innen und potenziell Rechte abgetan, und es dauerte einige Tage, bis ich mich sortiert hatte, um das komplexe Thema nicht bequem zu banalisieren. Es ist so schön einfach, wenn man ganze Gruppen pauschalisiert behandelt und sich so ein differenziertes Denken genauso spart wie ein differenziertes Weltbild: Der Mensch mag es einfach.

Es ist schwer zu ertragen, aber es gibt meistens viele Gründe, warum eine Sache so ist, wie sie ist, und es gibt entsprechend genau so viele Sichtweisen, wie man eine Sache betrachten kann (oder eben welche Aspekte eines Themas von vornherein ausgeblendet werden). Ein Leben ohne Pauschalisierung und Kategorisierung ist auch schwer vorstellbar, denn das betrifft eben auch alltägliche Situationen: Verbrenne ich mir wirklich die Hand wieder, wenn ich eine andere heiße Herdplatte anfasse als die daheim? Schmeckt mir auch die Pizza Hawaii bei dem neuen Italiener nicht, weil mir noch nie eine Pizza Hawaii geschmeckt hat? Ist der nächste Tatort vielleicht doch gute Unterhaltung, nachdem bisher alle anderen nicht meinem Anspruch an gute Unterhaltung gerecht geworden sind? Wenn ich jede Entscheidung wieder und wieder hinterfrage, jede gemachte Erfahrung ignoriere, dann wird es ein steiniger Weg.

Allerdings würde ich an dieser Stelle doch zwischen Erfahrungen mit Dingen und Menschen unterscheiden wollen, denn ich unterstelle der Pizza Hawaii eine geringere Komplexität, als ich es einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen unterstellen würde (an dieser Stelle meine Entschuldigung an die Pizza Hawaii meiner Pauschalisierung wegen). Und deshalb würde ich folgende Aussagen auch für Pauschalisierungen halten und behaupten, dass es sinnig wäre, diese Pauschalisierungen zu differenzieren:

  • Wer zu Anti-Corona-Demos geht, ist rechtsradikal/Verschwörungstheoretiker/…
  • Ausländer:innen sind faul/kriminell/…
  • Frauen können nicht Auto fahren
  • Mit Rechten kann man nicht reden
  • Politiker:innen und Anwält:innen sind schlechte Menschen
  • Manager:innen haben kein Gewissen
  • Soldat:innen sind Mörder:innen
  • Kassierer:innen sind ungebildet

Und, wer findet sich bei einer dieser Aussagen wieder? Die Frage war natürlich rhetorisch, wahrscheinlich jeder Mensch pauschalisiert auf die eine oder andere Weise. Aber wie merke ich, wann ich pauschalisiere, und ab welchem Maße ist das Pauschalisieren auch die bessere Variante? Bei Menschen habe ich da schon ziemliche Probleme, eine Pauschalisierung als gerechtfertigt anzusehen. Bei Dingen bin ich da doch deutlich toleranter, habe aber auch Indikatoren, die mich aufhorchen lassen. So ist die Äußerung, „Ich hasse …“ für mich oft eine Abwehrhaltung, die aus einem Mangel an Information oder der grundsätzlichen Verwehrung mit einem Thema zu tun hat. „Ich hasse Montag!“ ist nachvollziehbar, denn die Arbeits-/Schulwoche beginnt aufs Neue, aber was ist mit Ferien-/Urlaubstagen? Und gab es nicht auch schon eine Menge Montage, die trotz ihrer „Montägigkeit“ ganz prima waren?

Das ist das Schöne an Gruppen: Man kann sich immer Beispiele herauspicken, die auf die eigene Pauschalisierung zutreffen. Ich kenne durchaus Frauen, die nicht einparken können, ich kenne faule Ausländer und habe auch schon Rechte kennengelernt, mit denen man nicht (über das Thema Rechtsradikalität) reden kann. Aber generell (pauschal) würde ich sagen, dass Leute, die nicht Auto fahren können, nicht Auto fahren können, Menschen, die faul sind, faul sind, und man mit Menschen, mit denen man nicht reden kann, nicht reden kann. Aus dem „nicht parken können“ ein „nicht fahren können“ zu machen oder das „nicht über ein Thema reden“ ein generelles „nicht reden können“ zu machen ist zwar schön einfach, aber da ist für mich der Schritt zur Radikalität zumindest teilweise bereits gemacht.

Gerade im persönlichen Diskurs kann man solche Pauschalisierungen oft relativieren und sieht dann auch den Menschen hinter einer Pauschalisierung, weil ich die Person vorher einer (für mich selbst) homogenen Masse zugeordnet hatte und jetzt einen vollständigen Menschen vor mir habe. Damit meine ich nicht facebook oder sonstige Plattform, die mir logischerweise ein einseitiges und unvollständiges Bild einer Person liefern und wo ein Diskurs leider nicht auf Augenhöhe und mit angemessenem Respekt geführt wird. Damit meine ich explizit den direkten Kontakt, persönlich und im Idealfall unter vier Augen und mit einer Einstellung, die nicht von vornherein darauf aus ist, der Person meinen Gruppenpauschalisierungsstempel aufzudrücken.

Noch ein Hinweis in eigener Sache. An alle Leute, die sagen, wir leben in einer „Meinungsdiktatur“ oder man darf seine Meinung in Deutschland nicht frei äußern: Man darf das, ohne ins Gefängnis zu kommen, gefoltert oder verschleppt zu werden (im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, wie z. B. das oft von diesen Leuten gelobte Russland). Aber wer seine Meinung äußern möchte, ohne dafür auch Kritik und Gegenwind zu bekommen, der möchte eben genau diese „Meinungsdiktatur“ haben! Und zwar soll die eigene Meinung ohne Wenn und Aber von allen anderen akzeptiert werden. Auch hier ist das mit der Projektion wieder so offensichtlich, dass man schon sehr wenig Selbstreflexion betreiben muss, um das nicht selbst zu sehen. Wer aber so wenig differenziert, dass jede/r AfD Wähler:in und Querdenker:in ein Nazi ist, der macht es sich selbst und solchen Leuten auch wirklich einfach, eine solche „Meinungsdiktatur“ als gegeben zu sehen …

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

Ein Gedanke zu „Pauschalisierung, der Zwilling der Radikalität“

  1. Sollte die Essenz des Beitrags irgendwie nicht klar genug rüber gekommen sein, so „pauschalisiere“ ich das hier Mal auf zwei Sätze herunter:
    1. Radikale Positionen sind auf beiden Seiten des Spektrums meistens nicht hilfreich für einen Konsens, sondern nur für Spaltung und Anfeindungen (Worte wie „Schlafschaf“, „Lügenpresse“ oder „Systemhuren“ sind genauso wenig förderlich, wie die „Nazi-Keule“ oder ähnliche Diffamierungen).
    2. Wer Dinge in schwarz/weiß oder gut/böse einteilt, vielleicht sogar mit so kindlichen Schemen wie der dunklen und die hellen Seite der Macht (Star Wars), der sollte vielleicht einmal darüber nachdenken, dass solche Zustände eigentlich nur in der Mathematik existieren und man ein verkappter oder eine verkappte und mental vernagelte Person ist, die sich nicht einen Deut weit auf die Gegenposition einlassen kann/möchte.

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