Filmtipp: Nebel im August

Kürzlich habe ich den sehr beeindruckenden Film „Nebel im August“ von Regisseur Kai Wessel (2016, 126 Minuten) gesehen, der sich mit einem Thema befasst, das nach wie vor recht wenig Beachtung in Filmen gefunden hat: die Euthanasie im Nationalsozialismus.

Das Ganze beruht auf tatsächlichen Begebenheiten, die meisten der Personen haben tatsächlich gelebt oder sind stark an reale Personen angelehnt – was den Film umso bedrückender macht.

Zur Handlung: Der 13-jährige Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) gilt als schwer erziehbar und hat schon eine Heimkarriere durchlaufen, als er in eine Heil- und Pflegeanstalt, in der überwiegend Menschen mit Behinderungen betreut werden, eingewiesen wird. Seine Mutter ist tot, sein Vater ist in einem Konzentrationslager, da die Familie zu den von den Nationalsozialisten verfolgten Jenischen gehört.

Schon schnell wird dem Zuschauer deutlich, dass Ernst sich zwar nichts sagen lässt, aber ein durchaus mitfühlender und freundlicher Junge ist, der sich zunehmend auch um andere Kinder kümmert, die beispielsweise bettlägerig sind. Neben der Arbeit auf dem Feld, zu der die arbeitsfähigen Heimbewohner verpflichtet werden, hilft er auch dem Hausmeister und erweist sich dabei als durchaus gelehrig.

Beim Reinigen eines sehr blutigen Obduktionsraumes wird allerdings zum ersten Mal deutlich, dass hinter der freundlichen Fassade des Heimes, die vor allem vom Direktor Dr. Werner Veithausen (Sebastian Koch) aufrechterhalten wird, vielleicht doch einiges Abgründiges steckt.

Diese wird umso offensichtlicher, als bei einem der regelmäßigen Abtransporte von Heimbewohnern mit grauen Bussen ein junger Mann sich vehement dagegen wehrt, in den Bus verbracht zu werden. Spätestens jetzt wird einem klar, dass es hier wohl um Euthanasie geht.

Und nun entwickelt der Film auch eine besondere Stärke: Er zeigt nämlich zum einen die Seite der Heimbewohner, zum anderen die derjenigen, die für deren gezielte Tötung verantwortlich sind – und die das groteskerweise vor sich selbst als eine Art Gnade, die sie den behinderten Menschen zukommen lassen, rechtfertigen. Wobei auch nicht alle im Heim Arbeitenden mit diesem Vorgehen einverstanden sind, wodurch der Film vermeidet, einer simplifizierenden  Schwarzweißdarstellung aufzusitzen.

Als dann das Vorgehen geändert wird, sodass zu tötende Heimbewohner nicht mehr abgeholt, sondern in den Einrichtungen selbst ermordet werden sollen, treten die Konflikte immer stärker und offener zutage, was schließlich zu einer Eskalation führt, die ich hier nicht weiter beschreiben möchte, um nicht zu viel zu spoilern.

Ein großes Manko deutscher Filme ist für mich oft, dass Kinderdarsteller nicht gut rüberkommen und hölzern wirken. Das ist bei „Nebel im August“ zum Glück überhaupt nicht der Fall, nicht nur Hauptdarsteller Ivo Pietzcker brilliert, auch die anderen jungen Schauspieler überzeugen. So bekommt man einen glaubhaften und realistischen Einblick in ein sehr dunkles Kapitel des ohnehin dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte, das eben bisher kaum mal filmisch behandelt wurde.

Auf der DVD- bzw. BluRay-Version findet sich zusätzlich noch die Reportage „Hitlers vergessene Opfer“ von Spiegel TV, die sich anlässlich des Films und der Dreharbeiten des Themas Euthanasie im Nationalsozialismus angenommen hat und noch einiges an Hintergrundinfos bietet.

Das ist natürlich ein Film, bei dem man keine gute Laune bekommt und teilweise fassungslos ist aufgrund der Unmenschlichkeit derjenigen, die vor allem darum bemüht sind, die Effektivität der Vernichtung des ihrer Ansicht nach „unwerten Lebens“ zu steigern. Aber genau das ist ja eines der Kennzeichen des Nationalsozialismus: die perfide Perfektion, mit der Leben ausgelöscht wurden.

So ist „Nebel im August“ eine wichtige Geschichtsstunde, die allerdings nicht eine Sekunde langweilig ist. Absolut zu empfehlen!

Die DVD oder BluRay bekommt man mittlerweile übrigens schon für unter zehn Euro – aber bitte nicht bei Amazon bestellen! ;o)

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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