Filterblasen

Kürzlich saß ich mit ein paar Freunden zusammen, und da wurde dann auch ein wenig politisch diskutiert. Was mir dabei dann mal wieder aufgefallen ist: Auch in der realen Welt sind Filterblasen etwas weit Verbreitetes, und viele befinden sich darin, die das gar nicht von sich glauben.

Filterblasen werden ja sonst meistens immer dann als Begriff bemüht, wenn es aufzuzeigen gilt, dass sich vor allem Rechte und Rechtsextreme nur in einem Umfeld mit ihresgleichen aufhalten und sich auch nur aus entsprechend rechtslastigen Quellen informieren. Auch wenn die Infos dann offensichtlich falsch sind und widerlegt werden können, gibt es doch genug Gesinnungsgenossen, die einfach unkritisch alles glauben, was in ihr Weltbild passt, sodass solche Fake News dann durch die vielfache Bestätigung von anderen in der eigenen Filterblase als Tatsachen wahrgenommen werden. Die Steigerung dessen ist es dann, wenn absurde Verschwörungsmythen (beispielsweise, dass die Erde angeblich hohl oder flach sei, dass es weltbeherrschende Reptiloiden gäbe oder das bewusstseinsverändernde Chemtrails versprüht würden) nicht nur verbreitet, sondern immer wieder „bestätigt“ und wiederholt werden, sodass sie für einige Menschen dann zur Realität werden, weil sie alles, was dagegenspricht, konsequent aus ihrem Umfeld und ihrer Wahrnehmung ausblenden.

So mal eben als Kurzfassung …

Allerdings trifft es eben auch für alle möglichen anderen Menschen zu, dass sie sich in Filterblasen bewegen, und das hat meistens einen recht trivialen Grund: Mit Menschen, die komplett andere Ansichten und Lebensvorstellungen haben als wir selbst, umgeben wir uns nicht so gern.

Was soll man mit denen denn auch schon groß anfangen, wenn es da kaum Überschneidungen gibt? Klar, bei der Arbeit oder im Sportverein hat jeder auch mit Leuten zu tun, die komplett anders drauf sind als man selbst, aber mit denen verbringt man dann in der Regel eben auch keine Zeit außerhalb des Jobs oder der sportlichen Betätigung. Und wenn solche Leute dann zu krass drauf sind, indem sie sich beispielsweise offen als Rassisten outen, dann führt das oft sogar dazu, dass auch die Beziehungen innerhalb der Arbeitsstätte oder des Vereins komplett abgebrochen oder so sparsam wie nur irgend möglich gestaltet werden.

Das führt dann allerdings auch dazu, dass bestimmt gesellschaftliche Strömungen und Phänomene gar nicht wahrgenommen werden. Und genau das konnte ich neulich beim Diskutieren und auch sonst immer schon mal im Gespräch mit unterschiedlichen Personen feststellen. Bezeichnenderweise tritt das vor allem auch bei Menschen auf, die nicht oder kaum in sozialen Medien unterwegs sind – obwohl man ja gemeinhin ebendiese für die Bildung von Filterblasen verantwortlich macht.

Andererseits hat man eben über Social-Media-Kanäle auch die Möglichkeit, mit Menschen und ihren dort geäußerten Ansichten in Kontakt zu kommen, denen man sonst nicht unbedingt begegnet wäre.

So geht mir das zum Beispiel immer mal, gerade auch bei der administrativen Tätigkeit für eine doch nicht ganz kleine politische Seite mit circa 120.000 Followern. Da diese erst mal allen Facebook-Usern offen steht, um Beiträge dort zu kommentieren, schauen da eben auch immer wieder Leute vorbei, mit denen ich ansonsten in meinem nicht virtuellen Leben wohl recht wenig zu tun hätte – und mich auch nicht über politische Themen mit ihnen austauschen würde.

Das ist zwar öfter ausgesprochen unschön, was ich da an rassistischen, frauenfeindlichen, nationalistischen, sozialdarwinistischen und sonst wie ekelhaften Aussagen zu lesen bekomme, aber es zeigt mir immerhin, dass es diese Ansichten durchaus gibt, dass sie zumindest öffentlich (und oft auch unter Klarnamen) geäußert werden und dass sie teilweise auch noch Zustimmung erhalten.

Beispiele gefällig?

Unter einem Spiegel-Artikel, in dem es darum geht, dass eine Grundschülerin eine Strafarbeit bekommen hat, weil sie auf dem Schulhof mit einer Freundin türkisch sprach, fand sich beispielsweise folgender „Leckerbissen“:

Ich könnt mir vorstellen, dass die meisten von Euch solche Leute eher nicht in ihrem Freundeskreis haben. Die Aussage ist ja nicht nur inhaltlich total daneben, sondern vor allem auch formal: Wenn jemand eine Lanze für die deutsche Sprache brechen möchte, dann sollte er diese doch zumindest so weit beherrschen, dass er sich verständlich ausdrücken kann, und nicht auf einem Niveau, für dass sich die meisten Grundschüler schämen würden, rumstammeln.

Tja, aber solche Leute gibt es eben. Und ich finde es durchaus sinnvoll, zu wissen, dass das so ist, denn die dürfen ja immerhin auch wählen. Da werden dann viele Wahlergebnisse gleich noch mal ein bisschen verständlicher.

Ein anderes Beispiel: Hier hat sich jemand aufgeregt, der einer Seite folgt und sie sogar gelikt hat, dass dann Meldungen dieser Seite bei ihm angezeigt werden. Und darüber beschwert er sich nun. Er kapiert also nicht, wie Facebook strukturell funktioniert, und wenn ihn das dann irgendwie stört, dann pöbelt er rum.

Das hier schrieb er als Kommentar unter einen Beitrag der Seite „Mensch und Politik heute“:

Und das hier dann zeitgleich auf seiner eigenen Wall:

Das Erschreckendste daran: Der Typ nennt sich nicht nur „Doc“, sondern ist tatsächlich Arzt. Au weia! Das ist nun auch so eine Sache, die ich mir nicht unbedingt hätte vorstellen können, wenn ich sie nicht tatsächlich „live“ gesehen hätte. Und auch dieses Verhalten, nämlich etwas nicht zu verstehen und/oder einen Fehler zu machen und dann erst mal auf andere loszugehen und diese zu beschuldigen und anzupöbeln, ist ja nun auch etwas, was man so in geselliger Runde mit Freunden eher nicht oft erlebt. Bei der Arbeit vielleicht schon eher, aber das sind dann wohl auch die Leute, die ich oben schon ansprach: die, mit denen man dann privat lieber nicht so viel zu tun haben möchte.

Leute, mit denen man privat nicht so richtig was zu tun haben möchte, sind dann wohl auch solche Typen wie diese beiden Spießgesellen hier, die unter verlinkten Beiträgen zum Thema richterliche Unterstützung für Klimaaktivisten und Schulbesetzungen von Schülern, die auf diese Weise ebenfalls für mehr Klimaschutz protestieren, dann so was kommentieren:

Das ist schon reichlich eklig, wie hier hemmungslos die eigenen Gewaltfantasien verbalisiert und jungen Menschen der Tod gewünscht wird, oder?

Hier gibt es für zivilisierte Menschen eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Solche Denke gibt es nicht im eigenen Bekanntenkreis oder aber sie wird dort nicht einfach so geäußert, weil das dann doch zu reichlich Widerspruch führen würde. In jedem Fall bekommt man solche Ansichten nicht so einfach mit, wenn man sich auf seinen eigenen Freundeskreis beschränkt.

Das sind jetzt hier aber auch nur zwei Beispiele, denn solche Gewaltaufrufe erlebe ich ständig, aktuell vor allem beim Thema Klimaaktivisten, vor einiger Zeit noch in erster Linie beim Thema Geflüchtete.

Wäre ich nicht in den sozialen Medien unterwegs, würde mir nicht klar sein, dass es Menschen gibt, die tatsächlich so drauf sind – und dass es nicht wenige sind. Das ist dann also ein (wenn auch unschöner) Blick raus aus der eigenen Filterblase.

Wie es ist, wenn man diesen Blick so nicht hat, konnte ich dann eben neulich in der oben bereits erwähnten Diskussion mit meinen Freunden mal wieder beobachten. Da konnte sich nämlich einer überhaupt nicht vorstellen, dass es eine massive Verachtung von Armen und Transferleistungsempfängern gibt. Er selbst kennt eben einfach keine sozialdarwinistischen Leute, die so was offen äußern würden, und blendet entsprechende Inhalte dann wohl auch bei seiner Mediennutzung aus – obwohl das ja durchaus ab und zu mal thematisiert wird (s. hier), und das auch schon seit einigen Jahren (s. hier).

Könnte man schon als ziemliche Filterblase bezeichnen, wenn man so was nicht mitbekommt, oder? Das mag ja auch zum „Selbstschutz“ durchaus legitim sein, sich mit solchen Dingen bzw. Menschen nicht befassen zu wollen, allerdings hat man dann eben auch einen recht verengten Blick auf die Welt – und fragt sich vermutlich häufig, wie denn Dinge bloß passieren können, die dann nämlich aus genau diesem selbst ausgeblendeten Denken resultieren.

Insofern finde ich es extrem wichtig, sich auch mit Aussagen von Menschen zu beschäftigen oder sie zumindest wahrzunehmen, die so überhaupt nicht mit dem eigenen weltoffenen Menschenbild und der Vorstellung, wie man manierlich diskutieren sollte, übereinstimmen. In seiner eigenen Filterblase hängt man nämlich oft schneller fest, als es einem bewusst ist.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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