Wes Brot ich ess, des Lied ich sing

Auf Deutschlandradio Kultur gab Christiane Nüsslein-Volhard, Biologin, Medizinnobelpreisträgerin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, ein Interview zum Thema grüne Gentechnik, in dem sie mit ziemlicher Vehemenz den deutschen Konsumenten Ahnungslosigkeit vorwarf beim Thema Lebensmittel: Kaum einer wisse, wo sein Essen überhaupt herkommt und wie es erzeugt wird.

Und aus diesem Grund echauffiert sie sich auch mächtig darüber, dass die Gentechnik eine solche große Ablehnung in Deutschland erfährt:

Ich glaube, die Leute wissen überhaupt nicht Bescheid, wo das Essen herkommt. Es ist eine unglaubliche Ignoranz und die Leute lesen Zeitschriften wie „Landlust“ und „Landliebe“ und denken, das müsste wieder auf den Acker zurück, den unsere Großeltern noch mit Hand bestellt haben, und haben eine total romantische Vorstellung von der Nahrungsmittelproduktion und wissen überhaupt nicht, welche großen Vorteile die Gentechnik bringen kann.

Für mich klingt das zunächst mal vor allem ausgesprochen überheblich, oberlehrerhaft und blasiert, was Nüsslein-Volhard da von sich gegeben hat, und dann gesellten sich auch noch Phrasen dazu, die klingen wie aus Werbebroschüren von Monsanto und Co.:

Aber inzwischen werden gentechnisch veränderte Pflanzen auf zehn Prozent der Agrarflächen angebaut, seit Jahren, und es hat sich nichts Schädliches dabei herausgestellt, eigentlich nur positive Erscheinungen.

In sehr vielen Bereichen der Nahrungsmittelindustrie sind auf gentechnischem Wege hergestellte Produkte inzwischen sehr verbreitet. Das wird nicht gekennzeichnet, das ist auch nicht schlimm. Wie gesagt, es gibt keine Auswirkungen, die eindeutig damit korrelierbar sind.

Und weshalb ich mich dafür sehr einsetze, ist, dass gentechnisch veränderte Pflanzen eben helfen, Pestizide einzusparen. Und die Pestizideinsparung zurzeit beträgt ungefähr 30 bis 40 Prozent. Und das finde ich doch ganz, ganz toll! Denn die Insektenvernichtungsmittel, also die chemischen Waffen, die man einsetzt, sind meiner Ansicht nach viel, viel bedenklicher als die gentechnisch veränderten Pflanzen.

Nun ja, die Frau hat ja nun durchaus einiges vorzuweisen an Fachkompetenz, sodass ich mich einen kurzen Moment dann doch fragte, ob ich nicht vielleicht selbst komplett falsch liege mit meiner Einstellung zu gentechnisch manipulierten Nahrungsmitteln, zumal ich mich in dem Bereich durchaus auch schon ein bisschen mehr informiert habe. Dieser kurze Moment endete aber abrupt, als ich mich mal ein wenig genauer über Frau Nüsslein-Volhard informierte. Es gibt nämlich sogar eine Christiane Nüsslein-Volhrad-Stiftung, also schaute ich auf deren Webseite doch einfach mal nach, wer denn dort so alles bei den Sponsoren aufgeführt ist (mittlerweile nicht mehr online). Und siehe da: Die Bayer Stiftung und BASF sprangen mir gleich ins Auge – zwei Unternehmensnamen, die nun direkt mit grüner Gentechnik ihr Geld verdienen.

In unseren letzten Wochenhinweisen (KW 13) findet sich als 8. Punkt etwas, was ich in diesem Zusammenhang gern noch mal zitieren möchte:

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bescheinigte dem weltweit am meisten verwendeten Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat Unbedenklichkeit, nun ist in einem taz-Artikel zu lesen, dass das Zeug laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) krebserregend ist und sich das BfR vor allem auf von den Glyphosat-Herstellern in Auftrag gegebene Studien berufen hat. Na klasse, wie fahrlässig hier mit unser aller Gesundheit umgesprungen wird. Am kommenden Dienstag gibt es zu dem Thema übrigens eine 45-minütige Reportage auf arte, da kann man sich dann ja vielleicht noch ein fundierteres Urteil bilden.

Glyphosat wird vor allem bei gentechnisch veränderten Pflanzen verwendet – da gibt es also gerade reichlich Gegenwind für diese Technologie, wenn nicht nur die Langzeitfolgen vollkommen unklar sind, sondern auch unmittelbare Schädigungen schon jetzt auftreten. Was macht man also, wenn man auf diese Weise seinen Umsatz und seine Reputation gefährdet sieht? Man schickt einen klangvollen Namen mit einer Kompetenz erweckenden Biografie vor, um eventuellen Zweiflern zu erzählen: „Alles nicht so schlimm, sondern ganz im Gegenteil richtig super!“

So weit, so schäbig, dass eine Nobelpreisträgerin sich dermaßen zur PR-Tante für Unternehmensinteressen macht, da eben ihre eigene Stiftung von den Zuwendungen genau dieser Konzerne profitiert. Aber wäre es nicht an der Redaktion von Deutschlandradio Kultur gewesen, eben genau diese Zusammenhänge, welche doch deutliche Zweifel an der Objektivität von Frau Nüsslein-Volhard beim Thema grüne Gentechnik aufkommen lassen, zumindest mal zu erwähnen? Das war ja nun keine großartige investigative Detektivarbeit, die notwendig war, um diese finanziellen Verstrickungen herauszubekommen, sondern dauerte ungefähr zwei Minuten – zu viel verlangt für einen Journalisten, der seinen Job ernst nimmt und der nicht nur einfach den kommoden Stichwortgeber für seine Interviewpartner gibt? Und das eben nicht bei RTL, BILD, Spiegel, Jauch und Co., wo man ja das Unterschreiten journalistischer Mindeststandards mittlerweile gewohnt ist, sondern bei einem Radiosender, der vor allem ein an qualitativem Journalismus interessiertes Bildungspublikum anspricht.

Also: Trau, schau, wem – gerade wenn es um die Nutzung von (auch vermeintlich seriösen) Medien geht. Denn wer zahlt, bestimmt letztlich die Musik …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

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