Nachtrag zur Fußball-EM

Letzte Woche schrieb ich ja schon einen Artikel zur Fußball-EM und deren politischer Dimension, vor allem in Form von Patriotismusnormalisierung, die von der Neuen Rechten nicht nur als wünschenswert angesehen, sondern auch hemmungslos ausgenutzt wird. Jetzt ist Deutschland ausgeschieden, und die AfD und andere Rechtsaußen kriegen gleich schon wieder reichlich Futter.

Zunächst mal hat Bundestrainer Julian Nagelsmann eine „flammende Rede“ (s. hier), eine „Ruckrede für mehr Gemeinsamkeit“ (s. hier) gehalten. Das ist natürlich schon eine gute Sache, wenn er betont, dass man generell mehr auf Gemeinsames fokussieren sollte und zusammen mit anderen eben besser zurechtkommt, als wenn jeder für sich allein rumwurschtelt aufgrund, so Nagelsmann, „dieser unfassbaren Individualität“. Dem kann ich so auch nur zustimmen.

Natürlich sollte man dabei dann auch bedenken, dass gerade Nagelsmann als Bundestrainer aber auch einen Teil dazu beiträgt, dass das von ihm kritisierte System (denn die Vereinzelung und Entsolidarisierung sind ja elementare Grundsätze des Neoliberalismus) aufgrund der Patriotisierung der Bevölkerung, die seit etwa 20 Jahren zu beobachten ist, nicht unerheblich stabilisiert wird. Wenn man nämlich Gemeinsamkeit nur innerhalb der eigenen nationalen Grenzen versteht, dann kommt man damit in Zeiten einer globalisierten Weltgemeinschaft nicht sonderlich weit – und zudem kann es dann auch schnell ins Völkisch-Gemeinschaftliche à la AfD abdriften.

Das will ich Nagelsmann nun gar nicht unterstellen, aber wie flink das gehen kann, sieht man dann gleich an zwei weiteren Beispielen aus seinem Team, nämlich Thomas Müller und Toni Kroos, die für ihre Aussagen von Rechtsaußen erst mal richtig abgefeiert wurden, wie man in den sozialen Medien sehen konnte:

Ja, holla! Der Kroos-Toni würde seine Tochter nicht mehr in einer deutschen Großstadt auf die Straße schicken nachts – was vor zehn Jahren seiner Ansicht nach noch ging. Das ist ja nun eine der beliebtesten Erzählungen der AfD und ähnlicher Rechtsaußenspackos, dass es hier ja nicht mehr sicher sei in Deutschland – was so zwar nicht stimmt, aber eben immer wieder gut zur Angstschürerei taugt. Und natürlich schwingt dann immer dabei mit: Klar, seit 2015, als „Merkel die Grenzen öffnete“, sind ja auch so viele Ausländer hier nach Deutschland gekommen, und das sind doch sowieso fast alles Kriminelle.

Thomas Müller haut dann lieber gleich noch mal direkt eine der Lieblingsphrasen von Rechtsextremen raus, indem man den Stolz aufs Vaterland betont.

Wie man an den Screenshots oben sieht, verfehlen diese Aussagen auch nicht ihre Wirkung in rechten Kreisen und ernten dafür reichlich Zustimmung. Und wenn schon „unsere Jungs von der Nationalelf“ so was sagen, dann wird da ja wohl auch was dran sein, oder? Zumindest Teenager-Fußballfans dürften da noch nicht die nötige kritische Distanz haben, um Müller und Kroos einfach als das zu erkennen, was sie sind: reichlich hohle Früchte, die lieber einmal mehr nachdenken sollten, bevor sie in der Öffentlichkeit den Mund aufmachen.

Und beide sind ja zudem auch schon gestandene Profis, die sehr lange dabei sind (beide sind 34 Jahre alt) mit entsprechender Erfahrung im Umgang mit Medien. Einem 19-jährigen Nachwuchskicker hätte ich schon noch zugestanden, dass er eben noch ein bisschen klein und doof ist und deshalb unbedacht so einen Schrott von sich gibt. Müller und Kroos passen da allerdings nicht mehr in dieses Schema. Die dürften schon genau wissen, was sie da ausgesprochen haben und welche Resonanz das in welchen Kreisen verursacht.

Und damit reißen die beiden dann mit dem Hintern das wieder ein, was ihr Coach gerade mit seinem Appell an die sportliche Gemeinschaftlichkeit aufgebaut hat. Genauso wie auch viele Anhänger der deutschen Nationalmannschaft sich alle Mühe geben, die Aussagen von Nagelsmann zu konterkarieren, indem sie sich als ausgesprochen schlechte Verlierer präsentieren. Klar, gegen Dänemark noch jede fragwürdige Entscheidung für die eigene Mannschaft allzu gern mitnehmen, aber dann jammern, wenn der Schiedsrichter mal in einer Situation gegen das deutsche Team entscheidet, die viele wohl anders gesehen haben.

Das fängt schon mit dem Geplärre danach an, das nicht berücksichtigt, dass bei dem Handspiel des spanischen Verteidigers Marc Cucurella im Strafraum der deutsche Spieler Florian Wirtz meterweit im Abseits und zudem noch ziemlich in der Schusslinie stand. Das hätte also sowieso abgepfiffen werden müssen in dem Moment, als der Ball den Fuß des deutschen Spielers verließ. Aber das interessiert den deutschwurstigen Wutfan natürlich nicht die Bohne – Hauptsache, man kann sich nun schön in der Opferrolle suhlen – an welche Partei erinnert das noch mal sehr stark?

Um das dann noch zu toppen, hat doch tatsächlich jemand eine Petition gestartet, mit der die UEFA aufgefordert wird, dass Viertelfinale Deutschland gegen Spanien noch mal zu wiederholen. Und tatsächlich sind sich bisher gut 426.000 Leute auch nicht zu blöd, diesen Schwachsinn zu unterzeichnen. Au weia! Wäre ja schön, wenn die sich auch mal so engagieren würden, wenn es um etwas Relevanteres geht als den Ausgang eines Fußballspiels. Was noch dazukommt: Die Petition läuft immer noch, obwohl bereits das erste Halbfinale gespielt wurde. Da ist natürlich damit zu rechnen, dass die UEFA das dann alles noch mal rückgängig machen wird, um das Viertelfinalspiel Deutschland gegen Spanien zu wiederholen. Nicht.

Aber es geht noch schäbiger: In besagtem Halbfinale, das Spanien gegen Frankreich austrug (und gewann), wurde dann Marc Cucurella konsequent von Tausenden deutschen Zuschauern ausgepfiffen (s. hier). Der Spieler wurde aus kurzer Distanz angeschossen, seine Hand ging auch nicht zum Ball (was man daran sah, dass der Arm nach hinten weggedrückt wurde vom Ball), der Schiedsrichter gibt keinen Elfmeter – und dann pfeift man halt aus unsportlichem Frust den Spieler gnadenlos aus. Wenn ich Julian Nagelsmann wäre und meine Worte ernst gemeint hätte, würde ich spätestens jetzt zurücktreten und auch ganz klar und deutlich kommunizieren, warum das der Fall ist.

Insofern ist diese Fußball-EM ein Spiegelbild unseres aktuellen Zeitgeistes, der durch solche Events auch noch weiter manifestiert wird: Es geht nur ums Gewinnen, Fairplay ist egal, und auch der Rechtsruck ist nicht nur deutlich spürbar, sondern wird auch noch weiter befördert.

Kann man natürlich alles gut so finden und dabei mitmachen – aber dann sollte man bitte auch die Fresse halten, wenn die Auswirkungen dann in anderen Bereichen sicht- und spürbar werden sowie auf einen selbst zurückschlagen.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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