Armut in Deutschland darf laut Spiegel nicht sein

Vor gut einem halben Jahr schrieb ich hier auf unterströmt ja bereits einen Artikel, der sich mit der Armut in Deutschland beschäftigt. Nun ist gerade der jährliche „Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland“ vom Paritätischen Wohlfahrtsverband erschienen (hier die Pressemitteilung dazu), der erneut nicht so recht in das medial und vonseiten der Politik vermittelte Bild, Deutschland würde es ja so gut gehen, passen will. Es kann nicht sein, was nicht sein darf – und schon wird dagegen auf unlauterste Art und Weise von den neoliberalen Schreiberlingen unserer sogenannten Qualitätsmedien verbal geschossen, allen voran von Guido Kleinhubbert vom Spiegel.

In einem Kommentar, der von Unsachlichkeit nur so strotzt, versucht er doch tatsächlich, diesen Armutsbericht, der eben Dinge mit Zahlen belegt, die nicht in Kleinhubberts neoliberales Weltbild passen, zu diskreditieren, indem er ihn als „Unterstützung für AfD und Co.“ brandmarkt und als „Schwarzmalerei“ sowie „gefährliche[n] Blues vom bitterarmen Deutschland“ herabwürdigt.

Treffend dazu die Antwort vom derart kritisierten Verbandschef Ulrich Schneider auf seinem Facebook-Profil:

Jetzt brennen wohl bei einigen neoliberalen Hardlinern endgültig alle journalistischen Sicherungen durch… Sehen wir mal von den zahlreichen sachlichen Fehlern in dem kurzen Kommentar ab – von den armen Studenten etwa oder davon, dass nach dem relativen Armutskonzept immer irgendjemand unter die Armutsgrenze fallen müsse, …. Jetzt fangen die Neoliberalen sogar schon an, die Nazi-Keule zu schwingen, um uns zum Schweigen zu bringen: ‚Wer von Armut spreche, unterstütze letztlich AfD, NPD und Pegida, und handle deshalb unverantwortlich.‘ …. Eine offensive Sozialpolitik ist die beste Prävention gegen Rechtsextreme … Wer gegen Rechts ist, Herr Kleinhubbert, darf Armut nicht totschweigen, sondern muß sie bekämpfen. Und es sind Menschen wie Sie, die offenbar genau das nicht wollen …

Und auch ein Kommentar von JK auf den NachDenkSeiten, wo in den Hinweisen des Tages auf das Geschreibe von Kleinhubbert als Negativbeispiel hingewiesen wird, trifft den Nagel auf den Kopf:

Was für ein mieses Stück Meinungsmache. Die herrschenden Eliten scheinen das Thema jedenfalls zu fürchten, sonst würden sie nicht ihre Lohnschreiber von der Kette lassen. Die Masche der „Qualitätsmedien“ ist inzwischen wohl bekannt. Jede Kritik an den sozialen und ökonomischen Verhältnisse soll in die rechte Ecke gestellt und so delegitimiert werden. Es ist die gleiche Masche, die bereits die Proteste gegen das Freihandelsabkommen TTIP in die rechte und nationalistische Ecke stellte und die gleiche Masche, die den NachDenkSeiten andichtet, sie seien ein Bestandteil einer rechten Querfront. Niemand sollten auf diesen billigen Trick hereinfallen.
Die Definition von Armut ist natürlich immer abhängig vom sozialen und ökonomischen Kontext. Jemand, der 500 Euro im Monat verdient kann in Litauen vielleicht gut davon leben, in München oder Hamburg könnte er vermutlich nicht einmal eine 1-Zimmerwohnung bezahlen. Ist die betreffende Person nun arm oder nicht? Aber solche Differenzierung müssen deutsche Qualitätsjournalisten nicht tangieren. Hauptsache die neoliberale Gesinnung sitzt.

Bleibt die Frage, was einen Journalisten wie Kleinhubbert dazu treibt, so eindeutig einseitig Stimmung zu machen. Klar, als gut bezahlter Festangestellter beim Spiegel wähnt er sich vermutlich noch auf der Gewinnerseite und sympathisiert deswegen als Angehöriger der oberen Mittelschicht mit der Oberschicht, da er hofft, irgendwann auch dazuzugehören – ein Trugschluss, wenngleich ein weit verbreiteter, wie schon vor gut fünf Jahren Ulrike Herrmann in einem Interview mit dem Standard treffend dargelegt hat. Aber darüber jede professionelle Distanz vermissen zu lassen ist dann schon reichlich hart, wie ich finde. In jedem Fall sieht man daran, wie weit der Spiegel mittlerweile von dem progressiven Journalismus entfernt ist, der das Blatt vor Jahrzehnten einmal ausgezeichnet und zu einer anerkannten kritischen Stimme im Land hat werden lassen. Selbst in der FAZ oder irgendwelchem Springer-Kram würde man wohl kaum dreistere Meinungsmache finden als in diesem Kommentar von Kleinhubbert.

Deutlich wird daran vor allem auch: Das Establishment merkt schon, dass es vorn und hinten hakt in unserem Wirtschaftssystem, also werden die Mittel, dieses mit Klauen und Zähnen von den eigenen Schreiberlingen verteidigen und rechtfertigen zu lassen, auch entsprechend kruder. Und letztlich werden durch solche als Journalismus getarnte PR-Schmiererei in einem reichweitenstarken Leitmedium wie dem Spiegel nicht nur wesentlich mehr Menschen erreicht, als die Gegendarstellungen dies schaffen dürften, sondern es wird zudem die Glaubwürdigkeit des Journalismus weiter in den Schmutz gezogen und zudem noch die sinnvolle Arbeit der Verbände, die diesen Armutsbericht herausgeben, diskreditiert. Und da wird es dann nur noch schäbig …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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