Die Fußball-EM steht bevor – und die Rationalität verabschiedet sich

In zwei Monaten ist die Fußball-EM bereits gestartet, sodass diese nun immer mehr Thema bei Gesprächen wird. So erlebte ich das auch am Wochenende mit Freunden, wobei ich dann das gleiche Phänomen erleben konnte wie schon vor zwei Jahren zur Fußball-WM: Intelligente Menschen verweigern sich per se Ansichten, die ihre rosarote Sicht auf das Sportevent ein wenig trüben könnten. Auf meine wie ich finde nach den letztjährigen Enthüllungen um den Kauf der WM 2006 durch den DFB durchaus angebrachte Frage, ob man denn glaube, dass bei den Spielen tatsächlich irgendein Spiel nicht so ausgeht, wie es vorher abgesprochen ist, gab es nur mit leicht aggressivem Unterton: „Oh, jetzt lass uns bloß nicht damit wieder anfangen …“ Oder anders gesagt: „Mach mir meine heile Fußballwelt nicht kaputt!“ Doch leider ist diese schon reichlich kaputt …

Ein durch und durch korrupter Verband veranstaltet ein Turnier, an dem durch und durch korrupte andere Verbände teilnehmen, weil alle damit wieder mal einen großen Reibach machen wollen. Im Vorfeld werden enorme Summen offen und auch verdeckt gezahlt, um ein möglichst großes Stück vom finanziellen Kuchen eines solchen Turniers abzubekommen – und dann soll da so was Chaotisches wie das von zahlreichen Zufällen und Unabwägbarkeiten geprägte Element des sportlichen Wettbewerbs ins Spiel kommen? Hmm … die Funktionäre wären wohl entweder reichlich naiv oder aber reichlich ehrbar, wenn sie es darauf würden ankommen lassen – und das halte ich beides für hinreichend unwahrscheinlich. Aber dies anzusprechen führt dazu, dass die meisten Fußballinteressierten sofort komplett dichtmachen und nicht mehr von dem Thema hören wollen.

Sollte dann doch mal ein Gegenargument dazu kommen, dann lautet dies meistens: „So was würde doch rauskommen!“ Na ja, nicht unbedingt, wenn diejenigen, die mit entsprechenden Insiderinformationen an die Öffentlichkeit gehen könnten, zeitgleich wüssten, dass sie dann ihre weitere Karriere komplett in den Wind schießen könnten. Und selbst wenn da tatsächlich mal jemand plaudern würde, so sind doch die vehementen Abstreiter und Verteidiger der heilen Fußballwelt das beste Beispiel dafür, was geschehen würde: Kaum jemand würde dem Glauben schenken oder sich auch nur weitgehender dafür interessieren. Sieht man ja an den Enthüllungen zur DFB-Korruption bei der WM-Vergabe 2006: Einmal wurde sich kurz darüber aufgeregt, der DFB-Präsident musste abdanken – und das war’s dann auch schon wieder. Wer glaubt, dass sich auf diese Weise was an den Strukturen, die hinter solcher Korruption stecken, geändert hat, der ist wahrlich leicht zufriedenzustellen – oder will lieber gar nicht weiter über Dinge nachdenken, die seine Komfortzone („Ich will meinen Fußball gucken!“) tangieren könnten.

Stellt sich die Frage, warum nun also Spiele manipuliert werden sollten, wenn so ein Turnier doch ohnehin schon massive Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass bestimmte Begegnungen und Mannschaften deutlich attraktiver sind als andere, da sie einen größeren Markt bedienen. Deutschland gegen Italien interessiert beispielsweise mehr Zuschauer als Belgien gegen Tschechien, also ist es wichtig, dass genug derart attraktive Teams mit entsprechend großen heimischen Absatzmärkten lange im Turnier verbleiben – am besten natürlich Deutschland, da dies der wichtigste Fußballmarkt in Europa, wenn nicht sogar weltweit ist. Die Turniere werden von mal zu mal größer, die mediale Verwertung und damit auch die Werbeeinnahmen steigen ebenso – das weckt natürlich finanzielle Begehrlichkeiten. Ob ein Halbfinale von 100 Mio. Fernsehzuschauern mehr oder weniger gesehen wird, ist da schon eine erhebliche Einflussgröße auf die Einnahmen, die mit so einem Event generiert werden. Also bitte kein Halbfinale Tschechien gegen Belgien, das rechnet sich dann nicht so …

Als wirklich chaotisches Element kommt dann allerdings doch noch etwas hinzu: die Wettmafia. Auch hier geht es um sehr, sehr viel Geld, und tatsächlich sind ja auch schon mehrere Male entsprechende Spielmanipulationen aufgeflogen. Trotzdem wird weiter so getan, als würde es dieses Phänomen gerade bei Europa- oder Weltmeisterschaften nicht geben. Als Argument, dass die Wettmafia bei großen Turnieren keine Rolle spielt, wird dann immer wieder gern angeführt, dass ja schließlich so was auffliegen würde, wie man an den enttarnten Fällen sehen könne. Na ja, das würde dann aber auch im übertragenen Sinne bedeuten, dass eher die großen Verbrechen und Straftaten aufgedeckt werden, die kleineren hingegen weniger. Sieht in der Realität irgendwie oftmals anders aus, oder? Was ja auch kein Wunder ist: Je größer eine kriminelle Sache ist, desto professioneller wird dabei agiert, desto mehr (auch finanzielles) Potenzial zur Einschüchterung und zum Unter-den-Teppich-Kehren besteht, desto schwerer wird es für viele, sich das überhaupt noch vorstellen zu können, und desto weniger wollen die meisten das auch nur in Erwägung ziehen.

Deutlich wird: Verdrängungsmechanismen funktionieren beim Thema Event-Fußball in ganz großem Stil. Sobald der Ball rollt, begeben sich selbst an sich kritische Denker in den nationalmannschaftlichen Taumel und blenden alles andere aus. Das können äußere unerträgliche Umstände, wie dies in Brasilien vor zwei Jahren massiv der Fall war (s. dazu hier), oder auch die hier geschilderten Bedenken an der Ehrlichkeit und sportlichen Komponente eines solchen Turnier sein. Für einige Wochen zieht das Land nahezu komplett in eine Art Wolkenkuckucksheim ein – und bezahlt mit seiner Aufmerksamkeit, um die fetten Pfründe der Verbandfunktionäre noch ein wenig feister zu machen.

Ach ja: Dass Deutschland zurzeit gerade Menschenaufläufe im patriotischen Überschwang und mit schwarz-rot-goldenem Zierrat benötigt, glaube ich übrigens auch nicht, davon hatten wir in den letzten Monaten nun wahrlich mehr als genug. Wann diese „Pegida-Festspielwochen“ dann genauso zu einem weiteren Rechtsruck führen, wie es nach der letzten WM leider allzu deutlich zu beobachten war (zumal mit Ansage; s. dazu hier), dann stehen uns ein unangenehmer Spätsommer und Herbst bevor …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

3 Gedanken zu „Die Fußball-EM steht bevor – und die Rationalität verabschiedet sich“

  1. Passend zum Thema nun auch im deutschen Fußball eine passende Choreografie, die die meisten Werbeeinnahmen verspricht: Das DFB-Pokalfinale bestreiten Bayern München und Borussia Dortmund. Wie sehr dieses Spiel als „Traumfinale“ in allen Medien unkritisch abgefeiert wird, da es dabei vermutlich nur ums schnöde Geldverdienen geht und zahlreiche andere Partien den Fußballinteressierten, wenn sie nicht gerade Bayern- oder BVB-Fan sind, wohl mehr zugesagt hätten, beschreibt ein Artikel des Fußballportals turus.net sehr treffend.

    Damit es zu diesem „Traumfinale“ aus DFB-Sicht kam, gab es ja im Halbfinale der Bayern gegen Werder Bremen auch ordentlich Hilfe vom Schiedsrichter, der den Bayern einen unberechtigten Elfmeter schenkte, als das Spiel zu deren Ungunsten zu kippen drohte. Der gemeine Fußballfan schreit dann auch sogleich wieder „Verschwörungstheorie“, wenn man mal anspricht, ob das wohl alles so ganz sauber zugegangen ist (hab ich gerade selbst erlebt) …

  2. Der ehemalige FIFA-Präsident Sepp Blatter ist ja nun alles andere als ein vertrauenswürdiger Ehrenmann, trotzdem ist es m. E. interessant, wenn er berichtet, dass er selbst miterlebt hat, wie bei Auslosungen zu großen Turnieren oder Pokalwettbewerben geschummelt wurde, um bestimmte gewünschte Konstellationen der Spielpaarungen zu erreichen (s. dazu exemplarisch einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung). Stellt sich die Frage: Warum sollte Blatter sich so etwas ausdenken? Zumal auf diese Weise ja einige reale Vorgänge rund um „merkwürdige“ Auslosungen auch erklärbar werden.

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