Umdeutung der Begriffe

Nachdem Emmanuel Macron am letzten Wochenende zum französischen Präsidenten gewählt wurde, sind viele deutsche Politiker und auch Medien gleich vorn mit dabei, nun von ihm Reformen einzufordern. Mal davon abgesehen, dass eine solche Einmischung in die innenpolitischen Angelegenheiten eines anderen Landes mal wieder typisch deutsche Überheblichkeit sind, so wird doch auch deutlich, wie sehr der Begriff „Reformen“ sich mittlerweile gewandelt hat. Was da nämlich von Macron erwartet wird (und was er vermutlich sowieso liefern dürfte, wenn man sich seine Vitae anschaut), ist recht einseitig ideologisch besetzt und hat wenig mit der ursprünglichen Bedeutung zu tun.

Vor diesem Hintergrund habe ich mir überlegt, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von Begriffen gibt, die vor einigen Jahren oder Jahrzehnten noch eine andere Bedeutung hatten als heute, nämlich durchweg eine überwiegend positive, die sogar teilweise zentrale Schlagworte der 68er-Bewegung waren. Diese Wörter, gegen die an sich eigentlich niemand etwas haben kann, wurden dann von den Neoliberalen quasi gekapert und in ihrem eigenen Sinne umgedeutet, um so die eigenen Ideologie mit Begriffen zu besetzen, die eine positive Ausstrahlung und entsprechende Assoziationen wecken.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit habe ich mich mal an eine entsprechende Auflistung der durch den Neoliberalismus pervertierten Begriffe gemacht:

Freiheit

Klar, Freiheit ist super, die will jeder haben. Freiheit ist ein hohes Gut, das in unserem Wertkanon sehr weit oben steht. Doch schon Rosa Luxemburg machte den treffenden Einwand: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ Wenn das nicht der Fall ist, dann kann Freiheit auch schnell zum Recht des Stärkeren werden, der sich nämlich seine Freiheit auf Kosten von anderen einfach nimmt, wie er es möchte.

Und genau das ist auch der Freiheitsbegriff, wie er mittlerweile von den Neoliberalen postuliert wird: Freiheit hat demnach vor allem derjenige, der sich im Konkurrenzkampf gegen andere durchsetzen kann, Freiheit wird somit zur Legitimation für Rücksichtslosigkeit. Haste was, biste was – und dann haste auch die Freiheit, dein Leben nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Für alle anderen bleibt die Freiheit, dass sie sich vielleicht noch zwischen ein paar wenig attraktiven Alternativen entscheiden können – dass die Alternativlosigkeit ein weiteres Schlagwort der Neoliberalen ist, passt ganz genau dazu. Genauso wie der Umstand, dass Joachim Gauck als streng neoliberaler Bundespräsident den Freiheitsbegriff als Mantra seiner Amtszeit verstanden und bei jeder Gelegenheit herausposaunt hat.

Freiheit wird so von Ethik entkoppelt und entsolidarisiert verstanden – die Freiheit, sich um des eigenen Erfolges willen unsozial zu verhalten. Die Partei, die das F für „Freie“ in ihrem Namen hat, hat diesen Wandel auch vorbildlich vollzogen: vom Sozialliberalismus beispielsweise eines Karl-Herrmann Flach in den 70er-Jahren hin zu einer Freiheit nur für den, der zahlen kann, in Form von reinem Wirtschaftsliberalismus seit den 80er-Jahren.

Individualität

Eine der großen gesellschaftlichen Errungenschaften der 60er-Jahre – und wer möchte nicht gern besonders individuell sein? Dagegen spricht ja auch zunächst mal nichts, denn die Individualisierung hat schließlich auch zu gesteigerter Toleranz gegenüber Menschen geführt, die nicht das Lebensmodell gewählt haben, das man selbst praktiziert.

Der Neoliberalismus hat die Individualität nun vor allem in Egoismus transferiert: Jeder für sich, jeder ist seines Glückes Schmied, wenn jeder an sich denkt, dann ist an alles gedacht – das sind die Grundlagen des Neoliberalismus, die jeden Einzelnen quasi als Manager seiner selbst sehen, der ständig an der Optimierung der eigenen Verwertbarkeit zu arbeiten hat.

Individualität ist eine super Sache, wenn sie nicht Gruppenzugehörigkeit und sozialen Bindungen entgegensteht. Und genau aus diesen Kontexten wurde der Begriff mittlerweile gelöst, sodass das Individuum vor allem um sich selbst kreist und alles andere nicht als Bereicherung, sondern eher als Störung der eigenen Individualität wahrnimmt.

Eigenverantwortung

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der Begriff Eigenverantwortung. Eigentlich ja auch eine gute Sache, dass man autonom für seinen Kram verantwortlich ist, so bedient diese Bezeichnung mittlerweile doch auch zunehmend die entsolidarisierenden Mantras des Neoliberalismus: Gesamtgesellschaftlich garantierte Sicherheit wurde abgelöst davon, dass jeder sich um sich selbst zu kümmern hat – besonders eklatant zu sehen an der Demontage der gesetzlichen Rente. Hier wurde der Begriff Eigenverantwortung genutzt, um der Finanz- und Versicherungswirtschaft ein Bombengeschäft zu ermöglichen.

Nebeneffekt dieser Entwicklung: In einem zunehmend von Konkurrenzdenken und Wettbewerb um die beste Selbstoptimierung dominierten gesellschaftlichen Klima führt die Eigenverantwortung dazu, dass man sich für andere nicht nur nicht mehr verantwortlich fühlt, sondern sich diesen gegenüber auch noch zu profilieren sucht, um so eigene Defizite zu kaschieren oder von diesen abzulenken. Die Folgen kennen wir alle, die sind nämlich im massiven Anstieg von Mobbing in allen Lebensbereichen zu beobachten.

Gleichberechtigung/Emanzipation

Auch wenn die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern immer noch nicht komplett umgesetzt worden ist (was man schon daran sieht, dass Frauen nach wie vor für gleiche Arbeit oft weniger Geld bekommen als Männer), so hat sich da doch einiges getan, seit in den 60er-Jahren Frauen in immer größerer Anzahl ihre Rechte einforderten und der Feminismus weite Verbreitung erfuhr. Wir haben es hier also wieder mit einem positiv besetzten Wert zu tun, der entstand, als in Deutschland ein progressiver Aufbruch aus den piefigen Adenauer-50er-Jahren stattfand.

Dass Frauen arbeiten und nicht als Heimchen am Herd stehen, ist ja auch in jedem Fall eine gute Sache, nur wurde unter diesem Deckmäntelchen von den Neoliberalen eine andere Tatsache in Abrede gestellt: dass nämlich ein Familieneinkommen (was ja nicht zwangsläufig der Mann nach Hause bringen muss, auch wenn das vor einigen Jahrzehnten noch eher die Regel war) ausreicht, um ein adäquates Leben mit sozialer Teilhabe, Urlaub, Altersvorsorge und sogar der Möglichkeit, sich einen gewissen Wohlstand, beispielsweise in Form eines Eigenheims, zu leisten.

Die berufliche Selbstverwirklichung von Frauen ist nämlich mittlerweile für viele zwingende Notwendigkeit, damit die Familie überhaupt über die Runden kommt. Das hat dann weniger mit Gleichberechtigung, sondern vielmehr mit schlecht bezahlter Arbeit auf der einen und steigenden Lebenshaltungskosten für Miete, Strom usw. auf der anderen Seite zu tun. Das lässt sich allerdings von den Neoliberalen nicht so gut verkaufen, weswegen diese dann lieber auf die Emanzipation abstellen – und eigentlich Ausbeutung beider Geschlechter meinen.

Sparen

Von Sparpolitik ist ja nun seit der Finanzkrise häufig die Rede, und gerade Deutschland ist ja vorn mit dabei, andere Länder zum Sparen aufzufordern bzw, zu verdonnern. Dass hierbei allerdings gar nicht gespart (also eine Verringerung der Staatsschulden erreicht) wird, sondern dass es vor allem um die Zerschlagung sozialstaatlicher Strukturen geht, wird dabei dann nicht ganz so offen ausgesprochen.

Auch Sparen ist eine Sache, die viele erst mal positiv oder zumindest nicht negativ ansehen – sei es, dass es im Sinne von etwas zurücklegen oder als Gegenpol zur Verschwendung verstanden wird. Für die sogenannte Sparpolitik gibt es ja auch einen anderen Begriff, nämlich den der Austerität. Die ist allerdings am Ende der Weimarer Republik in der damaligen Weltwirtschaftskrise schon mal krachend gescheitert, sodass die Neoliberalen dieses Wort lieber meiden – und stattdessen eben vom Sparen fabulieren. Diese Politik muss dann durchgesetzt werden anhand von Reformen – und da sind wir schon beim nächsten Begriff:

Reformen

Super Sache – nicht so chaotisch wie eine Revolution, sondern eben eine geordnete Entwicklung hin zu etwas Besserem. Das war zumindest mal das, was man unter Reformen verstand. Mittlerweile ist das Wort schon so runtergekommen, dass allein schon die Androhung von Reformen ausreicht, um schlechte Laune zu verbreiten.

Denn was uns in den letzten Jahrzehnten an Reformen vorgesetzt wurde, hat fast immer zu einer Verschlechterung der Situation von vielen und der Anhäufung von immer größeren Vermögen von wenigen geführt: Rentenreform, Arbeitsmarktreform, Gesundheitsreform, Bildungsreform – so richtige Verbesserungen haben sich da irgendwie nicht ergeben, oder? Man hätte ehrlicherweise auch sagen können: „Wir forcieren die Umverteilung von unten nach oben weiter und sehen dabei zu, dass immer mehr Sachen profitorientiert oder öffentliche Kontrolle betrieben werden“ – aber das hätte ja nicht wirklich vielversprechend geklungen.

Also musste der eigentlich schöne Begriff Reformen dafür herhalten, diese ganzen neoliberalen Politschweinereien zu kaschieren …

Und dann gibt es noch eine Reihe von anderen Begriffen und Wendungen, die mittlerweile sehr einseitig besetzt sind, beispielsweise Globalisierung, was ja eigentlich nur noch verstanden wird als System zur Ausbeutung und nicht zu einer eigentlich vortrefflichen Möglichkeit des weltweiten Austauschs mit anderen Menschen.

Oder kreierte Begriffe wie Exportweltmeister, was eigentlich auch mit Binnennachfragedefizitweltmeister gleichgesetzt werden könnte und benutzt wird, um das ungesunde Außenhandelsbilanz Deutschlands als etwas Positives zu verkaufen. Auch die Erfindung des Fachkräftemangels gehört dazu, denn dieser Begriff wurde ja vor allem deswegen als Legitimation in die Welt gesetzt, um billige Arbeitskräfte aus anderen Ländern (vor allem Osteuropas) ins Land zu holen, die bereit sind, für weniger Geld als die Einheimischen zu arbeiten

Oder Begriffe werden fälschlicherweise verwendet: So hat sich beispielsweise für wirtschaftlich schwache Menschen der Begriff der sozial Schwachen eingebürgert – wobei die Frage bleibt, ob eine alleinerziehende Mutter, die mit Hartz IV ihren Minijob aufstocken muss, nun größere soziale Defizite aufweist als ein Investmentbanker oder Hedgefondsmanager, die aufgrund ihrer psychopathischen Anlage super erfolgreich dabei sind, mit Geld noch mehr Geld zu verdienen, und dabei dann reichlich Schaden bei anderen Menschen anrichten.

Der Neoliberalismus formt also unsere Sprache und damit auch unser Weltverständnis reichlich um, und genau dies zu durchschauen, ist ein erster Schritt, um da wieder ein wenig eigene Deutungsautonomie zu gewinnen.

Denn es ist ja kein Ende in Sicht mit dieser Umdeutung der Begriffe: Zurzeit erfährt beispielsweise die Nachhaltigkeit eine ziemliche Transformation, da dieser Begriff eben sehr positiv besetzt ist. Dass richtige Nachhaltigkeit aber nicht mit mehr Konsum einhergehen kann, sollte dabei eigentlich klar sein – und dennoch werden immer mehr Produkte genau damit beworben, sodass anscheinend versucht wird, den Begriff der Nachhaltigkeit ins Wachstumsdogma zu integrieren. Was ja an sich schon absurd ist, aber irgend wie auch nur wenige zu stören scheint …

 

Sollten Euch noch weitere Begriffe einfallen, die von den Neoliberalen pervertiert, umgedeutet, zweckentfremdet oder wie auch immer in ihrem eigenen Sinne verfälscht werden, dann teilt uns dies doch bitte mit, z. B. per Leserbrief.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 Gedanken zu „Umdeutung der Begriffe“

  1. Einen guten Hinweis bekam ich gerade auf meiner Facebook-Wall: Optimierung ist auch ein Begriff, der hierher passt. Generell spricht ja nichts dagegen, Dinge oder Prozesse zu optimieren, also zu verbessern, damit sie besser funktionieren oder reibungsloser Ablaufen. Mittlerweile wird das jedoch immer öfter ausschließlich im Sinne einer Selbstoptimierung der eigenen Person für eine bessere wirtschaftliche Verwertbarkeit verstanden.

    Es ist also Obacht angebracht, wenn jemand viel von Optimierungsbedarf spricht …

  2. Mein Favorit war lange der Gutmensch, wo nun wirklich komplett die Deutung verdreht wurde. Man soll ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man vermeintlich Schwächeren hilft, ökologisch reflektiert handelt oder sonst irgendwie nicht egoistisch genug agiert. *kotz*

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