Die Fußball-WM steht ins Haus …

… und es ist mal wieder genau das Gleiche zu beobachten wie vor vier Jahren und zum Teil auch bei den Malen davor: Der Deutsche wird in nahezu jeder Werbung schon mal drauf getrimmt, dass Pegida-Style die Farben des Sommers sind (neulich sah ich Schokoküsse in Schwarz-Rot-Gold), dazu passend werden chauvinistische Klischees bemüht, wo es nur geht.

So ist man sich bei Dr. Oetker nicht zu blöd, eine Werbung ins Rennen zu schicken, die genau das Frauenbild aus der Mottenkiste der 50er-Jahre bedient, was ja auch die AfD richtig super findet: Frauchen backt zu Hause einen schönen Fußballkuchen, um seinen Mann damit glücklich zu machen (wie hier zu Recht kritisch ein Artikel auf Bento berichtet). Und in der Hamburger Mopo wird dann die schönste Spielerfrau aus dem deutschen Team präsentiert, die aus einer Playboy-Umfrage hervorging. Wer Letzteres nun nicht sexistisch findet, kann sich ja mal drei Dinge fragen:

  1. Warum wird bei der Damenfußball-WM nicht der schönste Spielerinnenmann (bezeichnend, dass das Wort noch nicht mal meiner Rechtschreibkorrektur bekannt ist) gewählt?
  2. Was wäre wohl los, wenn man beispielsweise beim FC St. Pauli den Vorschlag machen würde, doch mal eine Wahl zur schönsten Spielerfrau anzusetzen?
  3. Ist man selbst vielleicht auch schon ziemlich im sexistischen Denken verfangen, wenn man nichts daran findet, dass Frauen nur auf ihre Funktion als schönes Anhängsel ihrer erfolgreichen Männer reduziert werden?

Und wenn dann nach den Deutschland-Spielen wieder die patriotischen Horden durch die Straßen marschieren und „Sieg heil!“-Schreien in der Öffentlichkeit noch ein bisschen akzeptierter wird, als es das seit 2006 zunehmend eh schon ist, dann steht zu befürchten, dass das Event einem progressiven und weltoffenen Denken eher keinen Vorschub leisten wird, sondern eher das Gegenteil der Fall sein dürfte. War ja nun 2014 in aller Deutlichkeit so zu beobachten, als der patriotisch-nationalistische Taumel dann über HoGeSa zu Pegida führte (das habe ich Ende 2013 ja schon so in etwa in einem Artikel prognostiziert, und in meinem WM-Fazit von 2014 schwingt das auch deutlich mit).

Und wenn man sich überlegt, wie sich vor einigen Wochen über zwei Nationalspieler aufgeregt wurde, die sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan trafen (s. dazu hier), dann wird auch klar, dass bei derartigen Nationalsport-Events sowohl Maß als auch Rationalität den meisten Menschen im Land leider für ein paar Wochen verloren gehen werden. Da kann man nur hoffen, dass in Russland bei der WM nichts Gravierendes passieren würde, was den Volkszorn der derartig überemotionalisierten und entrationalisierten Masse zum Überkochen bringen würde. Rechte Bauernfänger von AfD, CSU, CDU und FDP dürften sich dann mit Sicherheit die Hände reiben, um im Namen der Sicherheit weitere totalitäre Maßnahmen und Gesetze legitimieren zu können.

Apropos politisches Ausnutzen der WM: Es ist ja auch nichts Neues, dass schon seit Jahren gern unpopuläre Entscheidungen in der Zeit eines solchen Turniers gefällt werden, weil eben der größte Teil des Lands narkotisiert vor der Glotze hängt und es für diese Leute dann nichts Wichtigeres gibt als den nächsten Kick, und auch die Medien beschäftigen sich überwiegend mit den Spielen, sodass da etliches andere einfach schön unter den Tisch fällt (das Thema hatten wir ja vor zwei Jahren bei der EM in Frankreich schon mal hier auf unterströmt).

Und auch dies wird in diesem Jahr nicht anders gehandhabt, die ersten Entscheidungen, die so weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit hindurchbugsiert werden sollen, sickern bereits durch:

So hat Sven Giegold, der für die Grünen im EU-Parlament sitzt, eine Eilpetition (leider auf der fiesen Datenkrakenplattform change.org) ins Leben gerufen, da, wie er auf seiner Website berichtet, gerade ein interessanter Vorschlag der EU-Kommission zur Steuertransparenz von internationalen Großkonzernen im Rat der Mitgliedsstaaten zur Abstimmung gebracht werden soll. Frankreich, Großbritannien und Italien scheinen wohl dafür zu sein, Deutschland hingegen droht das mal wieder als diensteifrigster aller Konzernlakaien zu blockieren. Eigentlich ein Skandal – aber im Vorfeld einer WM kriegt das kaum jemand mit.

Und auch, dass die Bundesregierung im Eilverfahren das Parteienfinanzierungsgesetz in einer Weise ändern wollen, sodass vor allem – surpirse, surprise – die CDU und SPD profitieren, dürfte bei vielen Bürgern auf Unverständnis stoßen. In einem Artikel auf Spiegel Online dazu äußert sich Robert Habeck von den Grünen auch entsprechend zu diesem Vorgang:

Die Parteiendemokratie steht unter starkem Druck. Im Grunde mit dem Rücken an der Wand. Im Schatten der Fußballweltmeisterschaft ein Parteiengesetz an einer Stelle zu verändern, nämlich die eigene Finanzierung hochzuschrauben, ist fatal und leistet der Demokratie einen Bärendienst.

Nun kann man ja immer noch sagen, dass so was ja alles nur Beiwerk wäre und es ja eigentlich um den Sport ginge (ich kenne genug durchaus intelligente Menschen, die sich in diese Richtung äußern). Aber auch auf dieser Ebene wird immer offensichtlicher, was so eine WM im Grunde ist: eine Möglichkeit für den hochgradig korrupten Weltfußballverband FIFA, extrem viel Geld zu scheffeln. Wer also ernsthaft glaubt, dass es da in irgendeiner Form sportlich oder gar fair zuginge, der glaubt auch an den Osterhasen.

Das Muster in den letzten Jahren ist doch immer ähnlich: Deutschland muss möglichst weit kommen, da das der wichtigste Markt ist, also mindestens bis ins Halbfinale, damit man bis zum Ende des Turnier dabei ist (Finale gucken dann ja sowieso alle). Da werden dann notfalls auch schon mal Torlinien verschoben oder ausgesprochen merkwürdige Aufstellungen und Einwechslungen von den Trainern gegnerischer Teams vorgenommen, um entsprechend nachzuhelfen. Dann braucht es immer einen sympathischen Underdog, der mindestens bis ins Viertelfinale kommt, da sich viele Zuschauer gern mit so was identifizieren (mehr Zuschauer = mehr Werbeeinnahmen). Das einzige, was eine solche Turnierchoreografie vonseiten der FIFA noch stören kann, ist die Wettmafia, sodass das Spannendste an der ganzen Show eigentlich nur noch ist, wer nun gerade den Ausgang eines Spiels festlegt.

Um zu unterstreichen, wie offensichtlich solche Turniere mittlerweile nur noch unter kommerziellen Gesichtspunkten designt werden, muss man sich ja nur mal anschauen, wo die nächsten beiden Weltmeisterschaften stattfinden: 2022 in Katar (schon von Beginn an ein schlechter Scherz) und dann 2026 (wurde gerade entschieden) in den USA. Und in Kanada. Und in Mexiko. Mit 48 Mannschaften. Warum nicht gleich mit 120 Teilnehmern und dann über ein Jahr auf dem ganzen Globus verteilt? Ach nee, geht ja nicht, dann würden ja die anderen Gelddruckmaschinen der Fußballverbände (Champions League und Co.) nicht mehr stattfinden können …

Doch all das stört den dösigen Fußballfan nicht im Geringsten, denn er fiebert trotzdem, angestachelt von zahlreichen Medien, diesem Event entgegen. Und das ist für mich dann im Grunde sogar noch das Erschreckendste an der ganzen Sache: die völlige Stumpfheit einer manipulierten Masse und das wohlige Aufgehen so vieler Einzelner darin.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

One thought to “Die Fußball-WM steht ins Haus …”

  1. … und natürlich kann man bei den Spielen selbst auch schön beobachten, wie der deutschen Fußballfan seine Frauenfeindlichkeit pflegt: Die ZDF-Sportreporterin Claudia Neumman wurde nämlich aufs Übelste von vielen männlichen Zuschauern beleidigt, weil sie es wagt, als Frau Fußballspiele einer WM zu kommentieren. Tom Wellbrock liefert dazu ein passendes Statement auf neulandrebellen.

    Tja, da könnte ich mir ja glatt vorstellen, dass diejenigen, die sich da nun über Frau Neumann aufregen, eine ziemlich große Schnittmenge mit denjenigen haben, die gern behaupten, dass Muslime aufgrund ihres rückschrittlichen Frauenbildes nicht in unsere Gesellschaft passen würden.

    Es wird immer offensichtlicher: Nationalistischer Event-Fußball und reaktionäres Gedankengut – das findet dann doch mal wieder ausgesprochen gut zusammen!

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